»Buxtehuder Bulle«

Übersteigerte Dramatik auf hoher See

Foto: PR

»Buxtehuder Bulle«

Übersteigerte Dramatik auf hoher See

Für »Vor uns das Meer« wurde der US-Autor Alan Gratz mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnet

von Hadassah Stichnothe  19.11.2021 11:05 Uhr

Josef, Isabell und Mahmoud leben zu unterschiedlichen Zeiten an weit voneinander entfernten Orten. Und doch verbindet die drei Hauptfiguren von Alan Gratz’ Jugendroman Vor uns das Meer eine Erfahrung: die Flucht aus der Heimat und die gefahrvolle Suche nach einer neuen.

Während Mahmoud im Jahr 2015 aus Syrien über die Balkanroute nach Deutschland flieht, versucht Isabells kubanische Familie 1994 mit einem selbst gebauten Boot die Seestraße nach Florida zu überqueren. Im Deutschland der 30er-Jahre wiederum begibt sich der 13-jährige Josef mit seiner Familie an Bord der St. Louis – jenem Schiff, das 1939 mit 937 vornehmlich jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland vergeblich den Hafen von Havanna ansteuerte, um schließlich nach Europa zurückzukehren.

traumata Eindringlich geschildert werden die Traumata, die die Figuren erleiden, wie etwa Josefs schmerzhafter Verlust seines Vaters, der als gebrochener Mann aus Dachau zurückkehrt und durch einen Selbstmordversuch vor der Küste Kubas für immer von der Familie getrennt wird.

Irritierend wirkt freilich, dass gerade diese menschliche Tragik Gratz’ Roman am Laufen hält. Jedes Kapitel endet verlässlich mit einem Cliffhanger, die Handlung zerfällt in eine Reihe kleiner Spannungsbögen. Das wirkt spätestens auf der Hälfte des Romans arg mechanisch, erzeugt aber einen durchgängigen Lesefluss.

Der amerikanische Autor Alan Gratz, dessen Familie jüdische Wurzeln hat, möchte mit seinem Roman Empathie für Geflüchtete erzeugen und gibt im Nachwort Hinweise, wie sich Leser konkret engagieren können. Dieses Sendungsbewusstsein resultiert jedoch in einer zuweilen heillos übersteigerten Dramatik. So kulminiert etwa die Flucht von Isabells Familie in einem Wettlauf mit der Küstenpolizei, dessen Spannung noch dadurch gesteigert wird, dass zeitgleich ihre Mutter auf den Planken des sinkenden Bootes ein Baby zur Welt bringt.

FLUCHTERFAHRUNG Sind die erzählerischen Mittel des Romans auch eher schlicht, führt einem die Lektüre dennoch die Kontinuität der Fluchterfahrung erschreckend deutlich vor Augen. Sollte es Vor uns das Meer gelingen, seine Leser für diese nur allzu reale Dramatik zu sensibilisieren, wäre das ein Erfolg, der dem Roman abseits aller literarischen Mängel zu wünschen wäre.

Das Buch war für den Jugendliteraturpreis der Jugendjury bei der Frankfurter Buchmesse 2021 nominiert. Nun ist es am vergangenen Donnerstag mit dem »Buxtehuder Bullen« ausgezeichnet worden.

Alan Gratz: »Vor uns das Meer. Drei Jugendliche. Drei Jahrzehnte. Eine Hoffnung«. Empfohlen ab 12 Jahren. Hanser, München 2021, 304 S., 17 €

»Imanuels Interpreten« (19)

Bette Midler: Das Energiebündel

Sängerin, Comedienne und Schauspielerin mit Persönlichkeit: »The Divine Miss M« ist ein Unikum

von Imanuel Marcus  31.03.2026

München

Urys »Interieur mit Kindern« werden restituiert

Ein Bild mit einer spannenden Geschichte kehrt nun aus Bayern in den Schoß der rechtmäßigen Erben zurück. Vorausgegangen ist eine umfangreiche Provenienzforschung zur Herkunft des Gemäldes

von Barbara Just  30.03.2026

Programm

Führung, Erinnerung und Vorträge: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 2. April bis zum 16. April

 30.03.2026

Quedlinburg

Feininger-Museum mit Jubiläumsausstellung zur »Blauen Vier«

Quedlinburg bietet mehr als Stiftskirche und Fachwerk: Am Montag wird im Museum Lyonel Feininger eine Sonderausstellung mit Werken der Künstlergruppe »Die Blaue Vier« um Paul Klee und Wassily Kandinsky eröffnet

 30.03.2026

Kolumne

Der Mandelbaum und die »hot mitzvah«

Fernsehen statt Fernreise oder Warten auf ein Ende des Krieges

von Sophie Albers Ben Chamo  29.03.2026

Aufgegabelt

Israelischer Salat mit Silan-Dressing

Vor dem großen Schlemmen an Pessach gibt es noch etwas Leichtes: Israelischer Salat mit Silan-Dressing. Unser Rezept der Woche

von Katrin Richter  29.03.2026

Giora Feidman

Ton der Seele

Der Klarinettist feierte seinen 90. Geburtstag in der Berliner Philharmonie – eine Doku auf ARTE würdigt sein Lebenswerk

von Maria Ossowski  27.03.2026

TV-Tipp

Arte-Doku über die Komponistin Meredith Monk

Arte zeigt einen Dokumentarfilm über die 1942 geborene New Yorker Komponistin, Choreografin und Regisseurin Meredith Monk. Mit ihren stilisiert naiven Bühnen- und Klangwelten hat sie ein besonderes Werk geschaffen

von Michael Kienzl  27.03.2026

Glosse

Der Rest der Welt

»Sowohlalsauch« oder Wenn das Lieblingscafé schließt

von Katrin Richter  27.03.2026