Gesellschaft

Unsere parallele Welt

Deutsche Leitkultur mit christlich-jüdischen Wurzeln Foto: imago / Montage: Frank Albinus

Alle reden von Integration. Das will ich jetzt auch tun. Von der Materie verstehe ich einiges. Ich lebe als Engländer, als Jude und als Rabbiner in Deutschland – Stalin hätte mich einen »wurzellosen Kosmopoliten« genannt. Ich kenne Deutschland und seine Nachbarn gut. Allein in den vergangenen Wochen bin ich in Baden-Württemberg, Bayern, Österreich, Polen, Schleswig-Holstein, Berlin, Brandenburg, Sachsen- Anhalt und weiß-der-Kuckuck wo noch unterwegs gewesen. Als nicht fest angestellter Wanderrabbiner bin ich nicht nur liberal, sondern auch überall. Da lernt man Deutschland, die Deutschen und die deutschen Juden aus unterschiedlichsten Pers-pektiven kennen.

lederhosen Bin ich integriert? Ich trage in der Regel eine Kopfbedeckung, wenn auch keinen schwarzen Hut, sondern eine Mütze. Ich verzichte auf Bratwurst und Eisbein. Weder habe ich Lederhosen an (Mode in Bayern) noch Leder-Unterhosen (Mode in Teilen Berlins). Ich liebe Beethoven und Bach, aber nicht Udo Lindenberg. Die Bundesliga interessiert mich nicht die Bohne. Zu Hause habe ich einige Werke von Heine und Heinz Erhardt im Regal, aber keine Goethe- oder Schiller-Gesamtausgabe. Ich kann »Ilkley Moor«, ein Volkslied aus Yorkshire, singen, aber nicht »Oh du schöner Westerwald«.

Ich lebe auch in zwei Kalendern. Vor zehn Jahren hat eine Journalistin mich gefragt: »Was sagen Juden zum Jahr 2000?« Ich konnte nur antworten: »Es tut mir leid, aber das ist so lange her, dass wir es total vergessen haben!« Samstag ist für mich nicht Wochenende, sondern – ich wollte Schabbat sagen, aber für Rabbiner ist das ein Werktag. Mit der Adventszeit und mit Weihnachtsmärkten habe ich nichts am Hut. Koschere Ostereier habe ich noch nicht gefunden.

Ich kann mich noch an eine nächtliche Begegnung am Münchner Ostbahnhof erinnern, als ein Besoffener (nicht alle Deutschen sind Besoffene, aber sicher sehr viele von ihnen) mich fragte, ob ich Ausländer sei. »Ja«, sagte ich. »Ich komme aus Berlin.« Für Bayern ist das Ausland. Seine Reaktion war: »Nein, Sie sind Engländer oder Amerikaner, ein Freund von Bush!« Plötzlich war ich ein »echter« Ausländer, nicht nur Jude. Welch eine Erleichterung!

russen Dennoch: Alles in allem haben wir Juden in Deutschland es (fast) geschafft, als normale Menschen akzeptiert zu werden. Keiner kreidet uns mehr die Kreuzigung Christi an – jedenfalls nicht öffentlich. Mazzen darf man verkaufen, ohne auf der Packung zu vermerken, welche Blutgruppe die dafür geschlachteten Christenkinder hatten.

Dafür haben wir jede Menge eigene Integrationsprobleme. Wie gliedert man zum Beispiel die letzten ein oder zwei deutschen Juden in eine russischsprachige Gemeinde ein? Mich wundert, dass es noch nicht Pflicht für alle Mitglieder ist, Russischkenntnisse nachzuweisen. Wo doch die Sprache der Schlüssel zur Mehrheitsgesellschaft ist. Oder: Wie verankert man die wenigen gläubigen Juden in einer Gemeinde, die sich selbst nur als Sozialdienstleister und Milchkuh für den Geschäftsführer versteht? Und wie passen Israelkritiker in unsere politisch homogene jüdische Gesellschaft?

konvertiten Dann haben wir noch die »neuen Juden«. Als Konvertiten haben sie den deutschen Mainstream verlassen und erleben eine Art »Desintegration«. Sie werden von Nachbarn, Kollegen und ehemaligen Freunden als zionistische Nazis und verschwörerische Rassisten beschimpft. Sie dürfen keine Garnelen mehr genießen, sondern sollen Gefilte Fisch mögen. Statt »Torsten« oder »Heidrun« tragen sie jetzt hebräische Namen. Sie müssen in einer Fremdsprache mit dem Schöpfer reden, weil der jüdische Gott anscheinend nicht gern Deutsch hört. Und dann sollen diese Menschen sich in jüdische Gemeinden integrieren, in der keiner koscher isst, die wenigsten ihren hebräischen Namen kennen und niemand zum Gottesdienst kommt. Wie kann man da seine Integrität wahren? Die hat nicht umsonst denselben Wortstamm wie die viel beschworene Integration.

Patriarchen Vergessen wir schließlich nicht die nachwachsende Generation. Junge – sprich: unter 60-jährige – Juden haben Schwierigkeiten, sich in Gemeinden zu integrieren, die seit Jahrzehnten von älteren Herren auf autokratische Manier geführt werden. Diese Patriarchen haben anscheinend keine Absicht, sich aufs Altenteil zurückzuziehen, bevor sie nicht mindestens 119 Jahre alt geworden sind. In solchen Gemeinden bleibt nur, die biologische Lösung abzuwarten. Der Engel des Todes fungiert hier als eine Art Integrationsbeauftragter.

Und die Integration der Muslime, dieses alles beherrschende Debattenthema der vergangenen Monate? Dazu sage ich nichts. Es gibt drängendere Probleme. Ich war vorige Woche in Baden-Württemberg. Seitdem frage ich mich: Wird es je gelingen, die »Stoppt-Stuttgart-21«-Schwaben zu integrieren?

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