Musik

»Verstummtes zum Klingen bringen«

»Es ist Quatsch, dass die Geschichte über das Genie entscheidet«: der Dirigent Leon Botstein Foto: dpa

Herr Botstein, Ihre Eltern sind als Juden aus Polen in die Schweiz und weiter in die USA gezogen. Sie haben einmal gesagt, dass Sie oft versuchen, sich jene Familienmitglieder vorzustellen, die Sie nie kennenlernen konnten, weil sie ermordet wurden. Ist dieses »Verstummen« auch ein Grund, warum Sie sich immer wieder vergessenen Komponisten und ihren Werken widmen?
Es könnte sein, dass diese persönliche Erfahrung etwas damit zu tun hat. Die Musik ist ja perfekt, um die eigenen Gedanken schweifen zu lassen. Um etwas, das verstummt ist, zum Klingen zu bringen, um etwas Vergangenes im Heute neu zu beleben. Inzwischen leben wir in einer Zeit der Bilder: Im Fernsehen oder im Kino wird unsere Fantasie auf das Konkrete gelenkt. Im klassischen Konzert ist das anders: Man hat zwei Stunden Zeit, um in eigenen Gedanken zu schwelgen, das Persönliche mit dem Allgemeinen abzugleichen. Der Klang wird zur Stimulanz, und die Zeit wird relativ. So gesehen kann das Verstummte durch Musik tatsächlich zumindest eine innere Stimme bekommen.

Gelingt Ihnen das auch ganz persönlich? Kann Musik die Toten zum Leben erwecken?
Das ist vielleicht etwas übertrieben. Was aber durchaus auch bei mir passiert, ist, dass Musik Erinnerungsgedanken stimuliert. Wenn ich zum Beispiel das Stabat Mater von Szymanowski spiele, denke ich zuweilen an meine Tante – sie hatte viele jüdische Kinder gerettet, starb im hohen Alter. Es entsteht kein konkretes Bild, wohl aber ein Gespür für die Zeit, in der sie lebte. Oder wenn ich die Oper Der Dämon von Anton Rubinstein dirigiere, dann kommt es vor, dass ich meine Großmutter vor mir sehe: Sie hat oft davon erzählt, wie sie den Bass Fjodor Schaljapin gehört hat. All das wird nie konkret, aber die Musik stimuliert durchaus melancholische Erinnerungen an das, was ich zum Glück nicht erleben musste.

Das Traurige ist ja, dass viele Komponisten, die von den Nationalsozialisten verboten, vertrieben oder ermordet wurden, bis heute ein Schattendasein führen. Wenn man so will, ein später Sieg der Nationalsozialisten …
Tatsächlich dirigiere ich häufig Max Reger, Kurt Weill, Béla Bartók, Ernst Krenek, Paul Hindemith oder Arnold Schönberg. Und natürlich könnte man sagen, dass die Nazis ihre Musik ausradieren wollten und mit ihrer perfiden und unmenschlichen Kulturpolitik nachhaltig erfolgreich waren. Und ja, jede Aufführung dieser Komponisten ersetzt ihr Verstummen durch Klang. Aber das ist nicht der einzige Grund, warum mich diese Komponisten interessieren. Mir geht es um das Vergessene und Verdrängte an sich. Mir geht es darum, gegen das absurde »Masterpiece‐Syndrom« der Klassik zu kämpfen.

Was meinen Sie damit?
In der Klassik haben wir uns auf, sagen wir, 100 Meisterwerke geeinigt, die überall und immer wieder gespielt werden. Nehmen wir Gustav Mahler: Seine Symphonien sind sicherlich genial, aber gibt es wirklich keine anderen Stücke, die wir stattdessen spielen können? Gerade bei Mahler sieht man, dass er heute oft pervertiert wird: Jeder Dirigent will seine Symphonien dirigieren – oft weniger, um Mahler zu ehren, sondern um sein eigenes Ego zu befriedigen, um der Mahler‐Interpretation noch etwas vollkommen Neues hinzuzufügen.

