Essay

Wann kommen die anderen?

Einer von wenigen russischen Juden, deren Stimmen in Deutschland Gehör finden: der Schriftsteller Wladimir Kaminer Foto: Jan Kopetzky

Zwei Dinge weiß man in Deutschland über die jüdische Gemeinschaft. Zum einen, dass es sie gibt, und zum anderen, dass deutsche Juden heute vorwiegend aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion stammen. Doch so lebendig man die jüdische Renaissance in Deutschland auch feiert, jüdische Stimmen fehlen in der Öffentlichkeit weitestgehend. Ein Interviewpartner findet sich zwar immer, aber in gesellschaftlichen Debatten bleiben Juden oft ungehört.

Besonders still ist es um die russischsprachigen Juden. Wo bleiben die jungen, russischen Reich-Ranickis, Broders und Billers? Es scheint, als hätte man sich so sehr an schrille, provokante und mit »jüdischem Humor« versehene Stimmen gewöhnt, dass die jüdische Renaissance gefälligst viele weitere solcher Art mit sich bringen soll. Womöglich basiert diese Erwartungshaltung auf einem Vorurteil, wenn auch auf einem äußerst schmeichelhaften. So, als würde Deutschland zugeben, ohne Juden nicht mehr auszukommen.

Mentalität Doch woran liegt es, dass man die russischen Juden in Deutschland nicht hört? Denn auf und abseits der sozialen Netzwerke, im Gemeindeleben und bei Stammtischen sind die meisten meinungsstark, politisiert und nur selten zurückhaltend. Dem folgend, müssten ihre Stimmen jede Debatte prägen. Aus unterschiedlichen – und gut nachvollziehbaren – Gründen tun sie es nicht.

Die erste Generation, die in den 90ern nach Deutschland kam, war damals zwischen 20 und 40 Jahre alt. Sie waren in der UdSSR aufgewachsen und sozialisiert worden, sie sprachen kein Deutsch, hatten kein Geld und waren damit beschäftigt, was man »Ankommen« nennt. Viel Zeit für Debatten blieb nicht, man verdiente sich lieber etwas dazu.

Viel entscheidender für ihre scheinbare Passivität im deutschen Diskurs war jedoch, dass sie in der Sowjetunion nicht gelernt hatten, was öffentliche Diskurse waren – es hatte sie nämlich schlicht nicht gegeben. Wenn man etwas zu sagen hatte, so tat man es entweder im engsten Kreis oder gar nicht. Das ist die sowjetische Mentalität in Kurzform.

Putin Deutschland war auch kein Traumland, in das sie vor Wissensdurst und Partizipationsdrang strotzend eingewandert waren. Die Zuwanderer kannten Deutschland nicht und brauchten lange, um es zu verstehen. Sie sind zwar stets auf dem neuesten Stand der Flüchtlingsdebatte, beim Abendessen besprechen sie aber lieber Putins letzte Pressekonferenz. Die erste Generation, sie ist in Deutschland angekommen, aber nicht im deutschen Diskurs.

Wichtiger als die eigene gesellschaftliche Teilhabe war vielen Eltern vor allem, sie ihren Kindern zu ermöglichen. Bildung, Bildung, Bildung, das hatten sie aus der leistungsfixierten sowjetischen Gesellschaft und der alten jüdischen Tradition mitgenommen und alles daran gesetzt, es ihren Kindern mitzugeben. Diese erfüllen alle Voraussetzungen, um Deutschland nun zu prägen – aber tun sie es denn?

Auch die Stimmen junger Juden vernimmt man in den Medien nur selten. Infolge einer verständlichen Identitätskrise – Russe, Deutscher, Jude? – fanden viele junge Migranten die Antwort in der Synagoge. Was sie ebenfalls in den Gemeinden vorfanden, waren weitgehend verschlafene Zustände des jüdischen Lebens in Deutschland. Zusammen mit einigen jüdischen Interessenvertretern und Gemeindemitarbeitern machten sie sich daran, all das mit aufzubauen, was nun als jüdische Renaissance gefeiert wird.

Bildung Monatlich, oft sogar wöchentlich treffen sich junge Juden in Berlin zum Feiern. Religiöse, säkulare und eindeutig sündhafte Veranstaltungen wechseln sich ab. Aber eine lebendige jüdische Szene bedarf natürlich harter Arbeit. Was deutsche und russische Juden in den vergangenen zwei Jahrzehnten aufgebaut haben, verdient Respekt. Auch, wenn gelegentliche Streitereien das Bild trüben mögen, sollte man eines festhalten: Jüdische Kinder und Jugendliche finden in Deutschland nun Strukturen vor, die ihnen Zugang zu jüdischer Bildung und Gemeinschaft verschaffen. In großer Zahl nehmen sie beides an.

Der Aufbau dieser Strukturen ist nicht nur der Grund dafür, dass die hiesigen Juden eine andere Beschäftigung hatten, als öffentlich in Erscheinung zu treten. Er ist auch Bedingung und Garant dafür, dass künftige Generationen es wesentlich leichter haben werden, mit ihrem Judentum und den damit einhergehenden Erscheinungen umzugehen. Ein guter Ausgangspunkt, um in einer Gesellschaft wirklich Fuß zu fassen.

Die Bedingungen indes, die diese angeblich passive Generation schafft, sind wesentlich weitreichender. Viele junge Juden aus der ehemaligen Sowjetunion sind hoch gebildet und sehr ambitioniert. Sie bahnen sich den Weg in die Politik, gründen Firmen, Startup-Unternehmen und sind dabei, zu wichtigen Kulturschaffenden zu werden. Kurzum. Sie sind auf dem besten Weg, sich in der deutschen Gesellschaft zu etablieren.

einfluss So sehr die feierliche Betonung des Begriffs der jüdischen Renaissance über die Sicherheitslage und den Antisemitismus hinwegtäuschen mag, so sehr findet die Renaissance gerade tatsächlich da statt, wo es darauf ankommt. So klischeebehaftet es sich auch anhören mag, die Juden gewinnen in Deutschland auf ganz natürliche Weise wieder an Einfluss. Ohne moralischen Zeigefinger, nur mit eigener Leistung und Zielstrebigkeit. Besser kann Integration nicht funktionieren.

Die Frage ist also nicht mehr, weshalb russische Juden in gesellschaftlichen Diskursen kaum zu vernehmen sind. Die Frage ist, ob Deutschland wirklich bereit ist, ein etabliertes Judentum hinzunehmen. Bislang waren es die lauten und streitlustigen Stimmen Einzelner, an die sich die Bundesrepublik nach einigem Widerstand gerne gewöhnt hat. Doch wie wird man reagieren, wenn die stillen Juden da ankommen, wo sie sich gerade hinarbeiten?

Wie werden die Deutschen reagieren, wenn Antisemitismus bald nicht mehr nur von jüdischen Interessenvertretern, sondern von jüdischen Unternehmern, Künstlern und Politikern deutlich hörbar verurteilt wird? Dann wird sich zeigen, was die Renaissance wert war – und ob es wieder jüdische Stimmen geben kann, die den deutschen Diskurs prägen.

Der Autor wurde in St. Petersburg geboren und kam 1992 mit seinen Eltern nach Deutschland. Er ist regelmäßiger Autor im Meinungsressort der WELT. Jüngst erschien bei dtv sein Buch »Russland Meschugge«.

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