Osteuropa

Ungarische Zustände

Unterwürfig? Vielen Ungarn wird ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Foto: ullstein

Der junge Stadtrabbiner geht statt mit der Kippa mit einer Baseballkappe aus dem Haus. Juden erzählen, sie trauen sich nicht mehr, in der Budapester Metro jüdische Zeitungen zu lesen. Wochen, bevor die Ungarn im Vorjahr Viktor Orbán und seine Fidesz‐Partei mit einer komfortablen Mehrheit im Parlament ausstatteten, erreichten die rechtsextremen und antisemitischen Ausschreitungen und Übergriffe einen beispiellosen Höhepunkt.

Kaum im Amt, erklärte der neue Premierminister Orbán, dass sich das System der nationalen Einheit auch an die im Ausland lebenden Ungarn richte: die ungarischen Minderheiten in der Slowakei, in Serbien oder Rumänien. Ein neues Mediengesetz riecht sehr stark nach Zensur und wird nach internationalen Protesten wohl noch abgeschwächt. Die Stephanskrone, das Symbol des einstigen ungarischen Königreichs, hatte Orbán bereits in seiner ersten Amtszeit als Regierungschef (1998 bis 2002) in das Parlament schaffen lassen. Was ist los mit Ungarn?

autoritär Das Land, das derzeit der EU vorsitzt, hat eine »autoritär‐aggressive Dis‐ position«, heißt es in einer länderübergreifenden Studie über Autoritarismus in Zentraleuropa, die Zeithistoriker der Universität Wien gemeinsam mit dem Institute for Social Research and Analysis (SORA) durchführten. In Ungarn gebe es, stärker als in anderen osteuropäischen Ländern, eine autoritäre Unterwürfigkeit der Bevölkerung, die auch das Gefühl politischer Hilflosigkeit verstärke.

Die Forscher befragten in Polen, Tschechien, Ungarn und Österreich jeweils 1.000 Personen und untersuchten so das Geschichtsbild der Menschen, die im vergangenen Jahrhundert von nationalsozialistischen und mit Ausnahme Österreichs kommunistischen Machthabern regiert wurden. »Wir wollten schauen, inwieweit ihre autoritäre Disposition gesunken ist«, erläutert die Soziologin Rossalina Latcheva. Denn: »Warum werden autoritäre Einstellungen so schnell wieder wach?«

mythen Zu den Themen Zweiter Weltkrieg und Judenverfolgung haben sich deutliche Unterschiede in den untersuchten Ländern gezeigt: In Polen werde es weitgehend zurückgewiesen, eine Mitverantwortung zu übernehmen, stellten die Forscher fest. In Österreich hingegen gebe es dazu eine relativ hohe Bereitschaft – allerdings erst seit Mitte der 80er‐Jahre. Der Zeithistoriker Christian Gerbel erklärt, dass diese Bereitschaft erst mit der sogenannten Waldheim‐Affäre begann, als der ehemalige UNO‐Generalsekretär Kurt Waldheim Bundes‐ präsident wurde und seine NS‐Vergangenheit diskutiert wurde. Erst da begann die Alpenrepublik den bislang gepflegten Mythos ihrer Opferrolle abzuwerfen.

In Ungarn herrsche dagegen heute noch eine starke Tendenz, der Frage nach der politischen Mitverantwortung auszuweichen. Rund ein Drittel sagt, Ungarn trage eine Mitverantwortung an den Verbrechen des Zweiten Weltkrieges und viele Ungarn hätten aus der Ermordung von Juden für sich Nutzen gezogen. Ein Drittel lehnt diese Verantwortung ab, und ein weiteres Drittel ist ohne Meinung. Christian Gerbel verweist jedoch darauf, dass 1944 in keinem anderen Land in so kurzer Zeit so viele Juden deportiert wurden wie in Ungarn – unter Mithilfe der ungarischen Gendarmerie.

minderheiten Auffallend ist in allen untersuchten Ländern, dass ungefähr 40 Prozent der Befragten Fragen nach der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und die Schoa nicht beantworteten. Trotz der unterschiedlichen Rolle der Kriegsgesellschaften in den vier Ländern gibt es einen gemeinsamen Trend: Wenn die Kollaboration und die damalige Akzeptanz von Kriegsverbrechen und der Verfolgung von Juden im öffentlichen Diskurs unterdrückt wird, dann findet sich gleichzeitig eine starke Tendenz, die Rechte von Minderheiten zu beschneiden, und auch der Antisemitismus wächst dann an.

Für Ungarn führt Christian Gerbel dies auf eine fast 90 Jahre alte völkerrechtliche Entscheidung zurück: Mit dem Vertrag von Trianon (1920) verlor das einstige Königreich nach dem Ersten Weltkrieg riesige Gebietsteile und Einfluss. Für den Historiker herrscht in Ungarn seither »eine spezielle Vermischung von Heroisierung und Viktimisierung«.

Laut Gerbel muss sich Ungarn in den sechs Monaten seines EU‐Vorsitzes daran messen lassen, wie es zur eigenen nationalsozialistischen und kommunistischen Geschichte und zur ungarischen Mittäterschaft steht.

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