Achava

Vivaldi in Thüringen

Die jüdische Kultur der Vergangenheit und Gegenwart bewusst machen – diesem Grundsatz ist Achava verpflichtet, die großen, jüdisch grundierten Thüringer Festspiele, die noch bis zum 29. September und in diesem Jahr zum fünften Mal stattfinden.

Und auch dafür ist das Kunstfestival mit Konzerten, Tanz, Ausstellungen und Gesprächsrunden ein Beweis: Kultur und menschliche Begegnung triumphieren letzten Endes doch über Unkultur, auch über den großen Zivilisationsbruch des Holocaust. In diesem Spannungsfeld stand gleich die Eröffnung am Donnerstag vergangener Woche in Eisenach, Weimar und Erfurt.

Lutherhaus Symptomatisch dafür war, dass im Eisenacher Lutherhaus in Partnerschaft mit Achava die Ausstellung Erforschung und Beseitigung. Das kirchliche Entjudungsinstitut 1939–1945 eröffnet wurde – ein dunkles Kapitel in der evangelischen Kirchengeschichte. Elf Landeskirchen hatten 1939 die rassistisch-antisemitische Einrichtung in Eisenach gegründet. Ganz ohne Zwang des Systems, wie Kurator Jochen Birkenmeier betont. Ziel war es, die jüdischen Wurzeln des Christentums zu leugnen.

Danach gab es in der nahen Georgenkirche ein Begegnungskonzert der besonderen Art: Das junge Thüringer Bach-Collegium traf Avi Avital, den israelischen Ausnahmekünstler, einen weltweit bekannten Magier auf der Mandoline.

Humanität Dokumentierte antisemitische Anpassung, die heute noch beschämt, auf der einen Seite, auf der anderen überbordende Begeisterung für die internationale Sprache der Musik, die mit ihrem ästhetischen Emotionspotenzial der Humanität verpflichtet ist. Gemeinsamkeit überwindet Ausgrenzung.

Avi Avital zog das Publikum mit seiner Vivaldi-Interpretation in den Bann.

Die beiden Schirmherren Achavas, der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow und der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, waren auf die Kanzel der Georgenkirche gestiegen, um dem Konzertpublikum die Aktualität und die dringende Notwendigkeit des Engagements gegen Antisemitismus nahezubringen.

Josef Schuster ist überzeugt, dass verstärkt bewusst gemacht werden muss, welchen Beitrag jüdische Künstler zur Kulturarbeit leisten und damit zu einem friedlichen Miteinander in der Gesellschaft beitragen. Gleiches gelte für die vielfältigen kulturellen Bemühungen aller jüdischen Gemeinden. Für Schuster ist der Festivalname Achava ein notwendiger Appell. Schließlich bedeutet er Brüderlichkeit.

Echo Der Echo-Klassik-Gewinner Avi Avital, der auch schon für einen Grammy nominiert war, zeigte im Konzert für Mandoline und Orchester von Antonio Vivaldi nicht nur handwerkliche Meisterschaft auf seinem Instrument. Er zog das Publikum mit seiner gleichermaßen sensiblen wie temperamentvollen Interpretation des Stücks in seinen Bann.

Vivaldi einmal so interpretiert zu hören – ein seltener musikalischer Ge­nuss. Zumal das Bach-Collegium in seiner frischen, unprätentiösen Art des Musizierens kongenial mit dem Solisten übereinstimmte. Beifallsstürme auch beim rhythmisch rasanten Duo für Mandoline und Violoncello von dem 1942 in einem deutschen Lager zu Tode gekommenen jüdischen Komponisten Erwin Schulhoff.

BEGEGNUNG Eisenach stand außerdem am vergangenen Wochenende ganz im Zeichen jüdisch-christlicher Begegnungstage. Ein buntes Straßenprogramm mit Musik, Dialogveranstaltungen, einem Schabbat-Abend und einem Festgottesdienst stießen auf lebhaftes Interesse.

Kontrast auch im Erfurter und Weimarer Achava-Programm: In der Stadt Goethes und Schillers stehen an verschiedenen Plätzen der Stadt überlebensgroße Porträts von Häftlingen des KZs Buchenwald. Sie rufen ins Gedächtnis, dass Weimars Bevölkerung sehr wohl wusste, dass im nahen KZ die Werte der Aufklärung und des Humanismus außer Kraft gesetzt waren, Willkür herrschte, Menschen zu Tode gequält wurden. Die Bürger haben geschwiegen. Sie haben sich mitschuldig gemacht.

Für Josef Schuster ist der Festival-Name »Achava« – Brüderlichkeit – ein notwendiger Appell.

In Erfurt dagegen ein Zeichen der Hoffnung. Hier stellte Achava-Intendant Martin Kranz eine eindrucksvolle Brückenaktion zwischen Israel und Deutschland, zwischen Jerusalem und Erfurt vor. In Jerusalem steht ein »Paradiesbaum«, ein Kunstwerk der israelisch-jüdischen Künstlerin Ruth Horam und des israelisch-arabischen Bildhauers Nihad Dabeet. Das Artefakt aus Stahl und Kupfer stellt einen Olivenbaum dar, Sinnbild der Friedenssehnsucht – nicht nur im Nahen Osten.

GOLDBLÄTTER Einen derartigen »Paradiesbaum« soll nun auch Erfurt bekommen, zur Bundesgartenschau 2020. Das israelische Künstlerduo arbeitet bereits daran. Der acht Meter hohe Baum wird per Schiff und Lkw nach Deutschland transportiert. Er soll auf dem Areal des Petersbergs seinen Platz finden. Bereits jetzt können die Erfurter Blätter aus Kupfer für diesen Baum erwerben. Nicht um sie als kleine Kunstwerke zu behalten, sondern wenn die Künstler aus Israel ihr Kunstwerk aufstellen, sollen diese Blätter die Baumkrone ergänzen.

Sollte mehr Geld zusammenkommen, als nötig ist, wird der Überschuss für natürliche Bäume verwendet, die ebenfalls auf dem Petersberg gepflanzt werden sollen. Sollte aber das zusammengekommene Geld nicht reichen, springt die Sparkasse Mittelthüringen ein.

Achava will mit seinen kulturellen Angeboten auch Mut machen: Es gibt eine reale Chance, eine freie, offene Gesellschaft zu bewahren, so Intendant Kranz. Toleranz und solidarisches Miteinander sind doch stärker als die Kräfte rückwärtsgewandter Ideologien.

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