Kino

Überleben ist alles

Spurensuche: Claude Lanzmann in der Gedenkstätte Theresienstadt Foto: dpa

Mit minutenlangem stehenden Applaus ist beim Filmfestival von Cannes die Premiere von Claude Lanzmanns neuem Film Le Dernier des Injustes (»Der Letzte der Ungerechten«) gefeiert worden.Das Publikum war prominent besetzt, begleitet wurde Lanzmann von der »Première Dame« Frankreichs, Valérie Trierweiler, der Lebensgefährtin von Präsident François Hollande.

»Judenältester« In dem über drei Stunden dauernden Dokumentarfilm erzählt Lanzmann die Geschichte von Benjamin Murmelstein, von den Nazis eingesetzter »Judenältester« in Theresienstadt, der als Einziger seiner Art den Zweiten Weltkrieg überlebte. Basis des Films ist ein langes Interview, das Lanzmann 1975 im Rahmen der Arbeiten an Shoah mit Murmelstein geführt hatte.

In Wien aufgewachsen, trat der ausgebildete Rabbiner kurz nach dem »Anschluss« Österreichs 1938 in die jüdische Verwaltungsorganisation ein und hatte dort schon bald direkt mit Adolf Eichmann zu tun. Murmelstein erwies sich dabei als geschickter Pragmatiker, der die Auswanderung vieler östereichischer Juden organisierte.Seit Anfang 1943 war Murmelstein dann Mitglied im »Judenrat« von Theresienstadt, im November ‘44 wurde er dessen Vorsitzender.

Sein Verhalten in diesen Funktionen – wozu die Organisation von Transporten in die Vernichtungslager gehörte – wurde von manchen im Rückblick verteidigt, andere griffen ihn dagegen scharf an, beschuldigten ihn der Kollaboration und forderten gar, wie Gershom Scholem, seine Hinrichtung. Lanzmann setzt sich mit solchen Vorwürfen auseinander, setzt Murmelstein unter Druck – doch der hat durchaus pragmatische Argumente auf seiner Seite: »Wenn ein Chirurg während der Operation um den Patienten weint, stirbt dieser«, sagte er einmal.

science-Fiction In der unabhängigen »Quinzaine«-Sektion zu sehen war der neue Film von Ari Folman. The Congress ist eine sehr eigenwillige, in die Gegenwart und nahe Zukunft versetzte Verfilmung von Stanislav Lems Roman Der futuristische Kongress. Halb als mit bekannten Stars wie Robin Wright Penn und Danny Huston besetzter Realfilm, halb als Animation in dem aus Waltz with Bashir bekannten Stil, konfrontiert Folman eine reale, analoge, schmutzig-depressive Zukunft aus Lumpen, Zeppelinen und Bauhaus-Moderne mit einer bunten Gegenwelt der Halluzination, die erscheint wie der LSD-Trip eines Comiczeichners – Matrix lässt grüßen.

The Congress ist am besten als Parodie des Filmbusiness, voll kluger Verweise auf Stanley Kubrick, Film-Noir und Science-Fiction-Kino. Auch die Animation schafft begeisternde poetische Momente. Folmans/ Lems Moralisieren gegen die Entertainmentkultur und die aufgezeigte Alternative zwischen falschem Glück und unglücklichem, aber wahrhaftigem Leben wirkt allerdings nicht nur etwas angestaubt; man mag sich auch schwer entscheiden. Verständlich, warum dieser Film nur in einer Nebenreihe landete, nicht im Wettbewerb.

Einen ausführlichen Bericht aus Cannes lesen Sie in unserer Print-Ausgabe am Donnerstag, den 23. Mai.

Aufgegabelt

Avocadosalat mit Thunfisch

Rezepte und Leckeres

 23.08.2026

Zahl der Woche

34 Sekunden

Fun Facts und Wissenswertes

 23.08.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  23.08.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Warum Wespen nerven und der Sommer gleich mit

von Katrin Richter  23.08.2026

TV-Kritik

»Phoenix« - herausragender Film über eine Holocaust-Überlebende

Christian Petzolds grandiose Parabel auf Deutschland im »Jahre Null«

von Felicitas Kleiner  23.08.2026

Jüdisches Erbe

Leipziger Stadtrundgang zu jüdischer Musik

Mit dem »Notenbogen« erhält Leipzig einen weiteren musikhistorischen Stadtrundgang. Der Fokus soll dabei auf den Spuren »jüdischer Musik« liegen

von Joris Ufer  23.08.2026

Orlando (Florida)

Harrison Ford wird erneut zu Indiana Jones

Diesmal wird der jüdische Darsteller kein Abenteuer auf der Leinwand erleben. Aber worum geht es dann?

 23.08.2026

Frankreich

»Fick dich, Gisèle, fickt euch, ihr Zionisten«

Gisèle Journo ist Jüdin und betreibt in Paris eine Agentur für Influencer. Jetzt ist sie Zielscheibe antisemitischer Anfeindungen geworden. Auslöser war der Boykottaufruf einer Europaabgeordneten

von Michael Thaidigsmann  21.08.2026

Memoiren

Und dennoch!

2012 erschienen die Lebenserinnerungen der Schoa-Überlebenden Charlotte Knobloch. Titel: »In Deutschland angekommen«. Heute sagt sie: »Ich habe mich getäuscht.« Jetzt legt deshalb ein weiteres Buch vor

von Christoph Renzikowski  21.08.2026