Kultur

Wo der Witz wohnt

Ein guter jüdischer Witz ist doppelbödig, ironisch und hat Galgenhumor. Foto: Comic: Ben Gershon

Mensch sein, heißt Geschichten erzählen. Gute Geschichten haben einen Anfang, eine Mitte und ein Ende – drei Elemente, die möglichst eng beieinander liegen sollten. Gute Geschichten mäandrieren nicht. Sie sind knapp, geradlinig und zur Pointe zugespitzt. Die besten enden im Gelächter. Das ist schon die Definition eines gelungenen Witzes. Sigmund Freud hat es so ausgedrückt: Was der Witz zu sagen hat, erzählt er nicht bloß mit wenigen, sondern zu wenigen Wörtern.

Auch deshalb hat der Autor dieser Zeilen Zeit seines Lebens Witze ebenso gern gehört wie erzählt – das ganze Spektrum vom Wortspiel bis zur nicht salonfähigen Sorte. Besonders hatten es ihm jüdische Witze angetan. Wenn die gut sind, sind sie besonders gut, weil sie Doppelbödigkeit, Ironie, Selbstironie, Verbalakrobatik und Galgenhumor mischen. Das Ganze wird serviert mit Frechheit, Selbstverspottung und Auflehnung gegen Gott und Geistlichkeit. Hinzu kommt eine Portion des Absurden und scheinbar Widersinnigen. Wenn er richtig gut ist (und es gibt viele platte Beispiele), ist der jüdische Witz so geistreich wie weise – und mit garantiertem Gelächter.

erklärung Doch so mancher jüdische Witz erfordert eine (leider pointentötende) Erklärung, die sich auf Ritus und Speisegesetze, auf das Verhältnis zu Gott und Religion bezieht. Wenn man indes schon Witze erklären muss (eine Todsünde), warum nicht umgekehrt mit Witzen die Kultur und Religion erklären – umso mehr, als ein jüdischer Witz ein Theologieseminar in ein paar Sätze fassen kann?

Ein weiterer Vorzug des jüdischen Witzes: Sie sind eine spielerische Einführung ins Judentum, das den meisten deutschen Lesern unvertraut ist. Unvertrautheit trifft inzwischen mehr und mehr auch auf das Christentum zu. Vor zwei Generationen kannte fast jeder das Neue und Alte Testament; die Bibel war das einigende Band zwischen »oben« und »unten«, Stadt und Land, Nord und Süd. Heute kann man nicht mehr auf diese Kenntnisse zählen. Wie viele kennen noch das Gleichnis vom Weinberg?

quellen Ein zweiter, noch wichtigerer Gesichtspunkt kommt hinzu. Zwar gibt es reichlich Jüdische‐Witze‐Sammlungen auf Deutsch. Aber diese schöpfen aus inzwischen verschütteten Quellen: der untergegangenen jüdischen Kultur Osteuropas und Russlands. Die klassischen Witze, die immer wieder auftauchen, haben sozusagen einen Bart, auch die allerbesten. Und: Selbst Juden kennen die alte Welt nicht mehr, die bevölkert war von Schnorrern und Schadchen, Fuhrleuten und Hausierern, Wunderrabbinern und Zweiflern, Zaren, Bütteln und Gutsherren.

Manche klassischen Witze sind zwar zeitlos oder lassen sich weitgehend getrennt von ihrem historischen Hintergrund erzählen. Aber der lebendige jüdische Witz hat inzwischen eine neue Heimat gefunden, vorweg in Amerika, gefolgt von Großbritannien und Kanada. Kein Wunder. In der EU leben etwa 1,1 Millionen Juden, um 1900 waren es in Europa inklusive Russland neun Millionen. In der anglo‐amerikanischen Welt wohnen knapp sieben Millionen Juden; rechnet man Menschen jüdischer Herkunft hinzu, die keine oder eine andere Religion haben, werden es rund 9,5 Millionen. Dazu kommen mehr als sieben Millionen im jüdischen Staat, welche die kaum beantwortbare Frage aufwerfen, ob die nun »jüdischen« oder »israelischen« Humor produzieren.

moderne Der anglophone jüdische Humor ist in der Moderne des 20. und 21. Jahrhunderts zu Hause – nicht mehr im Ghetto, sondern in den großen Städten von New York über Montréal bis London und deren grünen Vororten. Die Figuren und Situationen sind neu, die Strukturen bleiben aber »jüdisch«; auf jeden Fall hat die größte jüdische Gemeinde auf Erden dem alten Kanon reichlich neue Kapitel hinzugefügt.

Typisch amerikanisch sind etwa die Witze über die »Jewish Mother«. Typisch sind auch die Witze, die um Aufstieg, Assimilation und Entfremdung vom Judentum kreisen, obwohl deren Wiege im deutschsprachigen Raum des frühen 20. Jahrhunderts stand. In Berlin, Wien, Prag und Budapest begannen die Juden, das Bethaus mit Kanzlei, Bühne, Schreibtisch zu vertauschen – und eine neue Kultur zu begründen.

Der jüdische Witz ist also nicht tot, wie der Verlust der alten Heimat vermuten ließe. Er hat nur seinen Wohnort und seine Sprache gewechselt. Der Weg über Atlantik und Kanal hat ihm nicht geschadet. Der Umzug hat den jüdischen Witz befruchtet und beflügelt. Die Fortsetzung ist ein neuer Baum auf dem Boden des Vertrauten.

Der Autor ist Herausgeber der ZEIT. Sein neues Buch ist soeben bei Siedler erschienen: »Mach dich nicht so klein, du bist nicht so groß! Der jüdische Humor als Weisheit, Witz und Waffe«.

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