Israel

Zionismus der kleinen Gesten

Theodor Herzl Foto: picture alliance / opale.photo

Israel

Zionismus der kleinen Gesten

Das gesellschaftliche Leben im jüdischen Staat ist nicht nur von Leiden, Ideologie und dem kommenden Messias bestimmt. Ein Zwischenruf von Natan Sznaider

von Natan Sznaider  27.08.2024 13:20 Uhr

Der israelische Brigadegeneral Barak Hiram hielt kürzlich eine Rede über den Zionismus der großen Gesten. Es ging um Standhaftigkeit, um das ewige Volk, das seiner Vergangenheit und Zukunft verpflichtet ist. Und es ging um die Kultur, die in seinen Augen für den Angriff der Hamas am 7. Oktober verantwortlich ist.

Hiram sprach nicht über das Versagen der Armeeführung, zu der er gehört, er beschuldigte vielmehr die säkulare und liberale Kultur Israels: »Eine Gesellschaft, die danach strebt, leicht und lebendig zu sein, losgelöst von den Verpflichtungen ihrer Vergangenheit und von der Last ihrer Zukunft, gibt sich vor allem dem Augenblick der Gegenwart hin. Unsere Feinde erkannten dies und glaubten, nun sei die Gelegenheit, uns auszurotten.«

Vor allem knöpfte sich Hiram den Hightech-Bereich vor und die Menschen, die den finanziellen und persönlichen Erfolg über das Kollektiv stellen. Er nahm aber auch Bezug auf die Verantwortung der Armee und räumte ein, dass diese am 7. Oktober versagte.

Reaktionen ließen nicht auf sich warten, das Bashing wirkte. Die so Beschuldigten waren teilweise sprachlos, denn sie hatten in der Tat keine Sprache, wie man diesen großen Gesten begegnen sollte. Auch ich gehörte zu den Sprachlosen und wusste im Moment nicht, ob ich wirklich in meiner Naivität Schuld am 7. Oktober hatte, in der Illusion lebend, dass Israel ein Stück im Nahen Osten gestrandetes Europa wäre.

Ich lebe seit 1974 nicht mehr in Deutschland. Ich habe einen anderen jüdischen Weg eingeschlagen, den der jüdischen Selbstbestimmung, auch Zionismus genannt. Ich wollte kein Jude in der Diaspo­ra, sondern ein souveräner jüdisch-israe­li­scher Staatsbürger sein. Ich bin kein Sklave, sondern der Sohn von Sklaven, ich bin kein Überlebender eines Genozids, sondern der Sohn von Überlebenden. Ich spürte den Gegenwind meiner unmittelbaren Umgebung, die den Mord an den israelischen Athleten 1972 in München als antiimperialistischen Akt feierte und mir seit dieser Zeit die Lust sowohl auf jegliche Olympische Spiele als auch auf internationale Solidarität verdarb. Ich ließ die bekannte Welt hinter mir, um Freiheit zu atmen. Und die Stadt Tel Aviv, in der ich lebe, symbolisiert diese Freiheit und das Versprechen von Normalität mehr als jeder andere Ort in Israel.

Zwei Jahre nach meiner Ankunft in Israel befreite ein israelisches Kommando jüdische und israelische Geiseln aus einer entführten Air-France-Maschine. Ich war stolz und bewunderte die Befreier. 48 Jahre später wünsche ich sie mir für die immer noch gefangenen israelischen Geiseln in Gaza.

Hirams Zionismus der großen Gesten steht Theodor Herzls Utopie eines Zionismus der kleinen Gesten gegenüber. Der Wiener Journalist und Schriftsteller entwarf die Idee einige Jahrzehnte vor der jüdischen Katastrophe. In Altneuland stellte er 1902 seinen europäischen Traum, in dem Juden als Europäer außerhalb Europas leben können, vor: blühende Städte, Opernhäuser, bei deren Besuch weiße Handschuhe genauso dazugehörten wie das kultivierte Deutsch oder Französisch, das man dort sprach.

Es war ein wunderschönes Europa, ja ein besseres Europa ohne Antisemiten im Nahen Osten. Alt­neuland wurde ins Hebräische als Tel Aviv übersetzt – und zu Ehren Herzls einige Jahre später eine Stadt mit diesem Namen gegründet. Es ist ihre Kultur, die so entschieden von Barak Hiram als Auslöser des 7. Oktober beschuldigt wurde.

