Interview

»Wir brauchen mehr Ehrlichkeit und Offenheit«

W. Michael Blumenthal Foto: Marco Limberg

Herr Blumenthal, der Dichter Heinrich Heine fühlte sich von Deutschland häufig um den Schlaf gebracht. Ist es Ihnen auch hin und wieder so ergangen?
Nein, ich komme gerne hierher. Und ich mache mir auch keine Sorgen um Deutschland. Es ist ein ordentlicher, anständiger, demokratischer und gut funktionierender Staat geworden.

Die Entwicklung, die Deutschland nach dem Krieg und nach der Wiedervereinigung genommen hat, sagt Ihnen zu?
Absolut. Sie hat mir nicht nur gefallen, sondern es überraschte mich auch. Ich war am 3. Oktober 1990 hier in Berlin, als die Wiedervereinigung gefeiert wurde, und erinnere mich noch ganz genau an die Freudentränen der Sekt trinkenden Deutschen. Ein beeindruckendes Ereignis. Und ich habe mich einfach mitgefreut. Das ging gar nicht anders.

Die dunkle deutsche Vergangenheit spielte in diesem Moment für Sie keine Rolle?
Doch. Die Erinnerung an das schreckliche Nazi-Deutschland, in dem ich als jüdisches Kind gelebt hatte, ließ sich schließlich nicht ohne Weiteres verdrängen. So ging es ja einigen Politikern im Ausland, zum Beispiel Großbritanniens Regierungschefin Thatcher, und meinen jüdischen Freunden auch. Sie fragten warnend: Ist ein wiedererstarktes Deutschland nicht eine große Gefahr für alle, sollte es wie in den 20er- und 30er-Jahren wieder wirtschaftlich bergab gehen?

Teilten Sie diese Befürchtungen?
Ein Freund erkundigte sich vor 20 Jahren, was ich von der deutschen Einheit halte. Meine Antwort lautete, dass ich kein Prophet sei, aber prinzipiell hoffnungsvoll in die Zukunft schaue.

Was stimmte Sie so optimistisch?
Ich hatte ja die Entwicklung Deutschlands seit 1953 genau beobachtet, war regelmäßig ohne Vorbehalte hierhergekommen, meist aus geschäftlichen Gründen. Der Staat mauserte sich offenkundig von einer traumatisierten Nachkriegsgesellschaft zu einer gefestigten Demokratie. Ich lernte viele offene, ehrliche Menschen kennen. Und es wuchs zudem offenkundig eine ganz andere Generation heran. Das machte mir klar: Wir müssen unseren Blick nach vorne richten, nicht immer nur in die Vergangenheit.

Aber war das Deutschland der 50er-Jahre nicht ein völlig anderes als das, sagen wir, der 80er?
Auf jeden Fall. Viele ehemalige Nazis und Mitläufer bekleideten noch immer wichtige Positionen. Vielleicht war das unvermeidlich, um einen neuen Staat aufzubauen. Aber mich bedrückte das zutiefst. Ganz abgesehen davon, dass das ganze Land in Trümmern lag. Als ich 1953/54 wieder in meine amerikanische Heimat reiste, fiel mir ein Stein vom Herzen.

Und wie begegneten Ihnen im damaligen Deutschland die Menschen auf der Straße?
Die einen wollten am liebsten gar nichts über die NS-Vergangenheit sagen. Die anderen beeilten sich – sobald sie erfuhren, dass sie einen ehemaligen deutschen Juden vor sich hatten – zu betonen, alles sei zwar ganz furchtbar gewesen, aber sie hätten davon nichts geahnt. Das stimmte natürlich nicht. Fast jeder wusste, wie die Juden systematisch ausgegrenzt, schikaniert und verfolgt worden waren. Viele hatten von den Arisierungen profitiert.

Wann ist Ihnen als Kind bewusst geworden, mit welch schrecklichem Regime Sie und Ihre Familie es zu tun hatten?
Als Hitler an die Macht kam, war ich sieben, mit 13 habe ich Nazi-Deutschland verlassen. Als Kind war mir das Murmeln, Rollerfahren und Fußballspielen wichtiger als die Politik. Klar, man hat davon gehört, aber kaum Notiz genommen.

