Film

Was Überleben bedeutet

»Von Transit und Trauma. Jüdische Erfahrung in der Nachkriegszeit im Film« lautete der Titel einer dreitägigen Veranstaltung in Wiesbaden. Doron Kiesel, wissenschaftlicher Direktor der Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden, hatte sie in Zusammenarbeit mit der Filmwissenschaftlerin Lea Wohl von Haselberg von der Filmuniversität Babelsberg und der Wiesbadener Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung konzipiert.

Mit der Stiftung gebe es bereits eine lange und gedeihliche institutionelle Kooperation, wie deren Vorsitzende sagte. Rund 75 Teilnehmende aller Altersstufen, darunter zahlreiche Filmstudierende, hatten sich für das umfangreiche Programm mit Filmen und daran anschließenden wissenschaftlichen Gesprächen angemeldet. Eine »Tagung von großer Intensität«, wie Christiane von Wahlert sagte. Die Auswahl der Filme, die von Doron Kiesel und Lea Wohl von Haselberg zum Thema getroffen wurde, beleuchtete die Phase nach dem Holocaust aus unterschiedlichen Perspektiven. Sie sind teils unmittelbar nach Kriegsende entstanden, aber es gab auch einen Blick zurück mit zwei aktuellen Spielfilmen aus Ungarn.

Suche Jüdische Erfahrungen in der Nachkriegszeit sind komplex und widersprüchlich, so Wohl von Haselberg. Traumatische Ereignisse sind allen gemeinsam, und die Frage, wie und vor allem auch wo das Leben weitergehen konnte, war nur schwer zu beantworten.

In Spiel- und Dokumentarfilmen, darunter auch interessante Mischformen, zeigen deutsche und internationale Regisseure Schicksale, die sich inmitten der Wirren der Nachkriegszeit abspielen. Die Suche nach Orten, nach Menschen, nach einer Sprache, einer Perspektive zieht sich als Leitmotiv durch viele der Filme. »Was eigentlich bedeutet es, überlebt zu haben?«, fragte Kiesel. »Das konnte in diesen so kurz nach dem Krieg entstandenen Filmen nur angedeutet werden.«

Wie und wo das Leben weitergehen konnte, war schwer zu beantworten.

Dass die Erfahrungen für viele Biografien prägend, definierend, ständig begleitend bleiben würden, ließ sich in diesen Filmen noch nicht ansprechen. Das ist eher in neu entstandenen Streifen der Fall, die sich zunehmend auch individuellen Gefühlen, Perspektiven und Schicksalen widmen.

Zu den ausgewählten Filmen gehörte auch Lang ist der Weg (1947) von Herbert B. Fredersdorf und Marek Goldstein, der in einem bayerischen Lager für Displaced Persons spielt. Überlebende einer jüdischen Familie suchen eine Perspektive in der Hoffnung auf die Zukunft in einem jüdischen Staat, der zum Zeitpunkt der Produktion noch nicht existierte. Die Gezeichneten von Fred Zinnemann (1948) enthält dokumentarische Elemente und erzählt die Geschichte eines elternlosen Zehnjährigen, der durch die Trümmer Deutschlands irrt. Der Regisseur suchte in den DP-Lagern und Children’s Centers nach Kindern, die in diesem Film mitspielen konnten. In Deutschland war der Film erst 1961 zu sehen.

dokumentation The Illegals von Meyer Levin (1947) ist ebenfalls ein Spielfilm mit dokumentarischen Anteilen. Der Regisseur begleitete jüdische »Displaced Persons« auf ihrem schwierigen Weg nach Eretz Israel und fügte der Dokumentation eine fiktionale Liebesgeschichte hinzu. Morituri von Eugen York (1947) gilt als einer der ersten deutschen Spielfilme, der sich mit dem Holocaust auseinandersetzte. Er erzählt von einem KZ-Arzt, der einer kleinen Gruppe Häftlinge zur Flucht verhilft.

The Lost Film of Nuremberg (2021) von Jean-Christophe Klotz zeigt verschollenes Filmmaterial über die Nürnberger Prozesse und stellt die Frage, warum dieses so lange verschwunden war. Der Ruf von Josef von Baky (1949) handelt von einem jüdischen Professor, der nach der Schoa nach Deutschland zurückkehrt und die Erfahrung machen muss, dass die nationalsozialistischen Auffassungen bei vielen noch vorhanden sind. An den ersten beiden Seminartagen wurden diese Filme jeweils mit wissenschaftlicher Begleitung vorgestellt und diskutiert.

Christiane von Wahlert hatte für den letzten Seminartag die Dokumentation Displaced Persons ausgewählt. Dieser Film aus dem Jahr 1979 von Igal Bur­sztyn schließt an den Spielfilm The Illegals an, zeigt aber ausschließlich dokumentarisches Material vom Weg mehrerer Hundert jüdischer Flüchtlinge durch Europa nach Italien, wo sie auf ein Schiff warten, das sie nach Palästina bringt.

»Morituri« war einer
der ersten deutschen Spielfilme über den
Holocaust.

Gegen Ende des Jahres 1947 macht sich die SS Unafraid auf, doch die Menschen, die auf die Zukunft in einem eigenen Land gehofft hatten, wurden zunächst wieder abgewiesen und nach Zypern gebracht. Das Besondere an dieser eindringlichen Dokumentation: Der Regisseur lässt 30 Jahre später Zeitzeugen erzählen, was sie aus dieser Zeit erinnern. Auch britische Soldaten, die die Flüchtlinge damals nicht an Land ließen, kommen zu Wort. Christiane von Wahlert kritisierte, dass dieser Film bislang nicht im deutschen Fernsehen zu sehen war.

abschluss Die Filmwissenschaftlerin Tirza Seene schließlich, die derzeit in Babelsberg über Antisemitismus im Film promoviert, stellte zum Abschluss dieser hochinteressanten und bewegenden Tagung noch zwei ungarische Filme in Ausschnitten vor. Those who remained von Barnabás Tóth erzählt die Geschichte zweier Holocaust-Überlebender in Ungarn, die aneinander Halt finden und Heilung suchen. 1945 von Ferenc Török spielt ebenfalls in Ungarn, wo zwei »Fremde« in ein Dorf kommen und allein durch ihre Präsenz alte Geheimnisse und Ungerechtigkeiten bloßlegen.

Seene zeigte lediglich Ausschnitte aus den Filmen, die man nun gerne auch vollständig sehen würde, denn sie thematisieren, so Lea Wohl von Haselberg, zum einen den »Blick über den Tellerrand«, wie man nämlich aus spezifisch osteuropäischer Warte mit der Thematik umgehe. Zum anderen kommen sie ohne bekannte ikonografische Bilder aus, erzählen die Geschichten vielmehr mittels persönlicher Gefühlserfahrungen, was auf ganz andere Weise berühren kann. »Hier müssen die Zuschauer diese unfassbare Traurigkeit der Protagonisten aushalten können. Das ist das, was Kino kann.«

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