Der Zionismus der kleinen Gesten ist sprachlos, ja muss sprachlos sein. Es ist der Zionismus der lieb gewonnenen Gewohnheiten: das wöchentliche Treffen mit den Freunden, das gelegentliche Konzert in der Tel Aviver Philharmonie, wo deren Direktor Lahav Shani gemeinsam mit Beethoven vergessen macht, dass man im grausamen Nahen Osten lebt, der kalt gestellte Wein auf dem Balkon für den Fall, dass die Hisbollah trotzdem oder vielleicht sogar deswegen angreifen wird. Der kleine Hummusladen an der Ecke, bei dem sich jeden Morgen ältere Herren treffen und feiern, dass noch ein Tag vergangen ist. Und der Trost der Familie.

Das ist der Zionismus der kleinen Gesten. Holocaust-Überlebende, die in einem Strandcafé eine hebräische Zeitung lesen, die aus Nordafrika stammende Bankange­stellte, die einem aus Odessa eingewanderten Juden einen Kredit ausstellt, auf Hebräisch. Ein arabischer Professor, der in einem hebräisch geschriebenen Zeitungsartikel gleiche Bürgerrechte einfordert, ein orthodoxer Rabbiner, der in einer Talkshow auf Hebräisch mehr Heiligkeit für den Schabbat einklagt, und junge Schwule und Lesben, die ihre Ehen anerkannt haben wollen.

Das gesellschaftliche Leben Israels ist nicht nur von Ideologie, Leiden und dem kommenden Messias bestimmt. Die meisten Menschen wollen ein kleines, nicht­heroisches und ideologiefreies Leben führen, ihre Kinder in die Schule schicken, Urlaub machen, sich neue Dinge kaufen, sich auf einen Kaffee treffen und den nächsten Tag überleben.

Dies setzt eine Politik im Hier und Jetzt voraus. Aber ist das genug, den dunklen Kräften, die das Land wie ein Nebel umhüllen, Widerstand zu leisten? Wir wissen es nicht. Ohne den Zionismus der großen Gesten eines Barak Hiram können wir hier nicht leben, aber ohne unseren Zionismus der kleinen Gesten wollen wir hier nicht leben.

Der Autor ist emeritierter Professor für Soziologie in Tel Aviv. Er wurde 1954 in Mannheim geboren. Vor Kurzem erschien von ihm »Die Jüdische Wunde. Leben zwischen Anpassung und Autonomie« (Hanser Verlag).

Berlin

Dieter Nuhr erhält Leo-Baeck-Preis 2026 des Zentralrats der Juden

Mit der höchsten Auszeichnung des Zentralrats würdigt die Organisation insbesondere Nuhrs Engagement gegen Antisemitismus in der deutschen Medienlandschaft

 11.05.2026

Monacensia

Münchner Schau zum Archiv von Rachel Salamander

Dem Jüdischen wieder Präsenz geben in der Gesellschaft: Das war das Ziel, das die Literaturwissenschaftlerin Rachel Salamander mit ihrer Buchhandlung erreichen wollte. Nun wird ihr Archiv nach und nach erschlossen

von Barbara Just  11.05.2026

TV-Tipp

Vieldiskutierter Blockbuster »Barbie« bei RTL - Komödie um die legendäre Puppe und eine irrwitzige Identitätskrise

Greta Gerwigs Erfolgsfilm um die berühmte Puppe Barbie, deren sorgenfreies Leben durch dunkle Gedanken gestört wird, so dass sie sich mit ihrem Verehrer Ken in die Welt der Menschen aufmacht, um die Krise zu überwinden

von Michael Kienzl  11.05.2026

ESC-Kolumne

Israel beim ESC: Gesungene Geschichte

Viermal hat Israel den Europäischen Gesangswettbewerb gewonnen. Wie sieht es wohl diesmal aus?

von Martin Krauss  11.05.2026

Wien

Israels ESC-Fans: Sind keine Repräsentanten für Politik des Landes

Sie sind stolz, Israels Interpreten anzufeuern und die Landesflagge zu schwingen. Eines wollen die Fans aus Nahost beim ESC aber nicht sein: politische Vertreter

 10.05.2026

Italien

Überschattet von Skandalen: Venediger Kunstbiennale beginnt

Die Jury tritt zurück, die große Feier fällt aus und ein israelischer Künstler sieht sich »völlig isoliert« – die 61. Kunstbiennale in Venedig war schon vor Beginn beschädigt. Nun hat sie ihre Tore offiziell geöffnet

 10.05.2026

Eurovision

Noam Bettan probt mit Buhrufen

Mehrere Länder boykottieren den Eurovision Song Contest 2026 wegen der Teilnahme Israels. Wie geht der Kandidat des Landes damit um, dass er in Wien zudem mit Störaktionen und Buhrufen rechnen muss?

 10.05.2026

Medien

Kristin Helberg, der Hass auf Israel und der urdeutsche Wunsch nach Entlastung

Ein Kommentar von Jan Fleischhauer

von Jan Fleischhauer  10.05.2026

Aufgegabelt

Geburtstagskuchen

Rezepte und Leckeres

 10.05.2026