Buchbranche

Unter Suhrkamps Dach

Hier bitte klingeln für den Jüdischen Verlag Foto: dpa

Es bewegt sich etwas im Suhrkamp-Streit. Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz signalisierte vergangene Woche in einem Gespräch mit der »Zeit« Bereitschaft zur Deeskalation: »An einem Kompromiss muss gemeinsam gearbeitet werden, und deshalb haben die Gesellschafter nun gemeinsam vermittelnde Gespräche ins Auge gefasst.«

Berkéwicz schlug vor, das für den 13. Februar anstehende Verfahren im Rechtsstreit zwischen ihr und dem Suhrkamp-Minderheitsgesellschafter Hans Barlach sowie weitere anstehende Prozesse auszusetzen. Barlach reagierte auf Anfrage der Deutschen Presse Agentur (dpa) zumindest nicht ablehnend. »Unter gewissen Voraussetzungen« könne er sich Gespräche und eine Aussetzung der Gerichtsverfahren vorstellen. Zumal es inzwischen zwei von beiden Seiten anerkannte Mediatoren im Streit zwischen ihm und Ulla Berkéwicz gebe.

geschichte Das von vielen Beobachtern befürchtete mögliche Ende von Suhrkamp könnte nun also doch abgewendet werden. Damit wäre auch der kleine »Jüdische Verlag« vor dem Untergang gerettet. 1990 hatte ihn Siegfried Unseld zu Suhrkamp geholt. Nicht materielles Gewinnstreben, sondern programmatisches Engagement stand hinter der Entscheidung. Unseld wollte einen großen Verlagsnamen mit großer Geschichte erhalten.

Der ursprüngliche Jüdische Verlag war 1902 in Berlin kurz vor dem fünften Zionistenkongress gegründet worden, von einem Initiativkreis, dem unter anderem Martin Buber, Chaim Weizmann und Ephraim Moses Lilien angehörten. Programmatisch stand der Verlag der kulturzionistischen Richtung nahe, veröffentlichte bis zur Zerschlagung durch die Nazis 1938 Werke von Achad Haam, Chaim Nachman Bialik, Simon Dubnow, Theodor Herzl, Theodor Lessing und Max Nordau. Zu den Highlights gehörten auch die deutsche Übersetzung des Babylonischen Talmuds durch Lazarus Goldschmidt sowie das fünfbändige »Jüdische Lexikon«, die bis heute umfangreichste deutschsprachige jüdische Enzyklopädie.

programm 1958 wurde der Jüdische Verlag in Berlin restituiert und später von Athenäum übernommen, bevor ihn Unseld 1990 erwarb. Unter dem Suhrkamp-Dach hat er sich seitdem zu einer der ersten Adressen in Sachen Judaica in der deutschsprachigen Verlagslandschaft entwickelt. Das zeigt auch das aktuelle Frühjahrsprogramm.

Die italienisch-jüdische Historikerin Diana Pinto wirft in Israel ist umgezogen einen kritischen Blick auf den Zustand Zions; Yehuda Bauer, der Nestor der israelischen Holocaustforschung, versucht in Die dunkle Seite der Geschichte eine historische Interpretation und Neu-Interpretation der Schoa und fragt auch nach ihrer geschichtlichen Einzigartigkeit; der kabbalistische Kernbegriff »Zimzum«, die Selbstzusammenziehung Gottes vor Erschaffung der Welt, ist Thema von Christoph Schultes gleichnamiger Studie; der 1930 in Berlin geborene israelische Dichter Natan Zach präsentiert in Verlorener Kontinent eine Auswahl seiner Lyrik.

Ein intellektuelles und literarisches Eldorado ist die Backlist des Verlags mit Autoren von Samuel Joseph Agnon über Hannah Arendt, Lizzie Doron, Anna Maria Jokl, György Konràd, Else Lasker-Schüler mit einer elfbändigen kritischen Werkausgabe, Amos Oz, Doron Rabinovici und Gershom Scholem bis zu Jacob Wassermann mit seinem Klassiker Mein Weg als Deutscher und Jude – um nur einige Namen zu nennen. Auch Goldschmidts Talmudübersetzung – die einzige in deutscher Sprache – ist hier als Nachdruck zu finden. Und seit 20 Jahren erscheint der »Jüdische Almanach« zu Themen wie »Frauen«, »Humor«, »Kindheit«, »Liebe« oder »Sport«. Herausgeberin ist seit 2002 Gisela Dachs, im Hauptberuf »Zeit«-Korrespondentin in Israel.

