Lesen!

Zweite Geburt

Michel Friedman Foto: IMAGO/Panama Pictures

Lesen!

Zweite Geburt

Michel Friedman versucht in seinem Buch, die Paradoxien des Lebens als Kind von Schoa-Überlebenden zu meistern

von Daniel Hoffmann  14.12.2022 15:57 Uhr

Michel Friedmans neues Buch Fremd handelt von den Grundbedingungen seines Lebens, die wesentlich vom Bewusstsein des Fremdseins geprägt sind. Er hat für seine Darstellung die geeignete literarische Form gefunden, eine Art des lyrischen Philosophierens über das eigene Ich, das sich jeder gefälligen Form, jeder erwartbaren Präsentation verweigert.

Es fehlt diesem Buch deshalb auch ein griffiger Untertitel, der den Lesern eine bequeme Einordnung erlaubte. Die lyrische Gestaltung des Textes fordert stattdessen dazu heraus, bei der Lektüre einen eigenen Rhythmus, eine eigene Sprachmelodie zu finden. Die beste Wirkung erzielte Friedmans Text wohl durch einen Sprechgesang. Mit ihm würde man der Dynamik des Textes gerecht werden.

Menschenschicksal Michel Friedman versteht sein Leben als ein exemplarisches Menschenschicksal im 20. Jahrhundert. Als Kind von Schoa-Überlebenden bedrängen ihn die elementaren Fragen der menschlichen Existenz, die in Friedenszeiten nicht gestellt zu werden brauchen. Es sind die Fragen nach dem Leben, dem Überleben, dem Glück und dem Leid.

Vor dem Hintergrund der Schoa-Erfahrung wirkt ein banales Kindheitserlebnis, etwa das Erlernen des Fahrradfahrens, als Gratwanderung zwischen Fürsorge und Leid. Auch das Eisessen mit der Mutter wird zur existenziellen Erfahrung. Das steigert sich bis zu der erschütternden Szene, in der Friedman nach dem Tod der Eltern erkennt, dass er von ihnen auf den Tod nicht vorbereitet worden ist. Das ist das Paradox im Leben eines Kindes von Überlebenden.

In Friedmans konzentriertem Stil ist kein Wort zu viel gesagt.

Friedman versucht in seinem Buch, dieses Paradox zu meistern. Das gelingt ihm zum einen durch eine Sprache, die zwar nicht über einen herkömmlichen Wortschatz hinausgeht. Aber in seinem konzentrierten Stil ist kein Wort zu viel gesagt. Dadurch erhalten seine Worte ein eigenes Gewicht.

Zum anderen ist der Text auf die Kernfamilie von Mutter, Vater und Kind eingeschränkt. »Meine Eltern«, »meine Mutter« und »mein Vater« bilden das Zentrum einer Geschichte, die mit der Hypothek der Schoa eine Kindheit und Jugend zu bewältigen hat. Am Ende gelingt Friedman die Selbsterkundung und Selbstbehauptung seines Lebens, indem er sich wie in einer zweiten Geburt gegen alle Anfeindungen, Begrenzungen und Widerstände von außen in die Welt, die ihn endlich leben lassen soll, hinein gebiert.

Michel Friedman: »Fremd«. Berlin Verlag, München 2022, 171 S., 20 €

Musik

Drake hat mehr Hits als Michael Jackson

In den Top 10 Single-Charts entfallen neun der zehn Plätze auf den jüdischen Rapper. Sein neuer Song »Janice STFU« sprang soeben direkt auf Platz 1 der Billboard Hot 100

 28.05.2026

Meinung

Kein Boykott – nur Abscheu

Die irische Schriftstellerin Sally Rooney möchte ihren neuesten Roman doch auf Hebräisch übersetzen lassen. Zuvor sortiert sie aber Israelis aus - und das Mitgefühl gleich mit

von Sabine Brandes  27.05.2026

Berlin

Orden Pour le mérite begrüßt Wolf Biermann als neues Mitglied

Die Künstler- und Gelehrtenvereinigung Pour le mérite trifft sich am Wochenende in Berlin zu ihrer Jahrestagung. Dabei werden neue Mitglieder in den exklusiven Kreis aufgenommen

 26.05.2026

Kino

»Über die Verkrampftheit hinwegkommen«

Andreas Brämer, Rektor der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg, über den jüdischen Filmclub in der Stadt am Neckar

von Ayala Goldmann  26.05.2026

»Imanuels Interpreten« (21)

Sammy Davis Jr.: Der Entertainer

Schon als Kind steht er auf der Bühne, als junger Erwachsener bekommt er den Rassismus zu spüren und wird dennoch ein Star. Im Jahr 1960 konvertiert der legendäre Unterhalter zum Judentum

von Imanuel Marcus  26.05.2026

Führung

Open-Air-Ausstellung zum jüdischen Leben in Erfurt

Ab Freitag führt ein Rundgang auf 19 Stationen durch das historische jüdische Viertel Erfurts und verbindet Geschichte mit digitalen Angeboten

 26.05.2026

Geburtstag

Bob Dylan wird 85: Genie, Grenzgänger und niemals greifbar

Die berühmte Frage in seinem bekanntestem Song lehnt sich direkt an diese Geschichte an: Wie fühlt es sich an, ohne ein Heim zu sein, wie ein völlig Unbekannter, wie ein rollender Stein?

von Paula Konersmann  24.05.2026

New York

Bob Dylan - Der geniale Sonderling

Protestlieder, elektrischer Rock, Country-Alben, religiöse Musik. Die Welt hat ihm einige der einflussreichsten Musikstücke zu verdanken. Eine Ikone wollte er aber nie sein

von Anne Pollmann  24.05.2026

Zahl der Woche

85 Jahre

Fun Facts und Wissenswertes

 24.05.2026