#Genesis

Zurück auf Anfang

Im Anfang war das Wort: Samouil Stoyanov, Damian Rebgetz, Wiebke Puls, Daniel Lommatzsch (v.l.) Foto: David Baltzer

In München ist die Erde eine Scheibe. Sie dreht sich und verändert immer wieder ihren Winkel. Einen wirklich sicheren Standpunkt gibt es nicht. Nicht für die Schauspieler, und schon gar nicht bei den Antworten auf die Fragen, die sie verhandeln: Wann war der Moment, in dem alles aus dem Ruder gelaufen ist?

Privat, im Leben der Darsteller? Aber auch ganz allgemein, in der Beziehung zwischen Gott und seinen Geschöpfen? Über dem Erdenkreis, den Wolfgang Menardi auf die Bühne der Kammerspiele gebaut hat, schwebt ein weiterer, der das Treiben unten spiegelt. Diese quasi göttliche Perspektive erlaubt einen Blick auf die Menschlein wie in einer Petrischale.

Bereschit Der Abend hat tatsächlich etwas von einem wissenschaftlichen Experiment. Zugegeben, einem sehr unterhaltsamen. Die Theatermacherin Yael Ronen, 1976 in Jerusalem geboren, geht mit ihrer am Sonntag uraufgeführten Performance Genesis zum Beginn, zum »Starting Point« zurück. Ihre gut 100 Minuten lange Produktion (keine Pause) ist fabelhaft komisch, herrlich respektlos, mitunter entwaffnend klug und von poetischer Zartheit.

Nach Point of no Return ist Genesis die zweite Arbeit Ronens für das Haus an der Maximilianstraße. Vor zwei Jahren erzählte sie vom Amoklauf im Münchner Olympia-Einkaufszentrum und versuchte, diese Tat mit dem Video einer Überwachungskamera zusammenzubringen, das zeigt, wie im Oktober 2015 am zentralen Busbahnhof von Beer Sheva in Israel während eines Attentats Menschen fliehen. Es war eine Inszenierung, die trotz ihres überzeugenden Auftakts nur bedingt glückte – und letztlich hinter ihrem eigenen Anspruch zurückblieb.

Ganz anders Ronens Genesis. Yael Ronen und ihre sechs Darsteller beleuchten einen möglichen Startpunkt der Menschheitsgeschichte, blicken auf den Abschnitt Bereschit und reflektieren den Umgang mit der Schöpfung, das Geschlechterverhältnis, Neid und Gewalt aus heutiger Perspektive. Zudem geht es um Genderfragen und Queerness.

berührend All das inszeniert die Regisseurin auf der visuell beeindruckenden Bühne als einen Parforceritt: vorbei an Adam, Eva, Lilith, dem Sündenfall, Kain und Abel. Stets bemüht sich das Ensemble, »das Loch zu erklären zwischen dem, was wir wissen, und dem, was wir nicht wissen können«, wie es an einer Stelle heißt. Mit Tempo, Witz und in schnoddrigem Tonfall geht es um die Einsamkeit Gottes (»Er kann nicht einmal nach Hause gehen, weil er schon da ist«), um patriarchale Strukturen in der Tora (»Ganz offensichtlich hat er ein Problem mit Frauen«), aber auch um die alternativen Schöpfungsmythen der Japaner und Ägypter.

Gespielt wird das Ganze von einem hoch engagierten Ensemble, aus dem vor allem Zeynep Bozbay mit einem derben, aber wahrhaftigen Lilith-Solo (»Ich hatte Text, ganz ehrlich. Er hat alle meine Szenen rausgekickt. Dann hat er noch die Scheiße über mich in der Kabbala erzählt!«) und Samouil Stoyanov als eifersüchtig-einsamer Schöpfer herausstechen.

Mit ihrem Netz aus klugen Pointen und schlichten Kalauern, das Yael Ronen über die Schöpfungsgeschichte wirft, fängt sie immer wieder berührende Momente und starke Gedanken ein. Wie in vergangenen Inszenierungen nutzt die 42-Jährige, die Hausregisseurin am Berliner Maxim Gorki Theater ist, tatsächliche oder behauptete Bezüge auf die Biografien ihrer Darsteller. Das erklärt den Hashtag im Titel der Produktion: Genesis versammelt eben auch viele persönliche Geschichten von Anfang und Ende, vom Ringen mit dem Glauben.

