Fernsehen

Ungeschminkte Innenansichten in den NS-Alltag

Adolf Hitler und sein italienischer Diktatorenkollege Benito Mussolini 1938 in München Foto: picture alliance / Mary Evans

Im Mai jährt sich zum 80. Mal der Sieg über Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Über die vorangegangene Zeit der NS-Herrschaft und ihre Gräueltaten wurde schon oft berichtet. Im Gegensatz zur konventionellen Geschichtsschreibung eröffnen Eva Röger, Daniel und Jürgen Ast mit ihrer vierteiligen Serie jedoch neue Blickwinkel.

Die unterschiedlichen Perspektiven von acht gewöhnlichen Tagebuchschreibern - vom fanatischen Nazi-Anhänger bis zur jüdischen Familie - ermöglichen ungeschminkte Innenansichten in die alltägliche Realität in der NS-Zeit.

Die Vielstimmigkeit der Autoren, die aus unterschiedlichen sozialen Schichten, politischen Lagern und geografischen Regionen kommen, verdeutlicht dabei den unfassbaren Kontrast zwischen (durchaus gebildeten) Durchschnittsmenschen, die der Nazi-Propaganda euphorisch folgen, und Juden, die zur selben Zeit deren Opfer wurden.

»Stolze Jungfrauen«

»Alles für die Reinheit des Blutes«, notiert Inge Thiele (deren Name auf Wunsch der Angehörigen geändert wurde) in ihr Tagebuch, als 1935 die Nürnberger Rassengesetze verabschiedet wurden. Die Gärtnerin, damals Mitte zwanzig, ist noch ledig. Als sie später Soldaten in den Krieg ziehen sieht, befürchtet sie, dass viele junge Männer sterben, so dass »wir Frauen als ›stolze Jungfrauen‹ unser künftiges Leben fristen müssen«.

Mit diesen Rassengesetzen in Konflikt gerät die ehemalige Lehrerin Luise Solmitz, deren jüdischstämmiger Ehemann - ein hochdekorierter Veteran des Ersten Weltkriegs, der schon als Kind zum Christentum konvertierte - nun rechtlich als Jude gilt. Das auf ihren Mann eingetragene Haus in Hamburg soll enteignet werden. Ihrer fanatischen Verehrung des »Führers« tun diese Schikanen keinen Abbruch. Vollendete Schizophrenie.

Innerlich auf Distanz zu den Nazis geht Matthias Mehs, der als Gastwirt aus der Eifel allerdings Kompromisse eingehen und sein Lokal schließlich »judenrein« halten muss. Nicht nur Entsetzen über die Novemberpogrome vertraut er dem Tagebuch an. Am 20. April 1945 erwähnt er »eine fürchterliche Entdeckung der Alliierten«, die zwei KZs mit mehreren tausend Gefangenen eroberten: »Es ist das Grausamste, was man sich denken konnte«.

Keine Empathie

Ungerührter Zeuge derartiger Grausamkeiten ist der Bremer Lehrer Helmut Fischer (auch sein Name wurde geändert). Nein, ein fanatischer Nazi war er nicht, doch er zeigte keine Empathie gegenüber alltäglichen Gräueltaten, die er während des Ostfeldzugs miterlebte: »Einzelne kleine Kinder«, schreibt er, »wurden in die Luft geworfen und erschossen. Unsere Leute hätten am liebsten mitgemacht«.

Wie sich der Nazi-Furor aus der Perspektive eines Juden anfühlt, veranschaulichen die Tagebucheintragungen der Breslauer Pädagogen und Historikers Willy Cohn, dem es als Träger des Eisernen Kreuzes schwerfällt, sich »die Liebe zu Deutschland ganz aus dem Herzen zu reißen«. Mitten im Satz bricht sein Tagebuch ab, am 28. November 1941 wird er mit seiner Frau und beiden kleinen Töchtern erschossen.

Wie denken und fühlen einfache Menschen aus dem Volk, die - von der NS-Propaganda aufgestachelt - Hitlers Regime ermöglichten? Diese buchstäbliche »Banalität des Bösen« vermittelt der Vierteiler mit einer selten gesehenen Wucht. Ein historisches Mosaik, das durch seine unüberbrückbaren Gegensätze frappiert. Das unverfälschte Medium des Tagebuchs vermittelt dabei Geschichte mit einer Direktheit, der man sich schwer entziehen kann.

Erschütternde Authentizität

Die erschütternde Authentizität des Tagebuchmediums wird allerdings gebrochen. Denn die Dokureihe illustriert die autobiografischen Notizen nebst Familienfotos und Archivfilmen mit Graphic Novels von Vincent Burmeister. Der Künstler, bekannt durch seinen Comic »Kriegszeiten«, das sich mit dem Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr auseinandersetzt, erweckt die Tagebuchschreiber, denen prominente Darsteller wie Mala Emde, Ulrich Matthes und Ulrich Noethen ihre Stimme leihen, zum Leben.

Leider gewinnt dieser durchaus gelungene Verfremdungseffekt, der die Künstlichkeit der gezeichneten Charaktere unterstreicht, teilweise ein zu starkes visuelles Übergewicht. Vom Inhalt der Tagebücher lenken die Animationen schon ein wenig ab. Von diesen Einschränkungen abgesehen, gelingt den Autoren eine bemerkenswerte, vielschichtige Filmreihe, deren Geschichten lange nachwirken.

»Hitlers Volk – Ein deutsches Tagebuch 1939-1945«, Regie: Eva Röger, Daniel Ast, Jürgen Ast, ARD, 05. Mai, 22.50 Uhr. Online in der ARD-Mediathek ab 22. April.

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