»Kumsitz«

Vagabunden und Gesetzesbälle

Auf einem blauen Sockel erstreckt sich ein Teppich aus gut 200 Armbanduhren: kleine und große, edel und seriös wirkende Armbanduhren und solche, die man schnell im Vorbeigehen kauft; Uhren mit Plastikarmband und mit Bändern aus haltbarem Leder.

Aber allesamt Chronometer, die von ihren Besitzern nicht zurückgenommen wurden, weil sie sich nicht reparieren ließen oder weil sich der Aufwand nicht lohnte. Die aber in den Schubladen des Geschäftes von Rafram Chaddads Vater, einem Uhrmacher, der mit der Familie von Tunesien nach Israel auswanderte, liegen blieben und von denen er sich nicht trennen wollte – oder konnte. Ein Statement, dass es Dinge gibt, die, scheinbar nutzlos geworden, dennoch ihren Zauber behalten.

Chaddad studierte Kunst in Jerusalem, aber sein Werk ist nicht in Israel, sondern in Düsseldorf entstanden – im Rahmen eines Austauschprogramms, das es israelischen Künstlern erlaubt, für mehrere Monate in Düsseldorf zu arbeiten, so wie im Gegenzug Künstler aus Düsseldorf die Möglichkeit erhalten, in Tel Aviv ihren Projekten nachzugehen oder ganz neue zu entwickeln.

Konzeptkunst
Pro Jahr wechseln auf diese Art und Weise jeweils ausgesuchte Künstler und Künstlerinnen ihren Arbeitsort. Nach drei Jahren stellen sie gegenseitig ihre Werke aus und zeigen, was an dem jeweils fremden Ort entstanden ist: im Herzliya-Museum für zeitgenössische Kunst in Tel Aviv und im KIT in Düsseldorf. Das »Kunst im Tunnel« ist ein Ableger der Düsseldorfer Kunsthalle, in einem Tunnelsystem am Rhein. Mit einem leicht abschüssigen Boden, schrägen Wänden und sich zuspitzenden Nischen – bestens geeignet für Kunst, die nicht brav im Rahmen präsentiert werden will, sondern sich den Genres Konzept- und Raumkunst verpflichtet fühlt.

Wie die überdimensionalen »Bälle des Gesetzes« von Nir Harel, die man ausdrücklich rollen lassen soll, denn mit »Gesetzen« sind die der Schwerkraft gemeint und nicht die der Gerichte. Oder die Präsentation der Arbeit »Vagabund«, für die Alex Wissel zusammen mit dem befreundeten Künstler Jochen Weber mit einem Sprinter von Düsseldorf nach Tel Aviv gefahren ist: Der Innenraum des Transporters wurde Galerie, wurde Atelier.

Dezidiert politisch positioniert sich Uri Gershuni, Jahrgang 1970. Er hat sich mit der Idee beschäftigt, dass es der Familie wie von selbst gut geht, wenn ihre Mitglieder nur ordentlich gewaschene und weiße Kleidung tragen – ein Werbe- und noch mehr Identifikationskonzept, wie es der Chemiekonzern Henkel seit den 20er-Jahren mit seinem Waschmittel Persil vertritt. Ein Wertemythos, der nicht zuletzt von den Nazis mit ihrer Konstruktion der »weißen«, überlegenen »Rasse« aufgegriffen wurde.

Waschmaschine Gershuni fotografierte für seine Arbeit »Die weiße Dame« Ansichten des Düsseldorfer Henkel-Werkes – ohne große architekturkritische Absichten –, zog die Fotos eigenhändig in der Dunkelkammer ab und steckte sie in die Waschmaschine, mit einem Waschmittel aus dem Hause Henkel. Und nun hängen entsprechend gewaschene, quasi geweißte, aber am Ende kaum noch erkennbare Ansichten des Waschmittelwerkes gerahmt an der Wand und laden zum Vergleich ein: Welches Bild ist überzeugender? Und klappt es mit dem Weißwaschen?

Thematisiert Gershuni so die anhaltende Wirkung der Geister der Vergangenheit, widmet sich Alma Itzhaky, die sich für das Genre der Malerei entschieden hat, der unmittelbaren israelischen Gegenwart: Sie zeigt uns junge Leute in einer Art Partykeller, die hingelümmelt einer Rede Benjamin Netanjahus zuhören, die gerade im Fernsehen übertragen wird. Aber hören sie wirklich intensiv zu? Und teilen sie seine Position? Oder sind sie gänzlich anderer Auffassung? Und was könnte da Netanjahu eigentlich erzählen?

KUMSITZ (Lagerfeuer) – vom deutsch-jiddischen »Komm’, sitz« abgeleitet – ist eine bunte, illustre und vielschichtige Gruppenausstellung geworden, die nicht nur davon erzählt, auf welch unterschiedliche Weise junge Künstler auf die heute äußerst komplizierte Welt reagieren; sondern die auch darüber berichtet, wie anregend ein Stipendienaufenthalt sein kann. Um das eigene Werk mit Ruhe und Konzentration zu erproben, unabhängig davon, in welcher Umgebung man sich befindet. Mehr aber noch, um sich mit seinen künstlerischen Positionen und Arbeitsweisen auf die fremde Umwelt zu beziehen und seinen eigenen künstlerischen Weg gewissermaßen einer Realitätsprüfung zu unterziehen.

»KUMSITZ. Israelische und deutsche Stipendiaten der Bronner Residency«. Kunst im Tunnel, Mannesmannufer 1b, Düsseldorf, bis zum 1. Mai. Zur Ausstellung ist ein Katalog auf Deutsch, Englisch und Hebräisch erschienen.

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