Interview

»Wir bleiben ein offenes Haus«

Lea Wohl von Haselberg über Kino nach dem 7. Oktober, Sicherheitsmaßnahmen und das Jüdische Filmfestival Berlin Brandenburg in seinem 30. Jahr

von Ayala Goldmann  14.06.2024 08:25 Uhr

Lea Wohl von Haselberg ist seit diesem Jahr Programmdirektorin des Jüdischen Filmfestivals Berlin Brandenburg (JFBB). Foto: Uwe Steinert

Lea Wohl von Haselberg über Kino nach dem 7. Oktober, Sicherheitsmaßnahmen und das Jüdische Filmfestival Berlin Brandenburg in seinem 30. Jahr

von Ayala Goldmann  14.06.2024 08:25 Uhr

Frau Wohl von Haselberg, ein jüdisches Filmfestival will gute Unterhaltung bieten, die Kreativität der Branche zeigen, vielfältige Facetten von Filmkultur präsentieren. Und dann kam der 7. Oktober 2023 – und alles, was danach passierte. Wie gehen Sie beim Jüdischen Filmfestival Berlin Brandenburg (JFBB) damit um?
Seit dem 7. Oktober ist es natürlich so, dass wir politische Dringlichkeiten spüren. Aber wir sind nicht das israelische Filmfestival, wir sind das jüdische Filmfestival – der jüdischen Filmkultur in der Diaspora verbunden. Natürlich haben der israelische Film und das israelische Kino bei uns immer eine riesige Rolle gespielt. Das ist auch dieses Jahr so. Aber wir wollen uns nicht nur darauf festlegen lassen, und das ist ein Balanceakt. Als wir im Herbst angefangen haben, das Programm zu machen, war überhaupt nicht klar, wie der Juni 2024 aussehen würde. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass dieser Krieg so lange andauert, die Geiseln immer noch nicht alle frei sind und was im deutschen Diskurs passiert.

Nehmen wir uns eine kurze Auszeit. Wie schaffen Sie es, dem Publikum trotz allem das Gefühl zu geben: Ein jüdisches Filmfestival macht Spaß, man kann sich im Kinosessel zurücklehnen und genießen, ohne sich gleich in politische Diskurse zu begeben?
Bei uns sind sehr unterschiedliche Filme zu sehen. Bei einem bestimmten Film wünsche ich mir ganz besonders, dass er auch ein jüdisches Publikum in Deutschland findet: der Dokumentarfilm »Generation 1:5« über die postsowjetische Einwanderung nach Israel – die Generation derjenigen, die als Kinder kamen. Der Film stellt die Frage, wie sie in der israelischen Gesellschaft angekommen sind und wie sie sich heute verstehen. Unser Eröffnungsfilm ist eine französische Tragik-Komödie, den finde ich an manchen Stellen wirklich schreiend komisch. Und wir haben einen Programmpunkt, der sehr leichtfüßig ist, nämlich in Zusammenhang mit der aktuellen Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin …

»Sex. Jüdische Positionen« heißt sie, und in Ihrem Programm sehe ich die Filmtitel »Don’t be a dick« oder »Jewish fetish«.
Ja, wir zeigen lustige Filme, aber auch sehr ernste. Wie ein gutes Kurzfilmprogramm eben sein soll, das vielschichtig ist und unterschiedliche emotionale Töne anschlägt.

Gibt es eine Altersbeschränkung?
18 Jahre sollten die Zuschauerinnen und Zuschauer schon alt sein, aber vor allem, weil die Filme keine FSK-Kennzeichnung (Anmerkung der Red.: Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft) haben.

Einer der thematischen Schwerpunkte war schon vor dem 7. Oktober angedacht …
… die Reihe zu Antisemitismus im Sozialismus, die Bernd Buder, mein Kollege als Programmdirektor, kuratiert hat. Aber in der politischen Gegenwart haben antizionistische Motive und Rhetorik auf einmal eine ganz andere Aktualität. Die Reihe zum Terror hingegen ist ein Versuch, auf den 7. Oktober zu reagieren. Terroristische Anschläge zielen darauf, Zivilgesellschaften zu zerstören, weil sie sie in Angst und Hilflosigkeit drängen. Und das Kino ist ein Raum, wo man sich als Gesellschaft wieder mit sich selbst verständigen kann, wo man die Angst überwinden und Sprechfähigkeit wiedererlangen kann.

Es geht in dieser Filmreihe nicht nur um islamistischen Terror, sondern zum Beispiel auch um die baskische ETA.
Wir wollen damit nicht behaupten, alle terroristischen Anschläge seien gleich, sondern zeigen, wie das Kino eine produktive Form findet, mit dieser Art der Gewalt umzugehen. Dazu stellen wir die Gesprächsreihe »Der Angst begegnen« mit dezidierten Gesprächsangeboten. Wir zeigen auch den Dokumentarfilm von Yossi Bloch und Duki Dror über das Nova-Festival in Israel, bei dem am 7. Oktober mehr als 300 Menschen ermordet wurden. Wir fragen, welche sprachliche Form der Film finden kann, um Traumata zu zeigen. Dazu kommt eine psychologische Perspektive. Was heißt eigentlich Trauma? Und was bedeutet es, mit traumatisierten Menschen Filme zu machen – eine Frage, die sich auch in Bezug auf Holocaust-Filme stellt.