Schabbes »Wenn wir uns unseren Problemen nähern wollen, müssen wir uns Gott nähern«, heißt es gleich zu Beginn dieses bemerkenswerten Theaterabends. Und so kriegen sich die Darsteller erst einmal heftig in die Haare, als sie beginnen, über die Religionszugehörigkeit Gottes zu streiten. Der 1987 in Haifa geborene Schauspieler Jeff Wilbusch postuliert: »Er ist Jude!«, während sein bulgarischer Kollege Samouil Stoyanov dagegenhält: »Er ist Christ!«. Eine Lösung bietet Wiebke Puls, Tochter eines Pastors: »Gott ist nicht religiös. Er ist.«

Ja, dieser Disput und viele andere Szenen sind laut, schlagfertig und komisch inszeniert, doch Yael Ronen und ihre Mannschaft zeigen, dass sie auch behutsam können. Am Ende wird Wilbusch in einem leisen Solo einräumen: »Schon als kleines Kind konnte ich mir nicht vorstellen, dass Gott etwas dagegen hat, wenn ich an Schabbes male oder den Staub aus meiner Hose klopfe.« Heute sei sein Leben zwar »einfacher, bequemer« – doch gebe es in ihm »eine Sehnsucht, ein großes Loch«.

In ein solches verschwindet schließlich via Videoprojektion das Bild des Schöpfers, wie Michelangelo ihn in seinem Fresko Die Erschaffung Adams gemalt hat. Ihm folgt, vom selben Schicksal ereilt: eine Schöpferin, eine dunkelhäutige Frau, gezeichnet in gleicher Pose wie der bärtige weiße Mann von der Decke der Sixtinischen Kapelle. Es bleiben: die Menschen. Ratlos? Hoffnungsvoll? Allein. Einige wenige Buhs für die Regie; langer, heftiger Applaus.

Die nächsten Aufführungen finden am 5., 12. und 15. November statt.

Theater

Die mit den Wölfen heult

Die esoterisch-durchgeknallte Komödie »Blood Moon Blues« am Berliner Gorki-Theater spielt in einem Aschram am Toten Meer

von Ralf Balke  27.11.2022

Lesen!

Lotte Laserstein

Das Werk der Malerin geriet in Deutschland jahrzehntelang in Vergessenheit und wurde erst in den vergangenen 20 Jahren wiederentdeckt

von Emil Kermann  25.11.2022

Auszeichnung

Yasmina Reza erhält Prix de l’Académie de Berlin

Die französische Theaterautorin begeistere »mit ihren bitterbösen Theaterstücken voller Witz und Eleganz«

 24.11.2022

Kino

»Die jüdische Erfahrung mit der Nachkriegszeit ist komplex«

Welche Wirkung hatten jüdische Filme nach 1945? Ein Interview mit Doron Kiesel und Lea Wohl von Haselberg

von Astrid Ludwig  24.11.2022

Erinnerung

»Die Menschen wollten sehen, wo Anne Frank starb«

Vor 70 Jahren wurde in Bergen-Belsen die bundesweit erste KZ-Gedenkstätte errichtet

von Michael Althaus  24.11.2022

Kino

Starträchtig und divers

Vier neue Filme warten mit facettenreichen Geschichten auf – und Schauspielern wie Timothée Chalamet, Jeremy Strong und Gad Elmaleh

von Ayala Goldmann, Emma Appel, Jens Balkenborg  24.11.2022

Porträt

Whomm!

Klar denken viele bei ihm immer noch nur an »Disco«. Doch diese Zeiten liegen lange hinter Ilja Richter. Der ewige Sunny-Boy wird heute 70 Jahre alt. Nicht an alles erinnert er sich gern

von Gerd Roth  24.11.2022

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

 24.11.2022

Wiesbaden

Die Nachkriegszeit aus jüdischer Perspektive

Welche Auswirkungen hatte die Nachkriegszeit auf die jüdische Gemeinschaft? Ein dreitägiges Seminar geht dieser Frage nach

von Lilly Wolter  23.11.2022