Und zu Hause?
Da war die Anspannung, die auf meinen Eltern lastete, schon zu spüren. Und ich bekam zu hören: Werner, pass auf, wenn dich jemand in der Schule anpöbelt, schlag um Gottes willen nicht zurück. Warum nicht, fragte ich. Das ist gefährlich, lautete die Antwort. Die Angst und das Geflüster von Mutter und Vater sind mir noch gut in Erinnerung. Und ab 1936, als der Druck auf die Juden immer größer wurde, haben selbst meine Eltern damit begonnen, über eine mögliche Auswanderung intensiv nachzudenken. Und dann haben Polizisten eines Tages meinen Vater abgeholt und ihn nach Buchenwald verschleppt.

Ihr Vater hat mit Ihnen nie darüber gesprochen.
Nein, nie. Wenn ich ihn danach fragte, sagte er nur: »Ach weißt du, das ist lange her.« Ich glaube, er konnte nicht darüber reden. Es war einfach zu schrecklich. Man sah es ihm an. Als er nach sechs Wochen aus Buchenwald zurückgekehrt war, fand ich einen alten Mann vor, der schätzungsweise 30 Kilo abgenommen hatte. Überall am Körper gab es Schürfwunden, und der Kopf war kahl geschoren. Zu dieser Zeit redeten auch wir Kinder in der Dahlemer jüdischen Schule über die Auswanderung. Wo zieht ihr hin?, lautete die Frage. Nach Amerika, Bolivien, Honolulu, Südafrika! Das war alles schon ziemlich aufregend. Aber es gab auch viele Ängste: Wie bekommt man ein Visum? Wo gibt es Tickets für die Schiffspassage? Was ist mit der Gestapo? Und dann noch die brennenden Synagogen.

Ihre Familie floh 1939 nach Schanghai. Für Sie als Dreizehnjährigen war das ein großes Abenteuer, für Ihre Eltern ein unvorstellbares Schicksal.
Das stimmt. Ich war ein kleiner Junge, fand das alles furchtbar spannend. Erst mit dem Zug nach Neapel, dann einen Monat lang auf einem japanischen Schiff. Ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht, was uns in Schanghai erwarten würde.

Schanghai kam Ihrer Mutter vor wie ein Sündenbabel.
Es war schon eine wilde Stadt. Aber wir hatten Glück, mussten nicht in einem Heim leben, sondern wohnten zu dritt in einem kleinen Zimmer. Meine Schwester war als Kindermädchen in einem anderen Haushalt untergekommen. Und ich musste weitgehend allein zurechtkommen. Mit 16 war ich im Grunde unabhängig. Das hat mich geschult.

In Ihrer soeben erschienenen Autobiografie »In achtzig Jahren um die Welt« ist zu lesen, die Zeit als junger jüdischer Flüchtling in Schanghai habe Sie nachhaltig geprägt. Inwiefern?
Im Exil wurden über Nacht aus einstmals hoch geschätzten, ehrwürdigen Professoren und Journalisten einfache Nobodys, die im wörtlichen Sinne nichts verstanden. Viele sind daran zerbrochen. Anderen, vermeintlich einfacheren Menschen, gelang es dagegen, sich durchzuschlagen, ihre Würde zu bewahren, anständig zu bleiben. Das hat mich gelehrt, dass Namen, Titel und Positionen nicht wirklich zählen. Das ist alles nur Verzierung. Das beeindruckt mich keinesfalls. Wichtig ist, was du aus deinem Leben machst. Die innere Stärke, darauf kommt es an. Und auf die Gemeinschaft. Hätte der Einzelne nicht anderen geholfen, vielen wäre es viel schlimmer ergangen. In Schanghai wurde mir allerdings auch klar, dass immer wieder etwas schiefgehen kann. Ein bisschen Zynismus schadet also nichts.

