Netflix-Dokumentation

»Wir sind ein Team«

»The Coxless Crew« erreichte Cairns nach mehr als neun Monaten. Natalia Cohen (2.v.l.) wird diese Reise wohl nie vergessen. Foto: picture alliance / dpa

Frau Cohen, wann sind Sie das letzte Mal gerudert?
Das war Ende Januar 2016, als wir unsere Reise in Cairns beendet haben. Ich bin zuvor noch nie gerudert und sehr wahrscheinlich werde ich auch nie wieder zu den Rudern greifen.

Sie waren Teil der »Coxless Crew«, einem Team von insgesamt sechs Frauen, das in drei Etappen zu viert für zwei Charity-Projekte von San Francisco nach Cairns gerudert ist. Was hat Sie daran gereizt?
Ich hatte schon immer diese tiefe Liebe zum Wasser. Ich mag es, im, am und auf dem Wasser zu sein. Ich hatte bereits etwas Erfahrung im Segeln, und deswegen hat mich dieses Projekt angesprochen. Das Einzige war, dass ich zuvor noch nie gerudert war. Also bin ich einfach in das nächste Fitnessstudio vor Ort gegangen: Aus einer Stunde Training wurden eineinhalb Stunden und so weiter. Zu rudern hat mir sofort gefallen. Ich mag den Bewegungsfluss, fand es sehr meditativ und habe mich selbst gefragt, was mich eigentlich davon abhält, mich zu bewerben. Diese Expedition war zu 90 Prozent eher eine mentale als eine körperliche Herausforderung. Und das gab mir Selbstvertrauen.

Was hatten Sie bis dato gemacht?
Etwas ganz anderes: Ich habe eine Safari-Lodge in Tansania gemanagt. Irgendwann sah ich eine Anzeige auf einer Website, die auf der Suche nach Frauen war, die bei der »Coxless Crew« mitmachen wollten.

Sie haben insgesamt neun Monate auf dem Pazifik verbracht. Wie erinnern Sie sich an diese Zeit?
Als eine der unglaublichsten und magischsten Momente meines Lebens. Es war ein Mix aus fast allen Gefühlen. Ehrlich gesagt: Der Ozean spiegelt das Leben auf so wunderschöne Weise wider. Wir haben viele Momente gemeinsam mit dem Pazifik erlebt. Er ist so kraftvoll, es gibt Augenblicke der Verwirrung und der Wut. Und dann sind da diese ruhigen, friedlich-stillen Phasen. Ich denke, ich spreche für alle aus dem Team, wenn ich sage, dass ich in diesen neun Monaten so frei wie noch nie gelacht habe. Es waren Momente von höchster Präsenz, die man heute in der Gesellschaft nur noch selten erleben kann.

Was hat Ihnen gegen seelische Tiefs geholfen?
Wir haben schon, bevor wir losgerudert sind, sehr eng mit einem Psychologen zusammengearbeitet und sogenannte Performance Enhancing Strategies erarbeitet. Das heißt, dass wir zum Beispiel Musik hörten, die uns dabei half, uns zu konzentrieren. Es beinhaltete auch ein bewusstes Atmen oder das Visualisieren von Dingen. Wann immer wir also beispielsweise darüber nachdachten, wie lange wir noch für die Reise benötigen würden – und das war manchmal ganz schön frustrierend –, nutzte ich diese Strategien, um meine Gedanken wieder auf das Ziel zu fokussieren. Mir persönlich gab Musik sehr viel Energie. Sie half mir auch, mich zu beruhigen.

Welche Musik haben Sie sich dafür ausgesucht?

Ich habe viel Zeit in Lateinamerika verbracht, deswegen Salsa! Aber auch kitschige Popsongs. Musik hat die Kraft, dich zu anderen Momenten zurückzubringen und dich glücklich zu machen. Wichtig war uns aber auch, Dinge im Team gemeinsam zu tun. Denn wir waren und sind ein super Team.

