Glosse

Vom Lesen und anderen Zerstreuungen

Ich bin dann mal offline! Foto: Flash 90

Glosse

Vom Lesen und anderen Zerstreuungen

Warum mein Schabbat ab sofort 48 Stunden hat

von Ayala Goldmann  06.09.2021 11:41 Uhr

Drei Bücher werden an Rosch Haschana geöffnet, schreiben unsere Weisen: das Buch der vollkommenen Gerechten, das Buch der Sünder und das Buch der Mittelmäßigen.

Wer nicht sofort ins Buch des Lebens – also das erste Buch – eingeschrieben wurde, hat bis Jom Kippur Zeit, auf den rechten Pfad zurückzukehren. Da ich aus Zeitmangel in diesem Jahr besonders wenig gesündigt habe, darf ich mich (so meine Selbsteinschätzung) zu den Mittelmäßigen zählen. Die Frage ist: Wie schaffe ich es kurz vor dem endgültigen Urteil, dass sich die Waagschale zu meinen Gunsten bewegt?

TikTok Die größte Sünde, die ich zu bereuen habe, ist Zerstreutheit. Das liegt aber nicht nur an mir. Neben einem offenbar vererbten Aufmerksamkeitsdefizit, das sich gelegentlich in Zahlendrehern niederschlägt – zum Glück merken das unsere Schlussredakteurinnen und drehen sie wieder zurück –, wird die Zahl der Informationen, die jeden Tag über Journalisten hereinbrechen, immer größer. Twitter, Facebook, Instagram, TikTok, Microsoft Teams, Nachrichtenagenturen, Onlinezeitungen und E-Mails – oft wünsche ich mir acht Arme wie ein Oktopus, um mit der Verarbeitung nachzukommen. Und wenn ich freihabe, wünsche ich mir gar nichts. Keine Nachrichten. Keinen Input. Nur Stille.

Aus diesem Grund hat mein Schabbat ab sofort 48 Stunden. Er beginnt am Freitagnachmittag, wenn ich mein Smartphone ausschalte, und endet am Sonntagabend, wenn ich das »Digital Detox« ausschleiche. Als echte Teschuwa wird dieser Nachrichtenentzug natürlich nicht durchgehen, wie ich unsere Rabbiner kenne – ich habe ja noch das Klapphandy. Aber das ist wenigstens nicht internetfähig. Seitdem ich das netzfreie Wochenende eingeführt habe, greife ich schon am Freitagabend zu einem Buch. Am Samstag zum nächsten. Am Sonntagabend stelle ich manchmal fest, dass ich zwei ganze Bücher gelesen habe. Bleibt nur die Frage: Welches führt mich dorthin, wo ich eingeschrieben werden will – ins Buch der Gerechten?

Abruzzen Muttermilch von Melissa Broder wohl kaum. Das habe mir an meinem ersten medienfreien Schabbat reingezogen, weil die Autorin als der weibliche Philip Roth gehypt wird und eine Million Follower auf Twitter hat. Das Buch gefällt mir trotzdem nicht. Vielleicht bin ich neidisch, weil die Heldin in Los Angeles lebt und üppigere Schabbatdinner erlebt als ich in Berlin. Mein zweites Schabbat-Buch war von Natalia Ginzburg. Was für eine Offenbarung! Um ein Buch von ihr zu lieben, reicht schon der erste Satz: »In den Abruzzen gibt es nur zwei Jahreszeiten: Sommer und Winter.«

Nichts wirkt beruhigender auf einen überfüllten Kopf als Bücher, in denen kein Wort überflüssig ist. Aber komme ich durch allein weltliche Lektüre ins Buch der Gerechten? Vielleicht doch eher, indem ich mal wieder ein anderes Buch aufschlage, das auch mit einem perfekten ersten Satz beginnt: »Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde«? Mal sehen, ob ich überhaupt noch Augen im Kopf habe, wenn diese Feiertagsausgabe endlich gedruckt ist. Schana Towa und Chatima Towa everybody!

Berlin

Weimer: »Auf gutem Weg« zu zukunftsfester Berlinale

Die US-Amerikanerin Tricia Tuttle will Leiterin des Filmfestivals bleiben. Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien reagiert knapp

 03.03.2026

Berlin

Tuttle: Will »in vollem Vertrauen« Berlinale-Chefin bleiben

Nach politischen Kontroversen wird lebhaft über die Zukunft der Berlinale diskutiert - und die ihrer Chefin. Im Interview erklärt Tricia Tuttle, wieso sie im Amt bleiben will

von Sabrina Szameitat  03.03.2026

Potsdam

Zentrum für jüdischen Film wird eröffnet

An der Filmuniversität Babelsberg soll Lea Wohl von Haselberg ein neues Zentrum für jüdischen Film und audiovisuelles Erinnern leiten

 03.03.2026

Doppel-Interview zu Holocaust-Forschung

»Wir streiten uns nicht über die Fakten«

Seit Wochen tobt im Feuilleton ein Streit über den Stellenwert der Kollaboration in den von Nazi-Deutschland besetzten Ländern. Erstmals diskutieren die Hauptprotagonisten, die Schoa-Historiker Jan Grabowski und Stephan Lehnstaedt, direkt miteinander

von Ayala Goldmann, Michael Thaidigsmann  03.03.2026

Berlin

Wirbel um Berlinale-Chefin: Tricia Tuttle hält an Amt fest

Wie geht es weiter bei der Berlinale? Es wurde lebhaft über die Zukunft des Filmfestivals und die Intendantin diskutiert. Nun äußert sie sich erstmals selbst dazu

 03.03.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Purim-Stress? Absolut zu empfehlen!

von Nicole Dreyfus  02.03.2026

Aufgegabelt

Schoko-Hamantaschen mit Sauerkirschfüllung

Rezept der Woche

von Katrin Richter  02.03.2026

Elvis Presley

Der King of Rock ’n’ Roll trug einen Davidstern

Hollywoodregisseur Baz Luhrmann setzt dem Star ein episches Denkmal

von Stephen Tree  02.03.2026

Kino

Zartes Flüstern im Dazwischen

In seinem Episodenfilm erzählt Jim Jarmusch von eingeschliffenen Verhaltensmustern. Mayim Bialik überzeugt mit zurückhaltendem Spiel

von Jens Balkenborg  02.03.2026