Redezeit

»Tschechow und Schweiger? Für mich kein Widerspruch«

Schauspieler Samuel Finzi über seinen neuen Film »Kokowääh«, menschliche Gefühle und die Bedeutung der Realität

von Philipp Peyman Engel  31.01.2011 14:03 Uhr

Samuel Finzi Foto: imago

Schauspieler Samuel Finzi über seinen neuen Film »Kokowääh«, menschliche Gefühle und die Bedeutung der Realität

von Philipp Peyman Engel  31.01.2011 14:03 Uhr

Herr Finzi, am Donnerstag läuft in den Kinos »Kokowääh« an, in dem Sie an der Seite von Til Schweiger zu sehen sind. Klären Sie uns bitte vorab auf: Was hat es mit diesem eigentümlichen Titel auf sich?
Dahinter verbirgt sich ein französisches Geflügelgericht namens Coq au vin, das der Protagonist des Films noch schlechter kochen kann, als es seiner kleinen Tochter gelingt, diese für sie fremde Bezeichnung auszusprechen.

Worum geht es in dem Film?
Es ist eine Geschichte, die sehr aktuell ist und sich mit dem Phänomen der Patchwork‐Familie beschäftigt. Ich spiele einen Vater, der erfährt, dass in Wahrheit ein anderer Mann seine vermeintliche Tochter gezeugt hat. Der aber möchte nichts mit dem Kind zu tun haben, als ihm die Mutter nach Jahren eröffnet, dass er der Vater ist. Mit der Zeit ändert sich dann seine Einstellung. Er findet großen Gefallen daran, für seine Tochter da zu sein und sie aufwachsen zu sehen.

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit Til Schweiger? Als Schauspieler, Regisseur und Produzent in Personalunion soll er ausgesprochen, nun ja …
… Til ist im positiven Sinn ein besessener Mensch, da haben Sie vollkommen recht (lacht). Trotz seiner ganzen Verpflichtungen am Set hatte er jedoch vom Kabelträger bis zum Schauspieler für jeden ein offenes Ohr. Ich habe großen Respekt davor, wie er das alles geschafft hat. »Kokowääh« ist ein großartiger Feel‐good‐Familienfilm geworden.

Sie gelten als ein außerordentlich profilierter Theaterschauspieler und arbeiten nun im vergleichsweise seichten Unterhaltungsfilm »Kokowääh« mit – ein Widerspruch?
Nein, die Klaviatur der menschlichen Gefühle umfasst das Schwere und das Heitere. Ein echter Schauspieler sollte deshalb Tschechows »Iwanow« ebenso glaubhaft spielen können wie den Mann mit dem Kuckuckskind in Schweigers »Kokowääh«. Für mich ist das kein Widerspruch, sondern eine Herausforderung.

Wie bereiten Sie sich auf diese unterschiedlichen Charaktere vor?
Das ist von Rolle zu Rolle anders. Ich bin kein Anhänger von bestimmten Methoden oder Schulen. Ich muss nicht verzweifelt sein, um jemanden zu spielen, der verzweifelt ist.

Sondern?
Ich lasse mich im Vorfeld einer Rolle von der Realität inspirieren. Das kann ein Gesichtsausdruck sein oder eine bestimmte Geste, die ich bei einem Passanten auf der Straße gesehen habe. Oft habe ich dann den kompletten Charakter vor meinem inneren Auge. So war es auch bei der Vorbereitung meiner Rolle als Polizeipsychologe »Flemming« im ZDF. Es ist eine komische Vorstellung, dass der »wahre“ Flemming, dem ich im Prenzlauer Berg beim Einkaufen begegnet bin, womöglich gern die Sendung schaut und seiner Frau dann zuruft: »Komisch, irgendwie kommt mir dieser Typ bekannt vor!«

Samuel Finzi wurde 1966 im bulgarischen Plovdiv als Sohn einer jüdisch‐bulgarischen Familie geboren. Sein Vater ist der in Bulgarien bekannte Schauspieler Itzhak Finzi, seine Mutter die Pianistin Gina Tabakova. Um der »Enge und Spießigkeit« der bulgarischen Gesellschaft zu entfliehen, zog es Finzi 1989 zunächst nach Paris und dann nach Berlin, wo er innerhalb von nur zwei Monaten die deutsche Sprache erlernte. Schnell machte er in der Bundesrepublik als Schauspieler auf sich aufmerksam und übernahm in zahlreichen TV‐ und Kinoproduktionen die Hauptrolle. Seit 2009 ist er in der ZDF‐Krimireihe »Flemming« in der Rolle eines Kriminalpsychologen zu sehen. Finzi gehört zu den profiliertesten deutschen Schauspielern.

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