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Von Saftpäckchen und Zahlencodes

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Wie gut kennen Sie sich bei TikTok aus? Wissen Sie zum Beispiel wofür das kleine grüne Trinkpäckchen-Emoji steht? Oder das Hashtag #271? Und was hat es mit der ominösen #Agartha auf sich, die häufig mit dem 80s-Hit Down Under der australischen Band Men at Work in Verbindung gebracht wird? Die Auflösung findet sich in der von Wyn Brodersen, Michael Schmidt und Maik Fielitz verfassten Studie Portionierter Judenhass: Eine Vermessung des Antisemitismus auf TikTok, die im Online-Magazin »Machine Against the Rage« erschienen ist und sich mit der Besonderheit von digitalem Antisemitismus auf der Social-Media-Plattform beschäftigt.

Dieser verbirgt sich den Autoren zufolge häufig hinter Symbolen und Zahlencodes: So spielt das harmlos wirkende Saftpäckchen auf die lautliche Ähnlichkeit zwischen den englischen Wörtern »juice« und »jews« an und wird gerne verwendet, wenn es wieder einmal um kindermordende Eliten oder das sogenannte Finanzkapital geht. Und auch #271 setzt auf eine ganz ähnliche Kommunikationsstrategie: Die Zahl bezieht sich auf ein Dokument, das 271.000 Sterbeurkunden von Häftlingen aus verschiedenen Konzentrationslagern erfasst und als Beweis dafür herhalten soll, dass dem Holocaust angeblich weit weniger als sechs Millionen Juden zum Opfer gefallen sind. Das Hashtag »Agartha« schließlich hat nichts mit dem weiblichen Vornamen »Agatha« zu tun, sondern bezeichnet einen fiktiven Ort, der im Erdinneren liegen soll und von einer überlegenen arischen Rasse bevölkert wird. White Man Down Under sozusagen.

Antisemitische Erzählungen passen sich problemlos an die Konventionen von Social-Media-Plattformen an.

Dass diese Codes für Außenstehende nur schwer zu entziffern sind, ist dabei nicht einem Mangel an kommunikativer Stringenz geschuldet. Im Gegenteil: Mehrdeutigkeit und eine Codierung, die nur von Eingeweihten verstanden werden kann, machen sowohl den Reiz als auch den Erfolg antisemitischer Verschwörungstheorien auf Social-Media-Plattformen wie TikTok aus. Enthemmung und Chiffrierung gehen hier Hand in Hand. Antisemitische Codes und Erzählungen passen sich dabei problemlos an plattformspezifische Kommunikationskonventionen an und profitieren sogar von der Aufmerksamkeitslogik sozialer Medien, deren Algorithmen alles belohnen, was kontrovers daherkommt.

Statt sich allein auf die Inhalte der mal offen und mal versteckt antisemitischen Beiträge auf TikTok zu konzentrieren, haben die Autoren für ihre Studie einen »hashtagbasierten Ansatz« gewählt, der auch Graustufen sichtbar machen soll. In der Kommunikation auf Social-Media-Plattformen funktionieren Hashtags wie Schlagworte, die Beiträge mit ähnlichen Inhalten miteinander verbinden sollen. Für die Studie wurden 23 antisemitische Hashtags ausgewählt, um zu untersuchen, welche Verbindungslinien sich zwischen solchen Beiträgen herstellen lassen, die eindeutig als antisemitisch klassifiziert werden können und solchen, die bloß latent antisemitische Ressentiments reproduzieren.

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Das Ergebnis zeigt, dass sich antisemitische Inhalte häufig aus einem »Remixing« von Memes und Videoschnipseln speisen. »Verbindungen zwischen Spielen (Counter Strike) und Trends (Agartha), verbunden mit dem Zeigen antisemitischer Codes (271) und Klischees, sind typisch für diese Remix-Kultur auf TikTok«, so die Autoren. Es ist also die Kombination von für sich genommen harmlosen Inhalten mit Chiffren, die auf eine jüdische Weltverschwörung oder die vermeintliche Überlegenheit einer »weißen Rasse« anspielen, die den digitalen Antisemitismus so reichweitenstark und damit so gefährlich macht. Dadurch tragen Plattformen wie TikTok zu einer Dynamik bei, »die sich nicht allein über klassische Faktoren wie politische Zugehörigkeit oder ideologische Überzeugung erklären lässt, sondern bei der die digitale Praxis selbst eine tragende Rolle spielt«.

Mitautor Wyn Brodersen plädiert für eine differenzierte Lösung: »Einzelne Beiträge von der Plattform zu löschen, hilft nur wenig.« Im schlimmsten Fall befeuere so ein Vorgehen den Glauben an eine Verschwörung nur noch weiter. Es brauche vielmehr eine Moderation, die über das nötige Kontextwissen und die Sensibilität für Nuancen verfüge. Das könne keine KI leisten, das können nur Menschen.

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