Als Barbara Honigmann im Jahr 1984 mit Mann und Kindern von Ost-Berlin nach Straßburg emigrierte, ließ sie den Muff einer zwangs-atheistischen, spättotalitären DDR hinter sich, jedoch nicht ihre Erinnerungen. Im Gegenteil. Ihre seither erschienenen Prosabände legen Zeugnis ab von einem ganz besonderen Aufwachsen: 1949 als Tochter jüdisch-kommunistischer »Westemigranten« geboren und späterhin als Dramaturgin und Regisseurin arbeitend, war ihre Familienbiografie alles andere als »DDR-typisch«.
Und dies, obwohl die Eltern keineswegs Dissidenten waren, sondern aus ideologischen Gründen ihre kapitalistischen Exilländer gegen den entstehenden SED-Staat eingetauscht hatten, mit dem sie sich ins Benehmen setzen mussten. Aus deren Eltern-Generation wiederum hatten die meisten den Holocaust nicht überlebt, sodass nun »die Partei« eine Art Vater-und-Mutter-Rolle einnahm oder doch zumindest der (immer wieder enttäuschte) Glaube an das Progressive der kommunistischen Utopie.
Über wie vieles wurde im Freundeskreis ihrer Eltern nicht gesprochen!
Barbara Honigmann verspürte freilich schon in jungen Jahren Distanz und Verwunderung: Über wie vieles wurde im Freundeskreis ihrer Eltern nicht gesprochen! Das ihnen allen gemeinsame Judentum wurde von den Genossen und Genossinnen ohnehin fast schamhaft beschwiegen, aber was war mit den anderen, die in den 30er-Jahren im antinazistischen Widerstand gewesen waren und die man danach per Parteiauftrag in die Sowjetunion beordert hatte?
Nun, man hatte sie dort erschossen. Und die Überlebenden für Jahre, nein: Jahrzehnte in Gulag und Verbannung dahinvegetieren lassen. Als Barbara Honigmann mit 18 Jahren ein von Freunden aus Wien in die DDR geschmuggeltes Exemplar von Jewgenija Ginsburgs Marschroute eines Lebens liest, verändert sich ihr Blick auf immer.
Umso mehr, als sie ein paar Jahre später in Moskau eine Freundin ihrer Eltern trifft, die nun zur Titelgeberin des jüngsten Buchs geworden ist – Mischka alias Wilhelmine, Tochter im Holocaust ermordeter großbürgerlicher lettischer Juden, die in Stalins Reich gewaltsam von ihrem Ehemann getrennt wird und nach einem forcierten Scheinprozess unter unsäglichen Bedingungen in Sibirien leben muss.
Erst 1956 kommt sie frei, wird im Zuge der kurzzeitigen Chruschtschow’schen »Tauwetterpolitik« rehabilitiert und führt mit ihrem zweiten Mann dann im Moskau der 60er- und 70er-Jahre ein offenes Haus, will heißen, in ihrer Küche treffen sich die freien Geister des Landes: Jewgenija Ginsburg, Raissa und Lew Kopelew, Wladimir Wyssozki und dazu ein Theaterregisseur, der seinerzeit noch ein Schüler des berühmten, 1940 erschossenen Wsewolod Meyerhold gewesen war.
Mischka wird für die junge Besucherin aus Ost-Berlin bald zur »Moskauer Mama«.
Honigmann schreibt: »Eine neue Topographie eröffnete sich mir, die Ortsnamen Workuta, Kolyma, Magadan fügten sich nun zu denen, die ich mein ganzes Leben vorher gehört hatte, Auschwitz, Theresienstadt, Buchenwald, sowie die Flucht- und Emigrationsrouten nach England, nach Amerika, nach Palästina, nach Shanghai.«
Was für ein Übermaß an Schicksalen und Orten! Mischka wird für die junge Besucherin aus Ost-Berlin bald zur »Moskauer Mama«, und so ist es natürlich mehr als lediglich Chronistenpflicht, von dieser tapferen Frau zu erzählen, die schließlich – wie fast alle in ihrem Freundeskreis – die schreckliche Sowjetunion verlassen kann, sich zusammen mit ihrem Mann in Köln in der bergenden Nähe von Heinrich Böll ansiedelt und 2005 stirbt, mit 100 Jahren.
Barbara Honigmann aber benötigt stets nur wenige Sätze, um die Brüche und Wandlungen solcher »Waisenkinder des Lebens« emotional und intellektuell sinnfällig zu machen – Sätze voller Prägnanz und Empathie, mitunter verbunden mit einer leisen, all dem Schmerz abgerungenen Ironie.
Das gilt auch für das zweite Porträt, die Überlebensgeschichte eines inzwischen steinalten elsässischen Ehepaars, das (erneut im Unterschied zu den Eltern) die Nazi-Besatzung überlebt hat und nun in Straßburg seine Lebensgeschichte Barbara Honigmann erzählt, en francais.
Unglückliche Existenz des Enkels eines jüdischen DDR-Journalisten
Das dritte Stück in diesem schmalen und gerade deshalb so eindringlichen Buch skizziert die unglückliche Existenz des Enkels eines jüdischen DDR-Journalisten, der einst die berühmte »Weltbühne« auf Parteilinie brachte.
Dass sich dieses geschundene Blatt inzwischen in den Händen des Tech-Oligarchen und Egon-Krenz-Bewunderers Holger Friedrich befindet, ist indessen eine quasi brandneue Pointe außerhalb des Buches.
Barbara Honigmann aber – gerade aus der Straßburger Distanz – bleibt eine der wichtigsten literarischen Stimmen unserer Zeit, von der sich erfahren lässt, welch strenge Schönheit und unprätentiöse Würde in dieser Herausforderung liegt: Erinnerung, sprich.
Barbara Honigmann: »Mischka. Drei Porträts«. Hanser, München 2026, 112 S., 22 €