Nahost

Vom Sockel gestoßen

Michael Wolffsohn rüttelt ordentlich am Image von Willy Brandt, der Israel 1973 als erster Bundeskanzler besuchte. Foto: dpa

Irgendwie meint es Genosse Zufall derzeit nicht besonders gut mit den Sozialdemokraten. Gerade hat SPD‐Vorsitzende Andrea Nahles unter großem Protest das Aus für die parteieigene Historische Kommission verkündet, da kündigt sich mit Michael Wolffsohns neuem Buch über Willy Brandts Israelpolitik neuer Ärger an.

In dem Werk rüttelt der Historiker ordentlich am Image des »Friedenskanzlers« und Säulenheiligen der Partei. Brandt sei durchaus »ein deutsches Denkmal«, so Wolffsohn, »sowohl generationell als auch ideell und real, denn als Exilant hatte er tatsächlich gegen Braun‐Deutschland gekämpft«.

Kniefall Letzteres ließ sich nicht über viele deutsche Nachkriegspolitiker sagen. Und da ist ja noch der berühmte Kniefall für die Toten des Warschauer Ghettos, der sich ins historische Gedächtnis eingegraben hat. »Wer könnte diese großartige Geste neubundesdeutscher Demut vom 7. Dezember 1970 je vergessen oder ihr symbolisches Gewicht mindern wollen?«, fragt Wolffsohn.

»Doch selbst diese Noblesse hatte ihre Vorgeschichte: heftige Verärgerungen und schlimmste Verdächtigungen zwischen der sozialliberalen Brandt‐Scheel‐Koalition einerseits sowie andererseits der deutschjüdischen, gesamt-diasporajüdischen und israelischen Welt«, so der Historiker weiter. Und sie hat selbstverständlich auch eine Nachgeschichte, die eng mit dem Terror von München 1972 sowie dem Jom‐Kippur‐Krieg verknüpft ist. All das nimmt Wolffsohn auf Basis neuer Quellen nun unter die Lupe.

Bereits der Kniefall von Warschau erhält einen Beigeschmack. Denn in Polen hatte zuvor eine Welle des Antisemitismus mit dem Segen der Regierung die letzten Juden des Landes sprichwörtlich in die Flucht geschlagen. Genau dieses Régime nun umwarb der Bundeskanzler im Rahmen der Entspannungspolitik. »Seine Jahrhundertgeste am Warschauer Mahnmal für die Opfer des gegen die SS‐ und Wehrmachtsmörder gerichteten Ghettoaufstands von 1943 hat die Erinnerung an die jüdischen Märtyrer sozusagen entjudai­siert und zugleich polonisiert.«

priorität Bestätigung findet diese vielleicht etwas provokante These auch durch die Tatsache, dass eine Teilnahme von Vertretern des Zentralrats der Juden an dieser Reise nicht erwünscht war. Priorität hatte allein die Ostpolitik. »Jede noch so scheinbar nebensächliche Erwähnung eines jüdischen Themas musste 1970 die bundesdeutsch‐polnischen Gespräche eher erschweren und verkrampfen als entspannen.«

Auch gegenüber Israel wurde direkt zu Beginn der sozialliberalen Koalition ein anderer Ton angeschlagen. Während unter den CDU‐geführten Regierungen die guten Beziehungen zu Israel so etwas wie ein Türöffner zurück in die Weltgemeinschaft bedeuteten, hieß es nun: »Im Ganzen müssten auch wir gegenüber Israel eine Politik ohne Komplexe betreiben.« So formulierte es Brandt am 11. Februar 1970 bei einem internen Koalitionsgespräch von SPD und Freidemokraten – also nicht einmal 24 Stunden, nachdem ein palästinensischer Terroranschlag auf eine EL‐AL‐Maschine am Flughafen München stattgefunden hatte.

Auch klingt das Ganze stark nach dem Wunsch, einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen. Es folgten das eklatante Versagen der deutschen Sicherheitsbehörden bei dem mörderischen Anschlag auf die israelische Olympiamannschaft sowie die Freilassung der überlebenden Attentäter nach der Entführung eines deutschen Flugzeugs, die bis heute mehr als nur eine Frage offenlässt.

wahlen Trotz des Entsetzens auf israelischer Seite über das deutsche Verhalten hielt Ministerpräsidentin Golda Meir dem deutschen Bundeskanzler, der bei der vorgezogenen Bundestagswahl im November 1972 wiedergewählt werden wollte, weiterhin die Stange. »Versichern Sie Ihrem Kanzler bitte, dass ich nichts unternehmen werde, was das Leben erschwert«, so Meir gegenüber dem deutschen Botschafter. Für sie überwog die Solidarität unter sozialdemokratischen Genossen.

Dass diese Solidarität recht einseitig ausfiel, durfte sie dann ein Jahr später erfahren. Zum einen kapitulierte die Bundesrepublik gegenüber dem Terror der Palästinenser, zum anderen konnte und wollte Brandt sein politisches Gewicht nicht ins Spiel bringen, um zwischen Israel und Ägypten zu vermitteln. Genau darum aber hatte ihn Golda Meir gebeten. »Versagte er?«, überlegt Wolffsohn.

Seine Antwort lautet: »Ja. Erstens, weil er grundsätzlich kein großes Interesse an engen Kontakten zu Israel hatte.« Trotzdem konnte Willy Brandt als Träger des Friedensnobelpreises Meirs Wunsch nicht einfach so abschlagen. »Doch er machte die Angelegenheit nicht zur Chefsache, sondern übertrug sie dem Israel wenig geneigten, die arabische Welt favorisierenden Auswärtigen Amt.« Ein Todesstoß für jeden Versuch der Friedensstiftung.

Man muss kein Freund der ruppigen Diktion von Wolffsohn sein. Wer aber verstehen will, warum die SPD bis heute ein ambivalentes Verhältnis zu Israel hat, der kommt um die Lektüre dieses sehr wichtigen und lesenswerten Buches nicht herum. Und dann ist plötzlich auch klar, dass die verbalen Entgleisungen eines Sigmar Gabriel nicht einfach vom Himmel fielen, sondern durchaus in einer Tradition stehen.

Michael Wolffsohn: »Friedenskanzler? Willy Brandt zwischen Krieg und Terror«. dtv, München 2018, 176 S., 18 €

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