Dieses Jahr findet das JFBB zum 30. Mal statt. Was hat sich geändert, seitdem die Gründerin Nicola Galliner nicht mehr an der Spitze des Jüdischen Filmfestivals steht?
Wir haben schon in den letzten Jahren vier Preise vergeben – für den besten Dokumentarfilm, den besten Spielfilm, einen Preis für interkulturelle Verständigung und einen Nachwuchspreis. Dieses Jahr gibt es zum ersten Mal eine Sektion für Film Professionals »JFBB pro«. Für uns ist das eine maßgebliche Veränderung, weil wir in Zukunft nicht nur Publikumsfestival sein wollen, sondern verstärkt Treffpunkt für jüdische Filmemacherinnen und Filmemacher – und solche, die zu jüdischen Themen arbeiten. Wir haben zwei international besetzte Jurys. Entsprechend ergibt es Sinn, ein Branchen-Event daraus zu machen.

Vergangenes Jahr gab es noch ein Programmkollektiv, jetzt leiten Sie das Festival gemeinsam mit Bernd Buder. Hat das Kollektiv zu viel diskutiert?
Nein, gar nicht. Es ist auch nicht so, dass Bernd Bruder und ich das Programm allein kuratieren, sondern wir wachsen als neues Team ständig, seitdem wir das Festival übernommen haben. Dieses Festival hat viele Potenziale, und wir haben sehr viele Ideen. Entsprechend wird die Arbeit immer mehr. Und deswegen brauchten wir eine Doppelspitze.

Wie teilen Sie sich die Arbeit?
Ich habe durch meine Forschungsprojekte an der Filmuniversität Babelsberg auch einen Fuß in der Wissenschaft. Naomi Levari, die für uns kuratiert, ist Produzentin in Israel und in Deutschland. Sie bekommt einfach alles mit, was in Israel passiert. Dort werden so viele tolle, inspirierende Filme produziert, dass es oft schwer ist, eine Auswahl zu treffen. Bernd Buder übernimmt beispielsweise viele Festivalreisen, gerade war er in Cannes. Arkadij Khaet ist Regisseur in Deutschland und entsprechend vernetzt hier. Und wir sind eng verbunden mit anderen jüdischen Filmfestivals.

In der Vergangenheit war die Finanzierung mehrmals in Gefahr. Hat sich dieses Problem jetzt erledigt?
Die finanzielle Situation in der Vergangenheit kann ich nicht beurteilen, weil ich erst Teil des Teams bin, seit die neuen Veranstalter das JFBB zum Jahresbeginn 2021 übernommen haben. Seitdem wurde sehr viel Arbeit in die wirtschaftliche Basis des JFBB investiert, wenngleich man betonen muss, dass wir – wie viele andere Filmfestivals auch – nur projektbezogen gefördert werden, also entweder für einen Festivaljahrgang oder eben für spezielle Film- und Veranstaltungsreihen. Den neuen Veranstaltern ist es gelungen, mit dem Medienboard Berlin-Brandenburg den langjährigen Hauptförderer zu sichern und mit der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie mit der Landeshauptstadt Potsdam zwei zusätzliche Hauptförderer ins Boot zu holen. Grundsätzlich wächst unser gemeinsames Netzwerk und damit auch die Anzahl an Kooperationspartnern und Unterstützern. Ich bin sehr zuversichtlich, dass uns in den kommenden Jahren keine wirtschaftlichen Nöte ereilen.

Hat das JFBB Probleme mit Boykottaufrufen?
Weitestgehend bleibt uns das erspart. Ich glaube, weil wir als jüdisches Filmfestival als so positioniert wahrgenommen werden, dass uns das nicht trifft. Es gab aber einen Fall, wo eine Produktionsfirma gesagt hat: Wir wollen nicht, dass unser Film auf dem JFBB läuft.

Arbeiten Sie mit anderen jüdischen Filmfestivals in Deutschland zusammen?
Andere jüdische Festivals gibt es in Deutschland nicht, aber wir arbeiten mit allen Film- und Kulturtagen zusammen, beispielsweise mit den Jüdischen Kulturtagen Frankfurt, die einen Teil unseres Programms übernehmen, und geben auch sonst gern Filmtipps weiter. Die Jüdischen Filmtage in Hamburg zum Beispiel finden direkt nach dem JFBB statt. Wir schließen am Sonntag, sie eröffnen am Sonntag. Das passt genau. Da wollen wir die Zusammenarbeit gern ausbauen, weil wir international Regisseure einladen, und es wäre ideal, wenn sie zu uns kommen können und dann in Hamburg ihre Filme vorstellen.

»Propalästinensische« Störer gibt es heute überall. Können sich die Zuschauer des JFBB sicher fühlen?
Ja. Wir beobachten die Situation ständig, sprechen uns mit der Polizei ab und passen unsere Maßnahmen an – wir sind also gut vorbereitet, gleichzeitig sorgen wir dafür, dass das JFBB ein offenes Haus bleibt.

Bei aller Anspannung: Freuen Sie sich auf das Festival?
Ich freue mich sehr. Wenn wir Glück haben, ist laues Sommerwetter. Wir werden viele gute Filme zeigen, ein tolles Publikum haben und internationale Gäste, wir werden Wein trinken in den Nächten nach dem Kino. Gerade in diesen angespannten, schwierigen Zeiten ist ein Festival etwas sehr Schönes.

Mit der Filmwissenschaftlerin sprach Ayala Goldmann. Das Festival findet vom 18. bis 23. Juni statt.

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