Literatur

»Wir müssen es jetzt ausbaden«

Nele Pollatschek Foto: Martin Phox

Frau Pollatschek, Sie beschreiben in Ihrem Roman »Das Unglück anderer Leute« das Schicksal einer in sich zerrissenen Familie. Wie autobiografisch ist die Geschichte?
Diese Frage wird mir sehr häufig gestellt, dabei drückt die Handlung doch eigentlich aus: Was hier geschieht, ist nicht real. Aber natürlich sind einige Elemente des Buches vom Leben inspiriert – nicht unbedingt von meinem, aber doch vom Leben anderer Leute meiner Generation und der meiner Eltern.

»Das Unglück anderer Leute« ist Ihr erster Roman. Wie haben Sie den Prozess des Schreibens erlebt?
Ich schreibe eigentlich, seit ich denken kann. Es ist für mich ein Ausgleich zu vielem anderen. Weil man beim Schreiben aus allem Schlechten etwas Schönes machen kann. Also, wenn’s einem so richtig mies geht oder einem etwas Schlimmes passiert, kann man sich immer damit trösten, dass man auch aus so einer Erfahrung im nächsten Roman zehren kann.

Sie studieren in Oxford, sind 1988 in Ost-Berlin geboren. In welcher Sprache schreiben Sie?
Seitdem ich die englische Sprache beherrsche, immer auf Englisch. Während meines Studiums habe ich auch ausschließlich auf Englisch gelesen. Aber bei dieser Geschichte wusste ich, dass sie nur auf Deutsch funktioniert. Ich begann einfach mit dem Schreiben und machte die Erfahrung, dass zum ersten Mal meine innere Kritikerstimme schwieg. Denn wenn ich auf Englisch schreibe, überdenke ich oft noch einmal meine Formulierungen, frage mich, ob es nicht vielleicht doch etwas zu sehr von diesem oder jenem inspiriert ist. Auf Deutsch muss ich das nicht, weil mir das Hintergrundwissen dazu fehlt.

Die Heldin Ihres Romans, Thene, ist Studentin wie Sie, mag das Gemütliche des Odenwalds und Nachmittage mit Kuchen. Sind die heutigen Mitt- oder Endzwanziger spießig?
Ich denke, dass es meine Generation wirklich schwer hat. Wir haben Angst und tragen ein Gefühl von Ohnmacht in uns. Punk macht nur Sinn, wenn man daran glaubt, die Welt noch retten zu können. Wenn man aber der Ansicht ist, dass es nicht kurz vor, sondern kurz nach zwölf ist, der Untergang unmittelbar bevorsteht und man wirklich gar nichts mehr retten kann, dann kann man sich immer noch zu Hause hinsetzen und ein Bäumchen pflanzen. Keine Karrierechancen, globale Erwärmung, Terrorismus – all diese Faktoren, die außerhalb unseres Einflussbereichs liegen, führen dazu, dass man das innere Biedermeier entdeckt und sich sagt: Das Große kann ich nicht retten, aber ich kann mir heute einen schönen Abend machen.

Wie lange kann man denn in so einem Zustand verharren?
Ich kenne wahnsinnig viele Leute, die denken, in 50 Jahren sei sowieso alles vorbei. Aber vielleicht wird sich die nächste Generation auch verwundert fragen: »Was waren denn das für Angsthasen?« In unserer Generation bedeutet dieses Gefühl der Ohnmacht auch gleichzeitig Wut darüber, dass es die Eltern und Urgroßeltern versaut haben. Wir müssen es jetzt ausbaden. Und dann heißt es auch noch, die Millennials würden nichts tun, außer sich vegan zu ernähren und sich für den eigenen Bizeps zu interessieren. In Wirklichkeit fragen wir uns aber doch, wofür wir uns denn interessieren sollen. Für die globale Erwärmung? Das scheint so aussichtslos.

Wie bedeutete für Ihre Familie Judentum?
In Deutschland definiert sich Jüdischsein sehr von außen. In meiner Familie war es lange Zeit ein Thema, dass das, was uns zu Juden macht, unsere Verwandten sind, die von den Nazis ermordet wurden. Während der Kampagne des ehemaligen FDP-Politikers Möllemann hieß es bei uns zu Hause immer: »Wir sitzen auf gepackten Koffern.« Ich glaube, dass meine Familie sehr oft Angst hatte. Sie wollte aber auch ein positives Judentum finden. Ein Versuch, der sehr schön und von Erfolg gekrönt sein kann, aber manchmal geht der Schuss auch nach hinten los.

Wie genau sahen denn diese Versuche aus?

Eine Gemeinde zu haben, kann schon etwas Schönes sein. Allerdings muss man nicht gläubig sein, um sich in einer jüdischen Gemeinde zu Hause zu fühlen. Ich werde vom jüdischen Studienwerk ELES gefördert und fühle mich da ganz wunderbar. Wenn man abends mit Rabbinern, vielen osteuropäischen Juden und vielen Atheisten, die aber trotzdem dazugehören, zusammensitzt, kann man tolle Gespräche führen und sich aufgehoben fühlen. Allerdings kann es auch überhandnehmen, was dann für andere Menschen vielleicht nicht mehr nachvollziehbar ist. In meinem Buch wird eine Figur von einem Tag auf den anderen jüdisch-orthodox. Aus dem jüdisch-atheistischen Ralf wird der orthodoxe Menachem. Aber seine Familie kommt bei der plötzlichen Erleuchtung nicht mit, und es entsteht ein Riss in der Familie. Es geht mir dabei nicht um Menschen, die immer orthodox waren, sondern ich meine damit Menschen, die aus einem Gefühl von Angst heraus kollabieren und dann zu etwas werden, was sie zuvor niemals waren. Plötzliche Identitäts- und Realitätsverluste können sehr unangenehm sein. Das ist bei Menschen, die in einem orthodoxen Umfeld aufwachsen und sich dann langsam in eine bestimmte Richtung entwickeln, etwas anderes.

Vielleicht noch einmal zurück zu Ihrem Roman und dem großen Thema Familie: Die Hohen Feiertage stehen kurz bevor. Haben Sie Tipps, wie man die Zeit gemeinsam genießt, ohne sich gegenseitig auf die Nerven zu gehen?
Man sollte sich die Menschen, mit denen man zusammen sein will, gut aussuchen. Und man sollte nur dann Zeit miteinander verbringen, wenn man darauf Lust hat, und nicht, weil gerade ein Feiertag ist. Wenn man sich dafür entschieden hat, Zeit mit der Familie – die man ja doch liebt – zu verbringen, dann sollte man die anderen auch wie Menschen behandeln, die man gern hat, und viel Respekt und Toleranz an den Tag legen. Niemandem ist geholfen, wenn man sich während der Feiertage gegenseitig schikaniert.

Mit der Schriftstellerin sprach Katrin Richter.

Nele Pollatschek: »Das Unglück anderer Leute«. Galiani, Berlin 2016, 224 S., 18,99 €

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