Nach dem Krieg sind Sie nach Amerika ausgewandert und haben dort in Politik und Wirtschaft große Karriere gemacht. Und dann verschlug es Sie als Chef des Jüdischen Museums Berlin doch wieder nach Deutschland. Schicksal?
Zufall! Das Leben ist nicht immer planbar. Als ich in Pension ging, starb zufällig auch mein Vater. Er hinterließ mir einen Stammbaum mit vielen bekannten Namen. Ich sah mir das an, begann mich dafür zu interessieren und schrieb mit »Die unsichtbare Mauer« die dreihundertjährige Chronik einer deutsch-jüdischen Familie, meiner Familie. Es war das erste Mal, dass ich mich intensiv mit meinem Judentum beschäftigte.

Vorher nicht?
Ich habe nie verheimlicht, dass ich Jude bin. Ich bin auch froh, einer zu sein. Aber es spielte einen großen Teil meines Lebens keine zentrale Rolle. Ich wollte meinen Weg machen, Jude hin oder her.

Und dennoch wurden Sie Direktor des Jüdischen Museums.
Als ich in den 90er-Jahren wieder mal in Berlin war, sprach man mich an: Ob ich nicht beim schwierigen Aufbau eines jüdischen Museums helfen könne, für kurze Zeit nur. Und da habe ich, ohne groß nachzudenken, ja gesagt.

Eine etwas absurde Vorstellung: Ein von den Nazis vertriebener Jude soll in Berlin ein jüdisches Museum aufbauen.
Sie haben völlig recht. Aber es war für mich eine Genugtuung. Es machte mich sogar stolz. Denn ich sagte mir, es wäre doch schön, einen Beitrag zu leisten, damit die lange Geschichte des Judentums in Deutschland und die Menschen nicht in Vergessenheit geraten. Das heutige deutsche Judentum ist ja etwas ganz anderes.

Und wie ist es um das ominöse deutsch-jüdische Verhältnis derzeit bestellt?
Mit dem vollkommen verständlichen Versuch, die Juden besonders höflich und zuvorkommend zu behandeln, geht eine Art Absonderung einher. Das ist nicht normal. Denn es bedeutet, dass ein deutscher Jude zunächst als Jude wahrgenommen wird und erst dann als Deutscher. Eine merkwürdige Zuschreibung von Identität. Das gibt es nur in Deutschland.

Das stört Sie?
Ja. Mir hat ein jüdischer Funktionär vor einigen Jahren mal gesagt: »Wir wissen, dass sich das irgendwann ändern wird. Das finde ich persönlich überhaupt nicht schlimm. Aber bis es so weit ist, nehmen wir es gerne hin.« Verstehen Sie mich jetzt bitte nicht falsch, ich finde es völlig berechtigt, dass Vertreter des Judentums als besondere Persönlichkeiten betrachtet werden. Aufgrund der schlimmen Vergangenheit gehört sich das so. Aber objektiv betrachtet, kann es einen schon verwundern, wenn eine solch kleine Minderheit dermaßen viel Aufmerksamkeit bekommt. Dabei würde ein größeres Maß an Normalität mehr Sicherheit bedeuten.

Wie das?
Überall auf der Welt kann es passieren, dass in Notsituationen wieder nach Sündenböcken gesucht wird. Juden sind traditionell die Ersten, die dazu gemacht werden. Und wenn sie dann noch einen besonderen Status innerhalb der Gesellschaft haben, ist es noch viel einfacher, sie für alles Schlimme verantwortlich zu machen. Es braucht einfach mehr Ehrlichkeit und Offenheit im deutsch-jüdischen Verhältnis.

Mit dem Direktor des Jüdischen Museums Berlin sprach Christian Böhme.

W. Michael Blumenthal wurde 1926 in Oranienburg bei Berlin geboren. 1939 musste seine Familie nach Schanghai flüchten. Nach dem Krieg emigrierte Blumenthal in die USA. Dort machte er in Wirtschaft und Politik eine große Karriere. Unter anderem war er Handelsbotschafter von US-Präsident John F. Kennedy und Finanzminister unter Jimmy Carter. Seit 1999 leitet Blumenthal das Jüdische Museum Berlin. Soeben ist seine Autobiografie unter dem Titel »In achtzig Jahren um die Welt. Mein Leben« im Berliner Propyläen Verlag erschienen (570 Seiten, 24,95 Euro).

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