Und dabei entfernt er sich eigentlich von Mahler?
Das ist leider oft der Fall. Es muss noch ausgefallener, noch radikaler oder vollkommen anders klingen, um wahrgenommen zu werden. In diesem Fall geht es nicht mehr um die Musik Mahlers, sondern um das Image des Dirigenten, der es wagt, Mahler vollkommen neu zu dirigieren. Das Gleiche gilt übrigens auch für Chopin‐Etüden oder für das Violinkonzert von Beethoven. Alles tolle Werke, aber wir sollten sie nicht zum Ein‐und‐Alles stilisieren – und vor allen Dingen nicht zur Ego‐Show des Interpreten pervertieren. Es sind nicht die Olympischen Spiele, in denen es um »schneller, höher, weiter« geht. Musik kennt die Kategorie der Superlative nicht. Und deshalb frage ich: Warum spielen wir stattdessen nicht Hindemith, Reger oder Zemlinsky?

Und warum?
Oft kommt die Antwort: »Na ja, die haben zwar ganz hübsche Musik geschrieben, aber an Mahler oder Beethoven kommen sie nicht heran.« Was für eine absurde Herangehensweise! Gehen Sie etwa in den Louvre und schauen sich nur die Mona Lisa an, weil kein anderes Bild so gut ist wie dieses? Oder lesen Sie keine Bücher mehr, nachdem Sie Shakespeare gelesen haben, weil keiner an dieses Genie herankommt? Das ist doch absurd! Warum blenden wir ungehörte Musik so gerne aus? Es ist Quatsch, dass die Geschichte über das Genie entscheidet. Wir haben jeden Tag die Chance, das Vergessene neu zu entdecken. Deshalb kämpfe ich um die Verstummten und die Vergessenen. Weil auch sie verdammt gute Musik geschrieben haben, die es wert ist, gehört zu werden. Und ich merke doch, dass die Musiker und das Publikum dankbar sind, etwas Neues zu hören.

Man könnte das ja noch weiter treiben: Am besten verkauft sich ein Konzert, wenn die Handvoll Superstars die Handvoll Meisterwerke aufführt.
Das wäre doch wirklich eine trostlose Situation. Letztlich geht es doch auch darum, der historischen Wahrheit gerecht zu werden. Adorno hat einmal vom »Fetischcharakter« der Musik gesprochen. Und genau dem müssen wir entgegentreten. Dauernd reden wir von Beethoven, von seiner Eroica und von Napoleon. Warum schauen wir nicht einmal in die Bibliothek von Beethoven und sehen, dass er die Komponisten Reicha, Cherubini oder Ries bewundert hat, dass er unendlich viel Zeit mit dem Studium ihrer Musik verbracht hat. Wer, verdammt, sind wir, wenn wir uns nicht um diese Komponisten kümmern, die den großen Beethoven so sehr beschäftigt haben? Ich habe keine Lust, in einem Konzert zu sitzen und die tausendste Interpretation eines mittelmäßigen Dirigenten der Eroica zu hören. Stattdessen höre ich mir lieber die geniale Aufführung eines Ries‐Werkes an.

Sie sagen, die Grundlage sei es, die Vergangenheit ehrlich zu befragen, um so Neues zu finden – das scheint nicht im Trend der Zeit zu liegen. Gerade die idealisierte Vergangenheit ist für viele zu einem Sehnsuchtsort geworden.
… ein Sehnsuchtsort, der vollkommen erfunden ist! Schauen Sie in meine Heimat, in die USA: Donald Trumps Trick ist es, eine Vergangenheit zu beschwören, die es so gar nicht gegeben hat. Er macht den Leuten vor: Früher war alles besser, da haben sich die Leute auf der Straße gegrüßt, da wurde alles im Tante‐Emma‐Laden gekauft, da war die Welt noch heil. Aber das ist totaler Bullshit! Ebenso wie unser Bild vom Bürgerkrieg, bei dem wir nicht an Folter und Gräueltaten denken, sondern an Vom Winde verweht. Trump verbreitet nicht nur »Fake News«, sondern »Fake History«. Übrigens ein typisches Phänomen bei Populisten. Schauen Sie nach Ungarn: Viktor Orbán macht genau das Gleiche und beschwört den Nationalismus mit falschen historischen Bildern. Ich finde es interessant, dass ein Komponist wie Béla Bartók sich intensiv mit der Volksmusik seiner Heimat auseinandergesetzt, aber Ungarn verlassen hat, weil er nichts mit den nationalen Kräften am Hut hatte. Bartók hat die Volksmusik der Region untersucht und herausgefunden, dass sie nicht völkisch ist oder national, sondern keine Grenzen kennt, ja sogar Wurzeln hat, die bis in die Türkei zurückführen. Anders als die Nazis wusste er, dass Volksmusik etwas Völkerverbindendes hat und nichts Trennendes. Deshalb hat er Ungarn verlassen.