Gab es etwas, dass Sie auf dieser Reise über sich selbst erfahren haben?
Ja, ich hatte wundervolle Einsichten da draußen auf dem Ozean. Eine von ihnen war, dass wir wählen können, wie wir mit Situationen, die uns im Leben begegnen, umgehen. Auch die Kraft und die Unterschiedlichkeit, die ein Team haben kann, sind mir klar geworden. Wir sind alle so verschieden. Das zu feiern und sich bewusst zu werden, was unsere Stärken sind, uns bei unseren Schwächen zu unterstützen, das ist mit das Wichtigste. Wir alle haben diese unglaubliche innere Stärke. Nicht immer müssen wir darauf im Leben zurückgreifen. Aber manche Menschen stehen vor großen Herausforderungen, und dann wissen sie, dass sie an sich glauben und ihre inneren Kräfte motivieren können. Mein Motto ist: Vertraue dir und den Menschen um dich herum. Viele von uns sind in der glücklichen Lage, ihre Familien, Freunde oder ihre Arbeit als Netzwerk, dem sie vertrauen können und das sie unterstützt, zu haben. Ganz persönlich habe ich gelernt, mit Schlafentzug umzugehen.

Diese Reise war auch eine Begegnung mit der Natur.

Ja, und das war ein außergewöhnliches Erlebnis. Ich habe Stunden damit verbracht, das Licht auf dem Wasser zu beobachten. Es gab diesen einen Sonnenaufgang, der fast metallisch war, flüssiges Goldgelb und Pink. Das war die surrealste Situation, in der ich bislang war.

Mit Natalia Cohen sprach Katrin Richter.

www.coxlesscrew.com
www.nataliacohen.co.uk
www.losingsightofshore.com

Sehen!

»Doitscha – Alles geht vorüber«

Die Tragikomödie »Doitscha – Alles geht vorüber« in der ARD beruht auf einem Buch von Adriana Altaras

von Pascal Beck  04.11.2026

Fernsehen

»Doitscha« erzählt vom Leben deutscher Juden nach dem 7. Oktober

Im Mittelpunkt der pointierten Tragikomödie steht eine Familie, in der unterschiedliche Identitäten, Ängste und Lebensentwürfe aufeinanderprallen

 04.11.2026

TV-Tipp

Viele Jahre bis zum großen »Hallelujah«: Arte zeigt Porträt von Leonard Cohen zum zehnten Todestag

Es ist wohl das bekannteste Lied des kanadischen Sängers Leonard Cohen. Und so steht »Hallelujah« auch im Zentrum eines so unterhaltsamen wie inspirierenden Porträts über diesen modernen Minnesänger

von Jan Lehr  04.11.2026

Essay

Der neue Jude

Warum ich Mitleid mit den Deutschen habe, die bis heute nicht begreifen wollen, dass wir keine wehrlosen Opfer mehr sind, sondern starke, selbstbestimmte Menschen, die hart zurückschlagen, wenn man uns angreift

von Zeev Avrahami  04.11.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 4. November bis zum 12. November

 04.11.2026

Sachbuch

Der Kampf jüdischer Gemeinden für den Synagogen-Aufbau nach dem Krieg

Durch die Nationalsozialisten zerstört, wollten jüdische Gemeinden viele Synagogen in Deutschland nach dem Krieg wieder aufbauen. Doch sie hatten mit Widerständen zu kämpfen - und mit Parkplätzen und Einkaufszentren

von Thomas Klatt  04.11.2026

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  04.11.2026

Frankfurt am Main

Rote und blaue Fäden

Mit der Installation »A Sky Full of Hope« will die Künstlerin Janet Echelman globale Vernetzung sichtbar machen – und eckt in der Stadt damit an

von Eugen El  03.11.2026

Frankfurt

Jüdische Akademie soll »Haus der Zukunft« sein

In der ersten Diskussionsrunde der neuen Jüdischen Akademie in Frankfurt stieß ein Wunsch angesichts von Antisemitismus und innerjüdischer Differenzen auf große Zustimmung: Die Akademie soll ein »Haus der Zukunft« sein

 03.11.2026