salon Der Jüdische Verlag ist aber, wie sein Mutterhaus Suhrkamp, mehr als nur ein Verlag. Siegfried Unselds persönlicher Umgang mit Autoren ist Legende, und, ob Autoren, Kritiker oder Buchhändler, wer sie erlebt hat, die großen und kleinen Empfänge, die er in seiner Frankfurter Villa gab, gerät ins Schwärmen. In bester Tradition solcher Events lädt der nunmehr nach Berlin umgezogene Verlag regelmäßig in die hauptstädtische Ausgabe der Suhrkamp-Villa in Nikolassee ein. Auch der Jüdische Verlag lässt dorthin höflich und geistreich bitten und setzt damit nicht nur eine Tradition fort – er erneuert sich im besten jüdischen Sinn.

So war das auch zu erleben, als der Verlag vergangenen Herbst einlud, um über das Thema des aktuellen Jüdischen Almanachs zu debattieren: »Protest«. Im Almanach wie in der Villa wurde über die Phänomenologie des Protests aus jüdischer Sicht sinniert. Die Teilnehmer konnten sich in einer Atmosphäre austauschen, die es so sonst nirgends gibt. Da sitzen Autoren zusammen mit Journalisten, Lehrstuhlinhabern, Museumskuratoren, Künstlern, Wissenschaftlern und Spitzenpolitikern. Wo sonst könnte ein literarisch tätiger Rabbiner ins Gespräch kommen mit solchen Leuten, und zwar auf Augenhöhe?

Die Verlegerin lädt ein, und eine neue Kultur der alten literarischen Salons erlebt tatsächlich eine Renaissance. Keine Kopie der mit dem alten Jüdischen Verlag 1938 untergegangenen vermeintlichen deutsch-jüdischen Symbiose, sondern etwas Eigenes, Neues, das die entstehende Kultur des gegenwärtigen deutsch-jüdischen Lebens nach außen transportiert. Jüdisches wird hier wieder – wenigstens ein Stückchen weit – zu einem Bestandteil der deutschen Mainstreamkultur, statt ein Dasein als Subkultur am Katzentisch zu fristen. In Ulla Berkéwiczs Villa in Nikolassee werden die viel beschworene Normalität und das unverkrampfte Miteinander Wirklichkeit.

diskurs Berkéwicz ist etwas Einzigartiges gelungen: ein deutscher »Thinktank« in der Stadt der Macht. In den USA sind »Thinktanks« aufgeblähte Institutionen von Parteien und Interessengruppen. Suhrkamp und die Villa Unseld sind unparteiische Orte des Diskurses. Das gilt auch für den Jüdischen Verlag. Wenn dieser kleine, feine Verlag als Kollateralschaden unter dem einstürzenden Dach von Suhrkamp zugrunde gehen sollte, wird es keine Wiedergutmachung geben können, um die mühevolle intellektuelle Feinarbeit von Jahrzehnten zu ersetzen.

Hoffen wir, dass im Streit zwischen Ulla Berkéwicz und Hans Barlach die Mediatoren die sprichwörtliche Weisheit von König Salomon besitzen. Dessen Schiedssprüche sind Legende (auf Deutsch nachzulesen auch in Publikationen des Jüdischen Verlags). Am bekanntesten war eine Schlichtung, die Salomon ohne Urteil zwischen zwei streitenden Frauen herbeiführte. Beide gaben an, die Mutter ein und desselben Kindes zu sein. Statt zwischen ihnen zu richten, zog der König sein Schwert und drohte, das Kind zu halbieren, damit jede der beiden Streitparteien je eine Hälfte des »Streitobjekts« erhielte. Von den beiden Frauen warf sich eine schützend vor das Kind.

Der Rest ist bekannt. Um bei dem Bild zu bleiben: Es geht um das Leben des Kindes Suhrkamp, das eigentlich aus vielen Kindern besteht. Eines dieser Kinder ist der Jüdische Verlag. Sein Schicksal liegt jetzt in den Händen der »Eltern« Berkéwicz und Barlach. Von ihnen hat sich eine schützend auf das Kind geworfen. Und der andere hat das immerhin zur Kenntnis genommen. Die Schlichter können also das Schwert hoffentlich in der Scheide lassen. Und das Publikum darf auf weitere Freude an dem Kind hoffen.

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