125. Geburtstag

Unerwiderte Liebe

Anna Freud mit ihrem Vater Sigmund im Jahr 1920 Foto: imago images / Leemage

Die unerwiderte Liebe eines Elternteils kann Menschen ein Leben lang prägen. Die einen schließen schnell mit ihrer Familie ab, bei anderen entsteht ein umso engeres Band – in der Hoffnung, eines Tages doch noch Anerkennung und Bewunderung zu erfahren.

Ein Stück weit mag es Anna Freud – Tochter des weltberühmten Wiener Arztes Sigmund Freud – so ergangen sein. Sie wurde vor 125 Jahren, am 3. Dezember 1895, in Wien geboren, als sechstes Kind der jüdischen Familie.

nachzüglerin Das Mädchen kommt als Nachzüglerin zur Welt, ungewollt. Selbstzweifel, auch im Schatten des berühmten Vaters, sollen sie lange begleiten. »Ich habe immer nach Stärke und Selbstbewusstsein gesucht, bis ich festgestellt habe, dass ich beides schon immer mit mir herum getragen habe.«

Manche ihrer späteren fachlichen Erkenntnisse scheinen daran anzuknüpfen. Freud spricht von ihrer Sehnsucht nach der »Zuneigung der Menschen, mit denen ich in Kontakt bin, und ihre gute Meinung von mir«. Ein anderes Mal wird sie feststellen: »Ein Kind, das im Herzen seiner Eltern keinen Platz findet, findet auch keinen Platz in der Welt.« Anna Freud selbst wird dennoch ihren Platz im Leben finden.

»Ein Kind, das im Herzen seiner Eltern keinen Platz findet, findet auch keinen Platz in der Welt.«

Anna Freud

Vielleicht ist es ihr eigenes kindliches Erleben, das dazu beiträgt, dass sie sich schließlich der Psyche junger Menschen widmet. Nach ihrer Reifeprüfung arbeitet Freud zunächst als Lehrerin an einem Wiener Gymnasium. Doch sie interessiert sich auch für die Psychoanalyse – und unterzieht sich einer Lehranalyse bei ihrem Vater, dem Begründer der Psychoanalyse. 1923 gründet sie in Wien eine eigene Praxis und folgt damit als einziges der sechs Freud-Kinder beruflich dem Vater.

vater Anna unterstützt ihren Vater als Mitarbeiterin und enge Vertraute treu sorgend in seiner Praxis, auch als dieser infolge einer Krebserkrankung zunehmend Hilfe benötigt. Zugleich ist Anna Freud seit 1925 mit Dorothy Burlingham-Tiffany liiert, einer Millionenerbin aus New York mit vier Kindern; die Vermutung einer lesbischen Liebe dementieren beide stets.

Derweil wächst ihr eigenes berufliches Ansehen, sie gewinnt bahnbrechende Erkenntnisse im Bereich der Kinderpsychologie. 1927 bis 1934 ist sie Generalsekretärin der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung IPV. Freud verfasst mehrere Grundlagenwerke der psychoanalytischen Literatur; als ihr Hauptwerk gilt Das Ich und die Abwehrmechanismen (1936), das noch heute zur Standardliteratur der Psychoanalyse gehört.

Anna unterstützt ihren Vater Sigmund Freud als Mitarbeiterin und enge Vertraute treu sorgend in seiner Praxis, auch als dieser infolge einer Krebserkrankung zunehmend Hilfe benötigt.

1933 gehören die Schriften ihres Vaters zu den Büchern, die der Bücherverbrennung zum Opfer fallen. 1938, nach dem »Anschluss« Österreichs, emigriert ein Großteil der Familie Freud nach London, so auch Anna mit ihrer Lebenspartnerin. Sigmund Freud stirbt ein Jahr später 83-jährig im Exil.

kriegskinder In England arbeitet Anna Freud als Lehranalytikerin, tritt als führende Psychoanalytikerin die Nachfolge ihres Vaters an und wird britische Staatsbürgerin. 1941 gründet sie mit Burlingham-Tiffany die Hampstead Nurseries, eine Institution für traumatisierte Kriegskinder und -waisen.

