Kino

Zagreb – Gießen und zurück

Tochter aus Partisanenadel: Adriana Altaras Foto: Tassilo Letzel / XVerleih

Wer spielt schon im zarten Alter von nur drei Jahren in einem Kriegs‐ und Heldenfilm? Nikoletina Bursac hieß das Debüt der Schauspielerin Adriana Altaras, die als süßer Fratz in diesem jugoslawischen Partisanendrama auftrat, das 1965 unter dem Titel Es geschah in Bosniens Bergen auch in der DDR in die Kinos kam.

Doch bei der Filmpremiere 1963 hatte das kleine jüdische Mädchen, Tochter von in Ungnade gefallenen einstigen Partisanen, Titos Reich bereits verlassen. Von ihrer Tante zunächst nach Italien geschmuggelt, kam sie dann im Alter von sieben Jahren in die hessische Provinz, nach Gießen.

roadmovie Dort beginnt die filmische Reise in die Vergangenheit, die Adriana Altaras nun in der dokumentarischen Verfilmung ihres autobiografischen Buchs Titos Brille von 2011 antritt, und die ab dieser Woche in den Kinos läuft. Altaras ist auf der Suche nach den Geheimnissen ihrer »strapaziösen Familie«, wie es im Untertitel des Buchs heißt, und bei aller Leichtigkeit, allem beschwingt respektlosen Humor, flackert gelegentlich auch Verzweiflung durch, dass die Tochter mit dieser Familienlast von Geheimnissen und Lügen von ihren Eltern allein gelassen wurde.

Zuerst lernen wir jedoch die ebenfalls normal strapaziöse eigene Berliner Familie der Protagonistin kennen. Der Ehemann, ein gutmütiger, katholischer Westfale, zwei Söhne, beide schon durch den Altersunterschied sehr unterschiedlich. Der jugendliche Coole und sein engagierter kleiner Bruder, das Nesthäkchen der Familie. Doch dieser Prolog in Berlin endet schnell, denn die gefilmte Mutter muss auf Reisen gehen.

Titos Brille ist ein Roadmovie und ein ebenso unterhaltsamer wie nachdenklicher Dokumentarfilm, eine One‐Woman‐Show und eine Reise in ein Land, das von den Landkarten verschwunden ist: Jugoslawien. Dort war Jakob Altaras einst der Leibarzt Titos, floh mit dem Partisanenführer vor den deutschen Besatzern und ihren einheimischen faschistischen Verbündeten in die Berge und auf abgelegene Inseln.

Später wurde Jakob nach einem Schauprozess aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen, kämpfte aber mutig um seine Rehabilitierung. In Deutschland baute er sich im Exil ein neues Leben als anerkannter Gießener Arzt und Professor auf. Man hat ihm in der mittelhessischen Stadt sogar ein kleines Denkmal gebaut, dass seine Tochter allerdings ästhetisch ziemlich abscheulich findet.

liebschaften Adriana Altaras fährt im alten Mercedes ihres Vaters diese Lebensstationen ab, zu denen auch die Schoa in Jakob Altaras’ kroatischer Heimat gehört – ein Stück Geschichte, über das der Zuschauer weithin unbekannte Details erfährt. Bevor sich jedoch eine gewisse Schwere einstellen kann, wird dieser Film der Regisseurin Regina Schilling immer wieder ironisch gebrochen.

So können die Ex‐Jugoslawen auf der Insel Vis, wo sich Tito einst versteckte, den Heldenfilm Nikoletina Bursac nicht mehr ertragen, den Adriana Altaras in einer ganz eigenen »Family & Friends«-Vorführung in einem Freilichtkino ihren Söhnen präsentiert. Es sind gerade die persönlichen Geschichten, die Familienintrigen, die Liebschaften des Vaters, das Kratzen an seinem Heiligenschein und die unendlich vielen unbeantworteten Fragen, die diese filmische Reise so bereichern. ohne in ein voyeuristisches Home‐Movie abzugleiten.

»Geheimnisse sind das Allerletzte« meint Adriana Altaras, und manchmal wird es auch dieser resoluten, witzigen, selbstironischen Frau einfach zu viel. Aber ohne diese Geheimnisse gäbe es nicht diese informative, rasante und hochsympathische Reise in die (Familien‐) Geschichte – ein wunderbares »Feel Good & Feel Sad Movie«.

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