Meinung

Wiedergeburt der Auschwitzkeule

Johannes Heil ist Historiker an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg. Foto: Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg/flohagena

Meinung

Wiedergeburt der Auschwitzkeule

Warum die »Thüringer Allgemeine« vor Scham im Boden versinken sollte

von Johannes Heil  25.07.2018 13:53 Uhr

Als Richard Wagner weiland über »Das Judenthum in der Musik« schrieb, gab es für ihn bald kein Halten mehr. Was herauskam, hatte nichts mit Juden, wenig mit Musik und ganz viel mit Richard Wagner zu tun.

So ähnlich verhält es sich mit dem Bericht, den die Musikredakteurin Ursula Mielke vom Eröffnungskonzert des »Yiddish Summer Weimar« am 21. Juli in der »Thüringer Allgemeine« geschrieben hat. Kritik ist ihre Profession. Ob man deswegen auf einen Jugendchor eindreschen muss, ist eine ganz andere Frage. Gewiss: In Weimar sind die Ansprüche hoch. Aber hier geht es freilich um etwas ganz anderes.

Pegida Denn was Frau Mielke schreibt, hat ohnehin nur am Rande mit dem Konzert zu tun. Als Leitmotiv dient ihr das notorische »Man wird ja wohl noch sagen dürfen«, ganz so, als wäre sie bei Herrn Höcke in die Schule gegangen und bei Pegida mitgelaufen.

Wer es nicht glauben will, der lese: »Künstlich muss man nichts, aber auch gar nichts am Leben erhalten.« Damit meint sie die Lebenswelt und die Kultur des Jiddischen. In der Tat: Diese lebt in Europa nicht mehr von selbst, und soll sie nicht vollends verlorengehen, dann muss sie am Leben erhalten werden. Nämlich durch Festivals wie den Yiddish Summer Weimar, von dem Frau Mielke meint, er sei im Erfurter Kulturstadtjahr 1999 »aus der Taufe gehoben« worden, weil damals die Mittel flüssig und die Euphorie groß gewesen seien. Also ein Missverständnis, das es nun schleunigst zu korrigieren gilt.

Bei alledem kommt der Autorin kein Wort des Bedauerns über die Tastatur: dass die Kultur des Jiddischen und mit ihr die Menschen vom europäischen Boden nahezu ausgelöscht wurden und dass dies auch einmal eine Lebenswelt war, die in deutschen Großstädten wie Berlin, Leipzig und anderen beheimatet war.

Walser Was sie schreibt, kann man keineswegs als Entgleisung durchgehen lassen, denn es hat System: Alle Welt meine, »dass wir Deutschen immer noch eine humanitäre Schuld aus dem Zweiten Weltkrieg zu begleichen hätten« und hier deswegen »das Geld für allseits sehr gut begründbare Projekte noch locker fließt«, so Mielke weiter.

Nur deswegen auch siedele der Festivalmacher Alan Bern das Ereignis nicht in »seinem großen, reichen Herkunftsland USA, sondern im kleinen Deutschland« an. Das hätte Martin Walser, der Prophet wider die Auschwitzkeule, nicht deutlicher schreiben können.

Tatsächlich schafft es diese Redakteurin, binnen weniger Zeilen das gesamte Repertoire modern gewendeter Antisemitismen einzuspielen. Ihre Codes lauten Schuld, Geld, Jude; im Subtext klingen Ostküste, Wall Street, Hochfinanz, Blutsauger und auch Höckes Schandmal an. Das ist mehr als die Rede von »klein« gegen »reich«. Hier erklingt eine musikalische Variante der »Auschwitzkeule«, mit am Ende stets demselben Refrain: dass der Holocaust den Juden immer noch gut genug sei, um damit Kasse zu machen.

Leserbriefe Was dagegen zu unternehmen ist? Der Tageszeitung (Auflage: knapp 150.000 Exemplare) wäre zu wünschen, dass einige anständige Leser nach diesem Artikel das Abonnement kündigen. Der Autorin zu kündigen, wäre nur ein Bauernopfer. Immerhin hat der Chef vom Dienst diesen unsäglichen Artikel durchgehen lassen. Wenigstens sollte die Zeitung in kritischen Leserbriefen untergehen.

Gefordert ist aber auch die thüringische Politik. Sie muss ein Zeichen setzen und dem Festival den Rahmen über 2018 hinaus sichern. Thüringen scheint ein solches Festival ja bitter nötig zu haben. Und ist sich offenbar bislang nicht bewusst, dass es mit einem Festival, wo auch syrische Flüchtlingskinder an Workshops zu jiddischen Liedern teilnehmen, ein ganz besonderes Kleinod hat, dessen Zukunft es – dafke – zu sichern gilt, auch wenn das Herrn Höcke und seine Genossinnen nur auf neue Gedanken bringen wird.

Der Autor ist Historiker und Rektor der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg.

Fernsehen

Abschied von »Alfons«

Orange Trainingsjacke, Püschelmikro und Deutsch mit französischem Akzent: Der Kabarettist Alfons hat am 16. Dezember seine letzte Sendung beim Saarländischen Rundfunk

 29.11.2025 Aktualisiert

Interview

»Es ist sehr viel Zeit verloren gegangen«

Hans-Jürgen Papier, ehemaliger Präsident des Bundesverfassungsgerichts, zieht eine Bilanz seiner Arbeit an der Spitze der »Beratenden Kommission NS-Raubgut«, die jetzt abgewickelt und durch Schiedsgerichte ersetzt wird

von Michael Thaidigsmann  29.11.2025

Hollywood

Die »göttliche Miss M.«

Schauspielerin Bette Midler dreht mit 80 weiter auf

von Barbara Munker  28.11.2025

Literatur

»Wo es Worte gibt, ist Hoffnung«

Die israelische Schriftstellerin Ayelet Gundar-Goshen über arabische Handwerker, jüdische Mütter und ihr jüngstes Buch

von Ayala Goldmann  28.11.2025

Projektion

Rachsüchtig?

Aus welchen Quellen sich die Idee »jüdischer Vergeltung« speist. Eine literarische Analyse

von Sebastian Schirrmeister  28.11.2025

Kultur

André Heller fühlte sich jahrzehntelang fremd

Der Wiener André Heller ist bekannt für Projekte wie »Flic Flac«, »Begnadete Körper« und poetische Feuerwerke. Auch als Sänger feierte er Erfolge, trotzdem konnte er sich selbst lange nicht leiden

von Barbara Just  28.11.2025

Aufgegabelt

Hawaij-Gewürzmischung

Rezepte und Leckeres

 28.11.2025

Fernsehen

»Scrubs«-Neuauflage hat ersten Teaser

Die Krankenhaus-Comedy kommt in den Vereinigten Staaten Ende Februar zurück. Nun gibt es einen ersten kleinen Vorgeschmack

 28.11.2025

Eurovision Song Contest

Spanien bekräftigt seine Boykottdrohung für ESC

Der Chef des öffentlich-rechtlichen Senders RTVE gibt sich kompromisslos: José Pablo López wirft Israel einen »Genozid« in Gaza und Manipulationen beim Public Voting vor und droht erneut mit dem Austritt

 28.11.2025