Barrie Kosky

»Vergesst uns nicht!«

Barrie Kosky Foto: picture alliance/dpa

Herr Kosky, viele Künstler fühlen sich auch mehr als ein Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie von der Politik im Stich gelassen. Wie bewerten Sie die Situation?
Sehr ambivalent. Ich empfinde Verständnis und Wut zugleich. Wir befinden uns in einer absoluten Ausnahmesituation. Alle leiden unter dieser Pandemie, die in dieser Form vielleicht einmal in 100 Jahren über die Menschheit hereinbricht. Da gibt es keine einfachen Antworten. Es gibt kein Schwarz-Weiß. Ich möchte deshalb nicht in den von dem einen oder anderen angestimmten populistischen Chor des Politiker-Bashing einstimmen. Im Stich gelassen fühle ich mich von der Politik mit Ausnahme des katastrophalen Impfversagens ganz sicher nicht.

Erhalten die Kulturschaffenden genügend Unterstützung aus der Politik?
In den USA und vielen anderen Ländern haben Künstler bis heute keinen Cent staatliche Unterstützung erhalten. Das ist in Deutschland grundlegend anders. Berlins Kultursenator Klaus Lederer etwa ist sehr nah dran an uns, unterstützt und hilft uns großartig, wo er nur kann. Gleichzeitig verstehe ich freischaffende Künstler, die sagen: Liebe Politiker, vergesst uns nicht!

Was erwarten Sie und andere Künstler konkret?
Wir wollen fair behandelt werden. Wir Künstler befinden uns seit mehr als einem Jahr im Lockdown. Dabei gibt es schon seit Langem – auch vonseiten der Kulturschaffenden – tragfähige Konzepte, wie wir vor Publikum spielen können, ohne irgendjemanden zu gefährden.

Welche wären das?
Testen, testen, testen. Abstand. Strikte Hygieneregeln. FFP2-Maskenpflicht. In der Summe funktioniert das hervorragend. Ich habe ja Verständnis für die Politik, dass sie angesichts der rasanten Zahl an Neuinfektionen und überlasteten Intensivstationen vorsichtig sein muss. Aber meiner Meinung nach wurde zu wenig Aufmerksamkeit darauf verwendet, neben dem Lockdown zukunftsfähige Sicherheitskonzepte zu schaffen, die trotz Pandemie ein Stück sicheren Alltag ermöglichen. Unsere Konzepte im Kultur­bereich haben im Herbst unter Beweis gestellt, dass sie funktionieren. Und seitdem haben wir sie noch verbessert.

Studien von Anthropologen weisen nach, dass das kulturelle Leben nach der Überwindung einer Pandemie geradezu beflügelt wird. Was glauben Sie, wird das diesmal auch so sein?
Ich glaube, da ist viel dran. Klar: Corona hat auch bei zahllosen freien Künstlern einen riesigen Schaden verursacht. Aber ich glaube nicht, dass die Struktur des Kulturbetriebs in Deutschland irreversibel beschädigt wurde. Die Nachfrage nach Kultur wird nach Corona immens sein. Und gleichzeitig werden auch viele Künstler durch diese furchtbare Zeit, so funktioniert Kunst häufig, wie bei vergleichbaren Krisen außergewöhnliches Neues schaffen.

Mit dem Intendanten der Komischen Oper Berlin sprach Philipp Peyman Engel.

Die Träger des Georg-Stefan-Troller-Preises 2026

Frankfurt am Main

Auszeichnung für Journalisten und Buchautoren

Der Georg-Stefan-Troller-Preis für die Berichterstattung über jüdisches Leben wurde erstmals verliehen. Mit Mascha Malburg und Joshua Schultheis sind auch zwei JA-Journalisten unter den Ausgezeichneten

 11.10.2026

Frankfurt am Main

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an Philippe Sands überreicht

Der Völkerrechtsanwalt forderte in seiner Rede ein Ende angeblicher »Debattenbeschränkungen« in Deutschland

 11.10.2026

Julia Franck

»Sie liebt, aber sie wird nicht geliebt«

Die Schriftstellerin über ihre literarische Biografie der Jüdin Baladine Klossowska und den Dichter Rainer Maria Rilke

von Knut Elstermann  11.10.2026

Aufgegabelt

Rote Bete mit Tahini

Rezepte und Leckeres

 11.10.2026

Forum

Leserbriefe

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Texten der Jüdischen Allgemeinen

 10.10.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

 10.10.2026

Kino

Ich habe »Naza« gesehen, und es ist ein übles Stück Propaganda

Es ist erschreckend zu sehen, wie große Teile der Filmwelt sich gerade selbst zu nützlichen Idioten der Hamas degradieren, indem sie ihr von Lügen und Blut getränktes Narrativ übernehmen

von Philipp Peyman Engel  10.10.2026

Berlin

733 Tage, 2 Stunden und 35 Minuten

Eine Ausstellung im Paul-Löbe-Haus erzählt von Verlust, Hoffnung und bleibenden Folgen in der Zeit zwischen dem 7. Oktober und dem Abkommen zur Freilassung der Geiseln

von Pascal Beck  09.10.2026

Essay

Drei Jahre nach dem 7. Oktober: Die Grenzen universitärer Selbstgewissheit

Antisemitismus ist an Universitäten längst kein Ausnahmeproblem mehr. Drei Jahre nach dem 7. Oktober stellt sich deshalb eine unangenehmere Frage: Was haben Universitäten über sich selbst gelernt?

von Frederek Musall  09.10.2026