Geburtstag

Von Brecht zum Traumschiff

Ein alter Jude spielt einen alten Juden: Michael Degen steht zurzeit im Berliner Schlosspark-Theater als »Mr. Green« auf der Bühne. Foto: imago

Für Schauspielerkarrieren ist eine der größten Gefahren das, was man in Hollywood »overexposure« nennt. Wortwörtlich übersetzt heißt es »Überbelichtung«. Gemeint ist, dass ein Star sich schnell verbraucht, wenn er zu oft zu sehen ist. Irgendwann haben die Zuschauer sein Gesicht satt.

Michael Degen ist das nie passiert, obwohl er einer der am häufigsten auftretenden deutschen Schauspieler ist. Und das seit mehr als einem halben Jahrhundert. Angefangen hat er 1951 am Berliner Theater am Schiffbauerdamm bei Bertolt Brecht.

Es folgten Engagements unter anderem in Köln, Frankfurt am Main, Berlin, München, Hamburg und Wien, wo er mit Regielegenden wie Peter Zadek, George Tabori, Rudolf Noelte und Ingmar Bergman arbeitete. Degen selbst zählte auch bald zu den Großen der Bühne. Als legitimen Erben Gustav Gründgens’ feierte ihn der Kritiker Gerhard Stadelmayer in der Frankfurter Allgemeinen.

Dass ein Darsteller dieses Formats sich nicht scheute, Fernsehrollen anzunehmen – nicht nur in anspruchsvollen Produktionen wie einer Buddenbrooks-Verfilmung 1978, sondern auch in populären Serien wie Derrick, Diese Drombuschs oder später den Donna‐Leon‐Verfilmungen, in denen Degen den Vice‐Questore Patta gibt –, sorgt in der Hochkulturszene bis heute immer wieder für Kopfschütteln.

Das ist typisch deutsch: In England und den USA fand niemand etwas dabei, wenn etwa ein gefeierter Shakespeare‐Darsteller wie Sir Laurence Olivier auch mal in einem Dracula‐Film spielte. Degen selbst hat seine Ausflüge ins Trivialgenre ganz pragmatisch erklärt: »Ich hatte vier Kinder zu ernähren, da habe ich auch mal Schrott gedreht.«

Da spricht der Profi, der mit seiner Kunst auch sein Geld verdienen muss. Und so hat Degen in OP ruft Dr. Bruckner auf RTL den Professor Bergmann gegeben, war der silberhaarige Charmeur Manfred Berger auf dem Traumschiff und George Winston bei Rosamunde Pilcher.

»u‐boot« Adolf Hitler war er auch, 1987 in Michael Kehlmanns TV‐Zweiteiler Geheime Reichssache. Ein hübscher Fall von poetischer Gerechtigkeit. Denn wäre es nach dem »Führer« gegangen, hätte Michael Degen das Jahr 1943 nicht überlebt. Er war elf Jahre alt, als die verbliebenen Berliner Juden vom Bahnhof Grunewald aus in die Deportationszüge Richtung Auschwitz verfrachtet wurden. Mit seiner Mutter ging der Junge in den Untergrund. Sein Vater, ein Professor, war drei Jahre zuvor an den Folgen von Folter im KZ Sachsenhausen gestorben.

Über seine Jahr als »U‐Boot«, wie man die untergetauchten Juden nannte, hat Degen 1999 die Erinnerungen Nicht alle waren Mörder. Eine Kindheit in Berlin veröffentlicht. Das Buch war ein Bestseller und wurde für die ARD verfilmt.

Mit Nicht alle waren Mörder begann auch Michael Degens zweite Karriere als Autor. 2004 erschien Blondi, eine Farce um eine Jüdin, die die Gestalt von Hitlers Schäferhund annimmt. Der Steuerhinterzieher(2005) nahm sich die feine Gesellschaft von Hamburg vor, die Degen als langjähriger Bürger der Hansestadt gut kennt. Voriges Jahr kam Familienbande heraus, ein Roman über Thomas Manns jüngsten Sohn Michael, der an seinem monströsen (und antisemitischen) Vater zerbricht.

israel Bereits 2007 hatte Degen den zweiten Teil seiner Erinnerungen veröffentlicht, Mein heiliges Land, über seine Jahre in Israel. 1949 war er dorthin gegangen, um seinen älteren Bruder zu finden, den die Eltern vor den Nazis rechtzeitig außer Landes gebracht hatten.

Degen wurde Bürger des jüdischen Staates – seinen israelischen Pass hat er bis heute – und trat an den Kammerspielen Tel Aviv auf. Doch zwei Jahre später kehrte er nach Deutschland zurück. »Ich wäre am liebsten dageblieben«, hat er 2009 in einem Interview mit dieser Zeitung gesagt. »Aber meine Muttersprache war und ist Deutsch. Und obwohl ich in Israel Klassiker wie Shakespeare oder Molière gespielt habe – alles auf Hebräisch – hatte ich große Sehnsucht danach, wieder einmal in deutscher Sprache auf der Bühne zu stehen.«

Die Entscheidung, nach Deutschland zurückzukehren, habe er nie bereut, so Degen. Fast nie: 1986 erklärte der Schauspieler, er würde Deutschland am liebsten verlassen, wenn er nicht schon zu alt für einen Neuanfang woanders wäre. Das war, als Neonazis seine Hamburger Wohnung verwüsteten und er Mordrohungen erhielt, nachdem er öffentlich gegen ein Treffen von SS‐Veteranen protestiert hatte.

Die Vergangenheit hat Michael Degen auch als Schauspieler immer wieder eingeholt – in George Taboris KZ‐Drama Die Kannibalen 1969 oder 1986 als Chef der jüdischen Ghettopolizei von Wilna in Peter Zadeks Hamburger Aufführung von Joshua Sobols Ghetto. »Da war ich am Ende.«

Dennoch hat Degen immer wieder in Produktionen mitgewirkt, in denen es um die Schoa ging, wie Josef Vilsmaiers Leo und Claire 2002 oder Jeff Kanews Babij Jar 2003. In der ZDF‐Verfilmung von Batya Gurs Die Seele eines Mörders 2009 spielte er einen traumatisierten KZ‐Überlebenden.

nächster film Am Dienstag dieser Woche ist Michael Max Degen, geboren am 31. Januar 1932 in Chemnitz, 80 geworden. Man merkt es ihm nicht an. Er wirkt 20 Jahre jünger. Von Altersgebrechen keine Spur, sieht man von Schwerhörigkeit ab: Zurzeit prangt sein Kopf in allen Städten auf großen Werbeplakaten einer Hörgerätekette.

Beruflich aktiv ist Degen weiterhin. Im Herbst kommt sein neuer Film in die Kinos. In Margarete von Trottas Biopic über Hannah Arendt spielt er Kurt Blumenfeld, einen Freund der Philosophin und führenden deutschen Zionisten. Wieder einmal eine Rolle, die mit Michael Degen ideal besetzt ist.

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