Maria Ossowski

Berlinale: Empörung war gestern

Maria Ossowski Foto: dpa

Maria Ossowski

Berlinale: Empörung war gestern

Wir müssen von der Heuchelei und der Verdrängung der Nachkriegszeit erzählen

von Maria Ossowski  06.02.2020 06:08 Uhr

Sind Sie empört oder überrascht? Ich nicht, zu viele stiegen auf wie er. Ein Kulturmanager der jungen Bundesrepublik war einst ein bedeutender Nazi, SA-Mitglied und Referent der Reichsfilmintendanz.

Persilschein Der erste Berlinale-Chef Alfred Bauer besaß neben seinem Faible für Filme eine weitere sehr nachkriegsdeutsche Kompetenz: Er log sich dank bestellter Persilscheine seinen Lebenslauf zusammen. Mit Erfolg. In der Ruinentristesse der Inselstadt geriet sein Festival zum Glamour-Event. Stars wie Shirley MacLaine, Jean Gabin oder Sophia Loren reisten an, und mit zahnoffensivem Lächeln begrüßte sie der Ex-Nazi Bauer.

Nach Bauer benannte die Berlinale einen Preis. Der wird jetzt ausgesetzt. Zu Recht, der Typ war erst Hitleranhänger und dann ein typischer Karrierist. Nur: Damit war er überhaupt nicht allein. Wem in Politik und Kultur jubelten die Deutschen damals zu? Kiesinger und Carstens, Gründgens und Rühmann und vielen tausend anderen NS-Prominenten.

Ja, es ist notwendig, die Berlinale-Geschichte aufzuarbeiten. Vor allem aber ist es wichtig, die Heuchelei und die Verdrängung der Nachkriegszeit zu erzählen. Einer der großen Geister, der Auschwitzüberlebende Joseph Wulf, hat das versucht. Er hat Täter und Mitläufer aus Politik und Kultur in vielen Büchern benannt, ist jedoch an der dumpfen Schlusstrichsehnsucht gescheitert.

Dokumentation »Du kannst dich bei den Deutschen totdokumentieren, es kann die demokratischste Regierung sein – und die Massenmörder gehen frei herum.« Wulf nahm sich 1974 das Leben. Bauer starb 1986 hochdekoriert. Er war kein Massenmörder, aber ein einflussreicher Nazi.

Fazit: Es geht nicht allein um das Dokumentieren von Bauers Schuld. Aufarbeiten müssen wir den Ungeist, der diese Schuld bis jetzt nicht wahrhaben wollte. Und unsere moralische Trägheit.

Die Autorin ist ARD-Kulturkorrespondentin.

Programm

Israel Day, Goldene Zwanziger und ein Kult-Hai: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 18. Juni bis zum 25. Juni

 17.06.2026

TV-Tipp

Doku zeigt das Leben arabischer Transpersonen in Israel

Eine Arte-Dokumentation porträtiert Transpersonen aus Gaza, die im Exil in Tel Aviv den Traum ihrer sexuellen Selbstbestimmung zu verwirklichen versuchen

von Manfred Riepe  17.06.2026

Hollywood

Sean Penn plant Film um Polizisten bei Kapitol-Attacke

Für seine Nebenrolle in »One Battle After Another« bekam er im März seinen dritten Oscar. Nun will der Hollywood-Star wieder Regie führen - und einen brisanten Stoff anpacken

 17.06.2026

Bayern

Warum Bayreuths große Pläne zum Festspieljubiläum scheitern

Schon Richard Wagner kämpfte mit Schulden und Geldproblemen. Doch dereinst sprang Bayernkönig Ludwig II. ein. Im Jubiläumsjahr 2026 ist es komplizierter

von Kathrin Zeilmann, Britta Schultejans  16.06.2026

Bayern

»Das ist in einer Demokratie Tod durch Selbstmord«

Eigentlich sollte Michel Friedman bei einer Gedenkveranstaltung zu 150 Jahren Bayreuther Festspiele sprechen. Doch die Veranstaltung wurde aus Sicherheitsgründen abgesagt. Dafür findet er deutliche Worte

 16.06.2026

Zahl der Woche

1 Mal

Funfacts & Wissenswertes

 16.06.2026

Halacha

Deutsch-jüdischer Leuchtturm

Die Berliner Studien zum Jüdischen Recht feiern ihr 30-jähriges Bestehen an der Humboldt-Universität

von Detlef David Kauschke  16.06.2026

»Imanuels Interpreten« (22)

Herbie Mann: Der Klangsetzer

Herbie Manns Motto: »Wenn du die Musik von jemandem spielen willst, gehe zu ihm nach Hause.« Er setzte dies um, hatte dann aber die Jazz-Polizei am Hals

von Imanuel Marcus  16.06.2026

In eigener Sache

Jüdische Allgemeine depubliziert Texte von Stephan-Andreas Casdorff

Die Prüfung mit spezialisierter Software legt Nahe, dass zwei Kommentare des »Tagesspiegel«-Editor-at-Large in dieser Zeitung von einer KI geschrieben wurden

 15.06.2026