Biografie

Wendig und mächtig

Foto: PR

Biografie

Wendig und mächtig

In »Hinter der Weltbühne« erzählt der Historiker Daniel Siemens das Leben des Journalisten Hermann Budzislawski

von Helmut Kuhn  23.03.2022 08:07 Uhr

Als einen »Mann zwischen allen Stühlen« beschreibt ihn Daniel Siemens in Hinter der Weltbühne. Hermann Budzislawski und das 20. Jahrhundert. Begeistert habe Siemens als Student die »Weltbühne« in Reprints gelesen und später festgestellt, dass sie nach 1933 »noch einige Jahre im Exil erschien – zuerst in Wien, dann in Prag, schließlich in Paris – und nach dem Krieg in der DDR neu belebt wurde, bis sie schließlich 1993 endgültig verstummte«. »Zur zentralen Figur der Weltbühne im Exil wurde der 1901 in Berlin geborene Hermann Budzislawski.« Allerdings sei er so gut wie unbekannt geblieben.

Der deutsch-jüdische Journalist war in der Weimarer Republik links-intellektueller Autor der Weltbühne, übernahm in der Nachfolge von Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky die Leitung des Periodikums, wurde in Frankreich interniert und gelangte über Portugal in die USA. Dort arbeitete er unter anderem als Ghostwriter für die Schriftstellerin Dorothy Thompson.

KARRIERE 1948 kehrte Budzislawski nach Deutschland zurück, trat in die SED ein und rechnete im »Neuen Deutschland« mit seiner einstigen Förderin ab: »Ich war Amerikas berühmteste Frau.« Damit demonstrierte er seine Scharfzüngigkeit, »politische Zuverlässigkeit« und Brauchbarkeit als »Kalter Krieger«. Die Mächtigen dankten es ihm. Budzislawski wurde Professor und Dekan für Journalistik an der Leipziger Karl-Marx-Universität, »im Volksmund wegen ihrer Linientreue zur herrschenden SED auch als ›Rotes Kloster‹ bekannt«.

Daniel Siemens berichtet spannend und in grandioser Detailfülle von Budzislawskis Leben.


Siemens, Professor für Europäische Geschichte an der Newcastle University, erzählt bei aller gebotenen Genauigkeit spannend und in grandioser Detailfülle von Weimar, Budzislawskis Jahren beim »Klassenfeind« und der »Erfindung der sozialistischen Journalistik«, an der er federführend beteiligt war – bis hin zur Rückkehr an die Spitze der (DDR-)Weltbühne als »späte Genugtuung«.

bedrohungen Hermann Budzislawski habe »mit erstaunlicher Wendigkeit« nicht nur alle existenziellen Bedrohungen überstanden, »sondern sich in verschiedenen Ländern immer wieder neu Einfluss zu verschaffen« gewusst, urteilt das Buch; getreu seinem Credo folgend, »jede gesellschaftliche Vision müsse auf einer ›undogmatischen‹ Analyse der Wirklichkeit aufbauen«.

Im Ton kritisch distanziert wie warmherzig fasziniert, taucht Siemens den Autor, »kühl denkenden Geschäftsmann« und Menschen in helles Licht: »Mitunter war er selbst mächtig, doch wusste er, dass er auch dann der Macht nie trauen konnte.«

Daniel Siemens: »Hinter der ›Weltbühne‹. Hermann Budzislawski und das 20. Jahrhundert«. Aufbau, Berlin 2022, 413 S., 28 €

70 Jahre »Bravo«

Dr. Sommers Vermächtnis

Von 1969 bis 1984 war der Arzt Martin Goldstein »Dr. Sommer«, einer der wohl berühmtesten Ratgeber, den der deutsche Journalismus je hatte

von Hanna Persson  28.08.2026

Musik

Abschied von Berlin

Sharon Brauner über ihr neues Lied » Kind dieser Stadt« und warum die Urberlinerin ihre Heimat verlassen will

von Jan Feldmann  28.08.2026

Musik

Tagebuch in Tönen

In seiner Biografie »Idylle und Vertreibung« über Robert Kahn erinnert Reinhard Wulfhorst an einen außergewöhnlichen deutsch-jüdischen Komponisten

von Maria Ossowski  28.08.2026

TV-Kritik

»Phoenix« - herausragender Film über eine Schoa-Überlebende

Christian Petzolds grandiose Parabel auf Deutschland im »Jahre Null«

von Felicitas Kleiner  27.08.2026

Bremer Kunsthalle

Bremen

Auszeichnung für künstlerische Auseinandersetzung mit NS-Verbrechen

Die Künstlerin Annette Kelm wird mit dem 50. Pauli-Preis geehrt. Ihre Fotoserie »Die Bücher« zeigt Cover von Werken, die von den Nazis verboten und verbrannt wurden

 27.08.2026

MARKK Museum am Rothenbaum

Hamburg

Ausstellung zum Bild vom Judentum

Welches Bild hat das Hamburger Museum MARKK vom Judentum vermittelt? Welche Rolle spielte es in der NS-Zeit? Eine Ausstellung will diese Fragen beantworten

 27.08.2026

Interview

»Werdet ihr uns helfen, Israel zu ›reparieren‹?«

Die Regisseurin Yael Reuveny über das komplexe Verhältnis zwischen deutschen Juden und Israelis, ihr neues Filmprojekt und einen Aufruf an unsere Leser, nach Home-Videos von Israel-Reisen zu suchen

von Ayala Goldmann  27.08.2026

Kolumne

Fastenkurse im Bordbistro

Wieder mal Spaß gehabt mit der Deutschen Bahn: Über die Katastrophe eines Weltkonzerns

von Maria Ossowski  27.08.2026

Schweiz

Das sind die beliebtesten Vornamen für neugeborene Jungen und Mädchen

Eine neue Rangliste des Bundesamts für Statistik gibt Aufschluss

von Nicole Dreyfus  27.08.2026 Aktualisiert