Tagung

Wie Integration gelingt

Auf dem Podium und im Saal: Fast alle Teilnehmer hatten einen Bezug zum Thema. Foto: Marco Limberg

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Wie Integration gelingt

Die Bildungsabteilung im Zentralrat blickte auf 25 Jahre russischer Zuwanderung

von Ralf Balke  19.10.2015 23:10 Uhr

Man kann es kaum glauben, dass es bereits 25 Jahre her ist, als die ersten Juden in der kollabierenden Sowjetunion ihre Koffer packten und nach Deutschland kamen.» Mit diesen Worten leitete in der vergangenen Woche Doron Kiesel, Wissenschaftlicher Direktor der Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden, eine dreitägige Tagung in Berlin ein, die sich mit den Folgen und Perspektiven der russischsprachig-jüdischen Zuwanderung beschäftigte.

«Eines kann mit Sicherheit gesagt werden: Sie bedeutete eine tief greifende Zäsur für das jüdische Leben in Deutschland und veränderte es grundlegend», so der in Erfurt lehrende Professor für Interkulturelle Erziehung. Wie bereits der Titel der Tagung «Wer integriert hier wen?» zum Ausdruck brachte, stellte die Einbeziehung so vieler Menschen in die hiesigen Gemeindestrukturen in relativ kurzer Zeit alle Beteiligten vor große Herausforderungen. Denn reibungslos ging das Ganze natürlich nicht über die Bühne. Wie die Konflikte genau aussahen und welche Chancen sich daraus ergaben, diesen Fragen wollten Experten, Vertreter aus rund 50 Gemeinden und zahlreiche Gäste näher auf den Grund gehen.

Kiesel verwies auch auf die Einzigartigkeit dieser Gruppe im Kontext bundesrepublikanischer Migrationsgeschichte. «Das durchschnittliche Bildungsniveau der sogenannten Gastarbeiter in den Jahren zwischen 1955 und dem Ende der 70er-Jahre war relativ niedrig. Mit den Juden aus der ehemaligen Sowjetunion hatten wir es aber mit einer völlig anderen Einwanderungskohorte zu tun. Alle zuvor gesammelten Erfahrungen mit Zuwanderern stimmten auf einmal nicht mehr.» Sie waren überdurchschnittlich gut gebildet, oft sogar besser als die alteingesessenen Juden in Deutschland, und stammten aus einer modernen Gesellschaft. «Aber sie hatten kaum traditionelle Erfahrungen.» Ihr Wissen vom Judentum war wenig ausgeprägt.

Distanz Zugleich hegte die jüdische Gemeinschaft der alten Bundesrepublik die Hoffnung, durch die Zuwanderung rein quantitativ wieder an Gewicht zu gewinnen. «Dieser Egoismus hat aber die Tatsache ausgeblendet, dass Menschen viele unterschiedliche Motive haben, wenn sie den Entschluss fassen, ihre Heimat zu verlassen und sich anderswo eine Existenz aufzubauen. Der Wunsch, den jüdischen Gemeinden in Deutschland neues Leben einzuhauchen, gehörte aber gewiss nicht dazu.» Darüber hinaus erinnerte Kiesel daran, dass rund 100.000 zugewanderte russische Juden es vorzogen, zum institutionalisierten jüdischen Leben auf Distanz zu bleiben. «Die Ursachen dafür mögen unterschiedlichster Art sein, aber wir sollten uns sehr genau überlegen, welche Strukturen und Angebote geschaffen werden müssen, um auch ihnen in Zukunft einen Ort zu geben.»

«Der Beginn der Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion setzte zeitgleich mit dem Prozess der deutschen Einheit ein, die sich dieses Jahr ebenfalls zum 25. Male jährt.» Daran erinnerte Heinz-Joachim Aris, Vorsitzender des Landesverbandes Sachsen der Jüdischen Gemeinden. «Beides war für uns Juden auf jeden Fall eine Erfolgsgeschichte und eine gewaltige Integrationsleistung.» Aris weiß, wovon er spricht: «Zählten die sieben Gemeinden in der DDR – ohne Ost-Berlin – vor der Wende gerade einmal 187 Mitglieder, so sind es heute knapp 8000.» Und das, obwohl in Ostdeutschland so gut wie keine jüdische Infrastruktur vorhanden war. «Für uns ergab sich aus der Zuwanderung russischer Juden nicht nur eine riesige Chance für den Fortbestand, sondern auch die Möglichkeit, den Gedanken der jüdischen Schicksalsgemeinschaft mit neuem Leben zu füllen.»

zusammenwachsen Die Erwartung vieler Teilnehmer brachte Michaela Fuhrmann auf den Punkt: «Die Zeit ist einfach reif, sich der Thematik einmal aus den unterschiedlichsten Perspektiven anzunähern», so die Leiterin der Politischen Abteilung des Zentralrats. «Schließlich sind wir in all den Jahren als Gemeinschaft nicht nur gewachsen, sondern auch zusammengewachsen.»

Für Olga Goldenberg stehen vor allem die Zukunftsthemen im Vordergrund. «Ich komme aus Halle an der Saale», sagt die Soziologin, die sich mit der Integration von jüdischen Zuwanderern in strukturell schwächeren Regionen beschäftigt. Das flächendeckende Angebot, wie es auch der Zentralrat anstrebt, will sie gestärkt wissen. «Wer jung ist, zieht häufig weg, und zurück bleiben vor allem die Älteren, die das Gemeindeleben stark prägen und fast ausschließlich Russisch sprechen. Trotzdem haben wir zahlreiche Jugendliche, die Lust und Interesse haben, sich zu treffen und zu organisieren. Nur die mittlere Generation ist leider kaum präsent.» Sie hofft auf Gespräche mit Vertretern anderer kleiner Gemeinden. «Mich interessieren ihre Erfahrungen und Ansätze, wie sie auf demografische Veränderungen reagieren.»

Über die positive Resonanz auf das Tagungsthema freute sich Sabena Donath, Leiterin der Bildungsabteilung. «Dabei ist es egal, ob wir von Russen, Juden, Alteingesessenen oder Zuwanderern sprechen.» Für die Psychologin und Erziehungswissenschaftlerin sind diese Begriffe falsch und richtig zugleich, aber für drei Tage prägten sie die Diskussionen auf diesem «Klassentreffen der russisch-jüdischen Integration».

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