Berliner Theatertreffen

Zu Hilfʼ, zu Hilfʼ!

Szenenbild aus der Original-Aufführung von »Nathan der Weise« bei den Salzburger Festspielen Foto: © SF / Monika Ritterhaus

»Das rückt einem sehr nahe«, sagt Janis El-Bira stellvertretend für die Jury des Theatertreffens. Gemeint ist Ulrich Rasches Nathan der Weise, mit dem am Donnerstag vergangener Woche das Berliner Theatertreffen eröffnet wurde. Die Inszenierung wurde im vergangenen Sommer bei den Salzburger Festspielen gezeigt (die Jüdische Allgemeine berichtete) und war bereits »abgespielt«, als die Einladung nach Berlin erfolgte – nach den beispiellosen Massakern des 7. Oktober in Israel. Sieht man diesen »Nathan« nun anders?

Der 7. Oktober schwingt mit, wenn auf der verdüsterten und vernebelten Bühne der Chor – in den Worten des deutschen Philosophen Johann Gottlieb Fichte – proklamiert, dass man den Juden die Köpfe abschneiden müsse. Oder – wie es bei Lessing steht – »Der Jude wird verbrannt!« ausruft. Auch Matthias Pees, der Leiter der Berliner Festspiele, die das Theatertreffen ausrichten, nimmt in seiner Eröffnungsrede Bezug auf den 7. Oktober und berichtet von dem Besuch einer Hochschule in Israel.

Brutaler Glaubenskrieg bei Lessing

Vier Stunden lang stapfen die Schauspieler auf ihren eigenen Bahnen über die sich unaufhörlich drehende Bühne, die Sprache kommt stoßweise, wie zerhackt aus ihnen heraus. Es wirkt wie der Nullpunkt menschlicher Verständigung. Diese »Ästhetik des Gehens«, wie Rasche es im Nachgespräch nennt, zeigt den brutalen Glaubenskrieg bei Lessing, aber auch das Ankämpfen dagegen. Bis nach Mitternacht geht das Gespräch, für das viele Zuschauer im Haus der Berliner Festspiele verblieben sind.

So düster und unausweichlich die Inszenierung mit ihren phänomenalen Lichtstimmungen auf den ersten Blick wirkt, so hoffnungsvoll ist sie gemeint. »Es geht um das Verbindende«, sagt Rasche. Wahrheit sei nur erreichbar in einer gemeinsamen Bewegung, die sich gegen den Privatbesitz wendet – vom Wahren und von Waren. So äußert sich auch der Anwalt Wolfgang Kaleck, der für das Nachgespräch einen kurzen Impuls beisteuert, in dem er sich auf Die Judenfrage von Karl Marx bezieht.

Valery Tscheplanowa, die den Nathan spielt, spricht vom Jüdischsein als Bild des Ausgestoßenen. El-Bira fügt hinzu, dass Nathan in seinem Jüdischsein bis zuletzt bedroht ist. Und doch, auch das zeigt das Nachgespräch, will und kann dieser Abend nicht den modernen Judenhass erklären. Regisseur Rasche möchte seinen »Nathan« gar als optimistischen und nicht als dunklen Abend verstanden wissen, der sich am Ende der Aufklärung und der Hoffnung auf Verständigung verbunden zeigt.

Rasche lässt seinen »Nathan« nicht mit den »allseitigen Umarmungen« enden, wie es bei Lessing steht. »Zu Hilfʼ, zu Hilfʼ!«, ruft Tscheplanowa stattdessen am Ende – ein einsamer Ruf im großen Dunkel. Eigentlich sollte sie zum Schluss noch einmal die gesamte »Ringparabel« sprechen, doch das habe sie stimmlich nicht bewältigen können, erzählt die Schauspielerin. So schrumpfte der große Aufklärungsmonolog auf den Hilferuf zusammen – als Minimalforderung an die Humanität.

Die Musik wummert das Hirn weich

Wie unerbittlich das Weltgetriebe ist, in das der einzelne Mensch – zudem als Jude – geworfen ist, demonstriert Rasche in gewohnter Manier. Die Musik, komponiert von Nico van Wersch, wummert einem das Hirn weich, die Bühne – sonst in schönster Düsternis – wird nur mit der »Ringparabel« in gleißendes Licht getaucht. Selbst die Annäherung zwischen Julia Windischbauer als Recha und Mehmet Atesçi als Tempelherr verbleibt wie vieles andere auch eher schummrig im Andeutungshaften.

Was Rasche in seiner Inszenierung – auf physisch rabiate Weise – erlebbar macht, ist die Entfernung zwischen dem Jetzt-Zustand und den utopischen »allseitigen Umarmungen«. Im Stück erzählt Nathan von einem Massaker, bei dem seine Frau und sieben Kinder von Christen ermordet wurden – und doch habe er durch sein Ziehkind Recha wieder Hoffnung gewonnen. Das hat nach Ereignissen wie dem 7. Oktober 2023 etwas Weltfremdes, doch diese utopische Fremdheit kann man das Privileg der Kunst vor der Politik nennen.

TV-Aufzeichnungen vom Theatertreffen sind bis zum 30. August zu sehen. https://mediathek.berlinerfestspiele.de/de/theatertreffen/2024/3sat-starke-stuecke

Aufgegabelt

»Back to school«-Müsliriegel mit Tahini

Rezepte und Leckeres

 31.08.2026

Tournee

Graham Gouldmans Band 10cc kommt nach Deutschland

In diesem Monat erobert die legendäre britische Gruppe fünf Bühnen in der Bundesrepublik. In welchen Städten sind Auftritte vorgesehen?

 31.08.2026

Debatte

Börsenverein des Deutschen Buchhandels hält an Jurorin El Hissy fest

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels weist Vorwürfe gegen die Jurorin Maha El Hissy zurück. Hintergrund ist eine Essayserie der Autorin, wegen der ihr die Verbreitung israelfeindlicher Stereotype vorgeworfen wurde

 31.08.2026

Interview

»Meine Musik soll Herzen öffnen«

Motty Steinmetz ist in der orthodoxen Welt ein Superstar. Sein Großvater überlebte Auschwitz, nun tritt er zum ersten Mal in Deutschland auf. Wir haben mit dem chassidischen Sänger gesprochen

von Jan Feldmann, Mascha Malburg  31.08.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Es war der Sommer 1987, und fast immer sah ich »Dirty Dancing«

von Margalit Edelstein  30.08.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter  30.08.2026

Hessen

Antisemitismusbeauftragter kritisiert Berufung von Maha El Hissy in Jury des Deutschen Buchpreises

Uwe Becker charakterisiert die Literaturkritikerin als »Multiplikatorin israelfeindlicher Stereotype« und hofft auf ihre Abberufung

 30.08.2026

70 Jahre »Bravo«

Dr. Sommers Vermächtnis

Von 1969 bis 1984 war der Arzt Martin Goldstein »Dr. Sommer«, einer der wohl berühmtesten Ratgeber, den der deutsche Journalismus je hatte

von Hanna Persson  28.08.2026

Musik

Abschied von Berlin

Sharon Brauner über ihr neues Lied » Kind dieser Stadt« und warum die Urberlinerin ihre Heimat verlassen will

von Jan Feldmann  28.08.2026