Dort entwickelt sie die Kinderpsychologie weiter, verbindet die Psychoanalyse junger Menschen mit lebensnaher Psychologie. In ihren Sitzungen sorgt sie bei ihren jungen Patienten für ein freundliches Umfeld, damit diese sich öffnen können. Sie findet einen kindgerechten, weniger analytischen Zugang zu ihren Klienten: die Spieltherapie.

1945 nimmt sie in den Hampstead Nurseries, einem Heim für traumatisierte Kriegskinder und -waisen, auch Kinder aus dem Konzentrationslager Theresienstadt auf und betreut sie.

1945 nimmt sie in dem Heim auch Kinder aus dem Konzentrationslager Theresienstadt auf und betreut sie. Die Analyse von kriegstraumatisierten Kindern wird zu einem Schwerpunkt ihrer Arbeit. Nach dem Krieg baut sie das Heim aus zu einem renommierten Lehrinstitut für Kindertherapie, das inzwischen nach ihr benannte Anna Freud Center.

Neben ihrer Arbeit an der Klinik ist Freud – wie schon ihr Vater – eine international gefragte Expertin bei Kongressen und Vortragsreisen. In Anerkennung ihrer Leistungen erhält sie unter anderem 1967 von Königin Elisabeth II. den Order of the British Empire. Die Begründerin der Kinderanalyse stirbt im Herbst 1982 in London. Ihre letzte Ruhe findet sie in einem Kolumbarium in der Themsestadt, bei ihrem Vater.

Deutschland

Schoa-Überlebende und Antisemitismusbeauftragte rechnen mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und Maha El Hissy ab

Die Hintergründe

 09.09.2026 Aktualisiert

Kommentar

Warum der Börsenverein des Deutschen Buchhandels nie wieder »Nie wieder!« sagen sollte

Wer Antisemitismus nur dort bekämpft, wo es bequem ist, bekämpft ihn nicht – und wer wie im Fall Maha El Hissy konkrete Vorwürfe nicht ernsthaft prüfen will, sollte aufhören, zu erklären, wie ernst er diesen Kampf nimmt

von Andreas Büttner  09.09.2026 Aktualisiert

»Von Monet bis Picasso«

Ausstellung in Hamburg würdigt jüdische Kunstsammler

Die Schau versammelt rund 100 Werke unter anderem von Claude Monet, Pablo Picasso, Paul Cézanne, Ernst Ludwig Kirchner, Paula Modersohn-Becker und Vincent van Gogh

 09.09.2026

Mascha Malburg und Joshua Schultheis

In eigener Sache

Mascha Malburg und Joshua Schultheis werden mit dem Georg-Stefan-Troller-Preis ausgezeichnet

Die Redakteurin der Jüdischen Allgemeinen und der freie Mitarbeiter erhalten die Auszeichnung für ihre Interviewreihe mit Juden aus Deutschland

 09.09.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 10. September bis zum 17. September

 09.09.2026

Zahl der Woche

22.233 israelische Kinder und Jugendliche

Fun Facts und Wissenswertes

 09.09.2026

Musik und Politik

Pink kritisiert Macklemore für Anti-Israel-Auftritt bei Ed Sheeran

Macklemore nutzte seinen Auftritt bei einem Konzert von Ed Sheeran, um Israel Völkermord vorzuwerfen. Das hat offenbar nicht nur jüdische Organisationen verärgert, sondern auch die Sängerin Pink

 09.09.2026

Ausstellung

Der zerbrochene Messias

Utopien, Visionen und eine Frau als Erlöserin: 25 Jahre nach seiner Gründung zeigt das Jüdische Museum Berlin zwölf zeitgenössische Künstler als Kontrast zu den Schrecken der Gegenwart

von Ayala Goldmann  09.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  09.09.2026