Fachtagung

»Kulturelle Intifada«

Während der documenta 2015 kam es zu mehreren Antisemitismus-Vorfällen. Kein Einzelfall im deutschen Kunstbetrieb Foto: IMAGO/Hartenfelser

Aufträge brechen weg, es wird zum Boykott aufgerufen: Seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 weht jüdischen und israelischen Kulturschaffenden ein eisiger Wind entgegen - auch in Deutschland.

Die aktuelle Lage im Kulturbetrieb war nun eines der Themen einer Fachtagung in Frankfurt am Main, die unter dem Motto stand: »Jüdisches Leben in Deutschland im Spannungsfeld zwischen Anpassung und Autonomie«. Organisation und Ausrichtung lag bei der Initiative kulturelle Integration.

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, beklagte eine Ausgrenzung von Kunst- und Kulturschaffenden. Dies passiere zwar schon seit Jahren, allerdings berichteten viele Betroffene von einem »deutlichen Einbruch ihrer Karrieren« besonders nach dem 7. Oktober. »Sie alle berichten, dass ihre Aufträge und Engagements wegbrechen. Dass sie von früheren Auftraggebern ignoriert werden. Dass frühere Kolleginnen und Kollegen sie beschimpfen.« Auch kündigten Jüdinnen und Juden in Museen oder Festivalbüros.

»Es ist die reinste Form der Diskriminierung«

Zudem würden aus »vorgeschobenen ‚politischen Gründen‘ Kooperationen abgesagt und Einladungen aufgelöst«. Schuster fragte, welche politischen Gründe es seien, wenn jemandem wegen Religion, Identität oder Herkunft eine Zusammenarbeit aufgekündigt werde. »Es ist die reinste Form der Diskriminierung.«

Es sei auffällig, dass in hohem Maße toleriert werde, wenn sich eine solche Diskriminierung gegen Jüdinnen und Juden richte. Die Botschaft laute: »Ihr gehört nicht wirklich zu uns.«

Es sei kein Einzelfall mehr, wenn zu einer »kulturellen Intifada« aufgerufen werde, mahnte Schuster. Auch werde das Existenzrecht Israels infrage gestellt. Wegen einer zu beobachtenden Polarisierung müssten Kuratoren, Verleger und Intendanten eigentlich Räume schaffen, »in denen man gemeinsam überlegen, sich vortasten und Ambiguität üben kann«. Dies geschehe allerdings viel zu selten.

Aufruf zu differenzierter Debatte

Olaf Zimmermann, Sprecher der Initiative kulturelle Integration und Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, nannte es »unsäglich«, was gerade in der Kultur passiere. Er schäme sich beispielsweise für Boykottaktionen gegen Künstlerinnen und Künstler. Der Kulturrat sei im Gespräch mit Betroffenen: »Wir werden alles in unserer Kraft stehende tun, damit das endlich aufhört.«

Zugleich wandte sich Zimmermann dagegen, alles über einen Kamm zu scheren. So habe der Kulturbereich tatsächlich ein großes Problem mit Antisemitismus - allerdings betreffe das keineswegs die gesamte Branche. »Man muss in der Diskussion beide Seiten sehen.« Wenn die Debatte erfolgreich geführt werden solle, müsse gesehen werden, dass es auch andere Positionen gebe.

Lesen Sie auch

Schuster und Zimmermann äußerten sich zum Auftakt einer ganztägigen Fachtagung im Jüdischen Museum mit dem Titel »Jüdisches Leben in Deutschland im Spannungsfeld zwischen Anpassung und Autonomie«. Organisation und Ausrichtung lag bei der Initiative für kulturelle Integration. Die Tagung fand im Rahmen des Aktionstags Halle zum Gedenken an den Anschlag auf die dortige Synagoge am 9. Oktober 2019 statt.

Der Angriff vor fünf Jahren habe Leben und Sicherheitsgefühl der Überlebenden für immer verändert, betonte Schuster. Auch hätten sie erleben müssen, wie die ihnen angetane Gewalt heruntergespielt worden sei. Politik und Gesellschaft stünden in der Pflicht, Vertrauen Stück für Stück zurückzugewinnen.

Lesen Sie mehr dazu in unserer nächsten Printausgabe.

TV-Tipp

Zwischen Terror und Trauma

Eine Reportage von Jan Philipp Burgard auf WELT TV zeigt Israel und seine Menschen drei Jahre nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023

von Detlef David Kauschke  07.10.2026

Im Kino

Mutiges Biopic über Österreichs Ex-Kanzler: »Bruno – Der junge Kreisky«

Harald Sicheritz hat ein Biopic gedreht, das die politischen Kämpfe zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten, zwischen der Linken an sich und den Nationalsozialisten in den 1930er Jahren differenziert darstellt

von Sascha Westphal  06.10.2026

Literatur

Neues Jugendbuch von Holly-Jane Rahlens: Ein eher unbekanntes Kapitel deutsch-jüdischer Geschichte

Displaced Persons Camps der Nachkriegszeit: Sie stehen im Zentrum eines neuen Buches von Holly-Jane Rahlens. »Frostblüten« heißt und erzählt von der Freundschaft der jüdisch-polnischen Estera und der Berlinerin Lotte

von Nina Schmedding  06.10.2026

Aufruf

Buchpreis-Trägerin Shida Bazyar warnt vor AfD

Shida Bazyar ist mit dem diesjährigen Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. In einem Vorab-Interview äußerte sie sich auch politisch

von Anita Hirschbeck  06.10.2026

Literatur

Shida Bazyar für ihren Roman »Die Lücken« mit Deutschen Buchpreis ausgezeichnet

Der Preis wurde am Montagabend im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse vergeben

 05.10.2026 Aktualisiert

Glosse

Der Rest der Welt

Einmal Gastro, immer Gastro

von Margalit Edelstein  05.10.2026

Zahl der Woche

136 israelische Athleten

Fun Facts und Wissenswertes

 05.10.2026

7. Oktober

Rotes Rathaus zeigt Ausstellung zum Hamas-Überfall auf Israel

Der Überfall der Terrororganisation Hamas hat überall in Israel Spuren hinterlassen. Eine neue Berliner Ausstellung beleuchtet die Erfahrungen von Sportlern und Fans rund um den 7. Oktober 2023

 05.10.2026

Frankfurt

Kronen der Schrift

Im Jüdischen Museum ist die weltweit größte Privatsammlung von Rimonim zu sehen. Sie stammen aus China, dem Jemen oder Marokko. Gesammelt hat sie ein heute 100-jähriger Schweizer Jude

von Mascha Malburg  05.10.2026