Mischa-Spoliansky-Revue

Verbeugung vor einem Verfolgten

Zeitkritik mit Augenzwinkern: Szene aus »Heute Nacht oder nie« von Regisseur Stefan Huber Foto: Robert Recker

Berlin war in den 20er- und frühen 30er-Jahren die musikalische Unterhaltungsmetropole Europas. Dafür standen Komponisten wie Werner Richard Heymann, Friedrich Hollaender – und Mischa Spoliansky. 1898 in Byalistok als Sohn einer Musikerfamilie geboren – der Vater war Opernsänger –, begann Spoliansky seine Karriere als Pianist in Berliner Kaffeehäusern, wirkte dann in literarischen Kabaretts mit Vertonungen von Kurt Tucholsky, Klabund und Joachim Ringelnatz und kam 1928 mit seiner Revue Es liegt in der Luft mit Marlene Dietrich groß heraus.

Es folgten weitere Revuen, Schlager und Filmmusiken, bevor Spoliansky, wie viele seiner Kollegen, als Jude 1933 Deutschland verlassen musste und nach England ging, wo er als Filmkomponist reüssierte. 1985 starb er in London.

Revival Einer von Spolianskys größten Erfolgen war der Schlager »Heute Nacht oder nie« von 1932. Unter diesem Titel präsentiert die Komische Oper Berlin jetzt 21 von Spolianskys größten Hits in einer ihm gewidmeten Revue. Sie ist Teil eines Revivals deutsch-jüdischer Unterhaltungskomponisten, das das Haus in der Behrenstraße seit einigen Jahren als einen Schwerpunkt setzt. »Ihre Musik soll hier wieder gespielt und gehört werden, wo sie einst gelebt und gewirkt haben«, wie Intendant Barrie Kosky es in einem Gespräch mit dieser Zeitung vor einiger Zeit programmatisch erklärte.

Regisseur Stefan Huber hat für diese Revue die Trennung von Bühne und Orchester aufgehoben. Die Musiker sitzen nicht im Graben, sondern auf dem Podium. Zwischen ihnen bewegen sich die singenden und tanzenden Darsteller – als Bonze, Lesbe und Hure Tobias Bonn, Christoph Marti und Andreja Schneider, bekannt als »Die Geschwister Pfister«, Johannes Dunz als Provinzler, Stefan Kurt als Beamter, Christoph Späth als Taxifahrer, Mirka Wagner als Fräulein aus gutem Hause und quasi in einer Doppelrolle als Darsteller wie Musiker am Piano Kai Tietje, der auch die musikalische Leitung innehat.

Gemeinsam schaffen Darsteller und Musiker aus den disparaten Liedern von Spoliansky ein Stück aus einem Guss, das, ganz im Sinne des Komponisten, eingängige Melodien, Rhythmus und Zeitkritik mit ironischem Augenzwinkern präsentiert – intelligente Unterhaltung eben, wie sie in Deutschland seit der Vertreibung und Ermordung der jüdischen Unterhaltungskünstler aller Sparten Mangelware geworden ist. Mischa Spoliansky hätte der Abend gefallen.

Nächste Aufführungen: 23. Juni und 4. Juli.

www.komische-oper-berlin.de

Glosse

Undynamisch, faul und gelangweilt: Wer gibt mir einen Job?

Ein nicht ganz ernst gemeintes Bewerbungsschreiben

von Beni Frenkel  28.07.2021

Debatte

Rostock verschiebt Konzert von Xavier Naidoo

Der Auftritt des Sängers war in der Rostocker Bürgerschaft heftig umstritten

 28.07.2021

Oper

Bayreuth nimmt Abschied von Kosky

Die »Meistersinger von Nürnberg« in der Inszenierung von Barrie Kosky gelten als eine der besten Bayreuther Produktionen aus jüngerer Zeit

von Britta Schultejans  27.07.2021

Speyer/Worms/Mainz

SchUM-Städte werden Weltkulturerbe

Die UNESCO zeichnet jüdisches Kulturgut in Deutschland damit erstmals aus

von Andreas Landwehr  27.07.2021

Unesco

Welterbekomitee entscheidet heute über Antrag der »SchUM«-Städte

Wird das jüdische Erbe von Mainz, Worms und Speyer als Weltkulturerbe anerkannt?

 27.07.2021

Nachruf

Komiker mit Smicha

Der Rabbiner mit dem bissigen Humor machte als Comedian Karriere. Nun ist er im Alter von 93 Jahren gestorben

 26.07.2021

Olympische Spiele

Zweiter Judoka verzichtet auf Kampf gegen Israeli

Der Sudanese Mohamed Abdalrasool wollte in Tokio nicht gegen israelischen Kontrahenten Tohar Butbul antreten

 26.07.2021

USA

Trauer um Jackie Mason

Der Komiker, der auch als Stimmgeber für »Die Simpsons« bekannt wurde, starb im Alter von 93 Jahren

 25.07.2021

Joshua Sobol

»Alles ist möglich«

Der Schriftsteller über seinen aktuellen Roman, Israels neue Regierung und Frauen als Heldinnen der Gesellschaft

von Katrin Richter  25.07.2021