Sie sind Mitglied des Vorstands der Central European University, die auch von Ihrem Freund George Soros unterstützt wird. Viktor Orbán hat Soros zum Staatsfeind Nummer eins erklärt.
Ich kann nicht für George Soros sprechen, aber ich glaube, der erste Fehler war, dass wir alle geglaubt haben, mit dem Fall des Kommunismus sei der Drang nach Freiheit das höchste Gut. Das war ein Irrtum. Heute ist ein neuer Kampf ausgebrochen: ein Kampf um die Zukunft, der mit der Definition der Vergangenheit beginnt. Ich glaube, Soros weiß, dass dieser Kampf nicht morgen gewonnen werden kann, dass man sehr viel Zeit und einen sehr langen Atem braucht. Vielleicht wird unsere Generation den Ausgang gar nicht erleben. Aber das ist es, was die Musik uns lehrt: Zeit zu haben, in anderen Dimensionen zu denken und das Vergangene analytisch zu betrachten, nicht emotional. Vor allen Dingen aber: dass es gefährlich wird, wenn Menschen versuchen, andere Menschen zum Verstummen zu bringen.

All das klingt eher pessimistisch.
Oh nein, ich bin letztlich ein Optimist. Vielleicht gibt es derzeit starke Kräfte, die das wahre Vergangene verstummen lassen und in voller Lautstärke Angst schüren, aber ich glaube auch, dass es viele Menschen gibt, die ihre Stimme erheben und die Kunst nutzen, um sowohl der Vergangenheit Gerechtigkeit widerfahren zu lassen als auch die Zukunft zu prägen.

Was macht Sie so optimistisch?
Wenn ich zum Beispiel mit dem Academy Orchestra probe, mit 80 jungen Musikern aus 25 Ländern, dann spüre ich eine unglaubliche Begeisterung. Gerade haben wir Bartóks Konzert für Orchester und das Stabat Mater von Szymanowski geprobt. Viele der Musiker haben diese Musik noch nie gespielt, weil sie an ihren Hochschulen mit Beethoven und Mozart aufgewachsen sind. Und ich spüre ihre Neugier, das Feuer, die Begeisterung, sich mit dieser Musik auseinanderzusetzen, nach ihrer Bedeutung, ihrer Entstehung, ihrer Geschichte zu fragen – und nach den Botschaften für unsere Zeit. Ich bin der festen Überzeugung, dass gerade Jugendliche irgendwann von ihren Smartphones und Handys gelangweilt sind und sich für das Neue, das Reale, das Echte und das Machen begeistern. Die Anzahl dieser Jugendlichen wird immer größer.

Aber auch die Zahl der Leute, die an die verklärte Vergangenheit und neue, starke Männer glauben, wird größer.
Das mag sein. Aber es ist nie zu spät, sie zu überzeugen. Ich erinnere mich an eine Probe mit dem venezolanischen Orchestra Juvenil de Caracas. Wir haben die Leningrader Symphonie von Schostakowitsch gespielt. Ich habe gesehen, dass einer der Musiker die spanische Ausgabe der 1940er‐Übersetzung von Mein Kampf gelesen hat. Er wusste gar nicht, was er da in der Hand hatte. Ich habe dem Orchester erklärt, dass der Typ, der dieses Buch geschrieben hat, die Stadt Leningrad plattmachen wollte – und zwar komplett! Und dass die Symphonie davon handelt. Plötzlich gab es eine Geschichte, eine konkrete Debatte, eine Notwendigkeit für diese Musik – und die müssen wir immer wieder herstellen. Mein Freund Philip Roth hat einmal gesagt, dass es schon bald so selten sein wird, dass die Menschen eine Novelle lesen, wie dass sie Griechisch oder Latein sprechen. Ich habe ihn sehr verehrt – aber das will ich bis heute einfach nicht glauben!

Mit dem amerikanischen Dirigenten und Musikwissenschaftler sprach David Steininger.

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