Literatur

Trauer um Aharon Appelfeld

Aharon Appelfeld in seiner Jerusalemer Wohnung Foto: Sara Lemel/dpa

Der Schriftsteller Aharon Appelfeld ist im Alter von 85 Jahren gestorben. Das berichtet die Nachrichtenagentur dpa und beruft sich dabei auf die Jerusalemer Familie des Autors.

Appelfeld war Autor des Rowohlt.Berlin Verlags. Gunnar Schmidt, der Verlegerische Geschäftsführer von Rowohlt.Berlin, trauert »um einen großen Autor und wunderbaren Menschen, um Aharon Appelfeld, der heute in Givatayim, Israel, gestorben ist. Die deutsche Sprache, der er sich im persönlichen Gespräch in den letzten beiden Jahrzehnten wieder mehr bediente, war seine Muttersprache. Appelfeld hatte alles verloren, seine Eltern, sein bisheriges Leben, auch seine Sprache. Auf Hebräisch, das er lernen mußte, schrieb Aharon Appelfeld fast 50 Bücher, die ihn nicht nur zu einem der angesehensten Schriftsteller Israels machten, sondern auch zu einem bedeutenden internationalen Autor. Sein fernes, zärtliches, überlegtes, manchmal tastendes Deutsch, in dem er zuweilen ein Wort suchte und es immer fand, wird uns fehlen. Er wird uns fehlen.«

Man hat Aharon Appelfeld immer wieder einen »Schoa-Dichter« genannt. Nichts machte ihn ärgerlicher, auch wenn der Massenmord an den europäischen Juden in seinen Büchern eine zentrale Rolle spielt. Der Holocaust gehörte nun einmal zu seiner Biografie, hat seine Kindheit geprägt, aus der er, wie andere Schriftsteller, schöpft.

Czernowitz Geboren wurde Appelfeld am 16. Februar 1932 in Sadhora nahe Czernowitz. Er wuchs in einer assimilierten und sehr liebevollen Familie auf. »Als ich achteinhalb Jahre alt war, verlor ich mein Zuhause. Ich war im Lager, ich hatte keine Mutter mehr. Man hatte sie ermordet. Ich war zunächst bei meinem Vater, dann nahmen sie ihn fort von mir. Ich blieb alleine. Danach floh ich aus dem Lager und lebte im Wald. Dann verschlug es mich in die Unterwelt, zu Kriminellen. Bis zum Alter von 13, 14 Jahren hatte ich also ein hartes Leben. Nicht das Leben eines Kindes, sondern eines Erwachsenen. Und gleichzeitig war auf der einen Seite der Horror, auf der anderen Seite doch ein Kind. Einerseits ist nichts schlimmer, andererseits betrachtet ein Kind die Welt als eine Art Märchen.«

Und so glaubte der Junge fest daran, dass seine Eltern ihn eines Tages retten würden. Es war nicht zuletzt diese kindliche Vorstellungskraft, die dem Jungen half, die Jahre der Verfolgung zu überleben. Dieser besondere, fast magische Blick eines Kindes auf die Welt prägt alle Bücher Appelfelds, der von Kritikern immer wieder mit Kafka verglichen wird.

Sprache In Israel, wo sein erstes Buch bereits 1957 erschien, hatte es der Schriftsteller dennoch lange schwer, akzeptiert zu werden. Weder wurde seine klare, lakonische Sprache geschätzt, noch gestand man ihm zu, Romane statt Tatsachenberichte über die Jahre der Schoa zu schreiben.

»Das hat sich erst vor rund 25 Jahren geändert. Warum? Die meisten Überlebenden sind inzwischen gestorben. Und deren Kinder wissen nichts über ihre Eltern. Und so kommen sie zu mir, lesen meine Bücher. Für die bin ich sozusagen der Vater. Und die Mutter. Sie wollen verstehen. Auch sich selbst wollen sie verstehen.«

Appelfeld schrieb mehr als 40 Bücher, von denen ein gutes Dutzend ins Deutsche übersetzt wurde. Darunter auch sein letztes Meine Eltern, das nicht nur eine liebevolle Hommage an eine Mutter und einen Vater, sondern auch eine bedachtsame Auseinandersetzung mit dem Glauben an sich ist. (Christian Buckard/ja)

Berlin

733 Tage, 2 Stunden und 35 Minuten

Eine Ausstellung im Paul-Löbe-Haus erzählt von Verlust, Hoffnung und bleibenden Folgen in der Zeit zwischen dem 7. Oktober und dem Abkommen zur Freilassung der Geiseln

von Pascal Beck  09.10.2026

München

Simon Rattle bleibt bis 2033 Chef des BR-Symphonieorchesters

»Symphonischer Hoagascht« oder »Singen mit Sir Simon« hießen Projekte, die Sir Simon Rattle eingeführt hat. Die Arbeit mit dem Symphonieorchester des BR und seinem Chor sagt dem Chefdirigenten zu. Er hat nun verlängert

von Barbara Just  08.10.2026

Adania Shibli

Plattitüden in Romanform

Auch das zweite auf Deutsch erschienene Buch der palästinensischen Autorin weist einen holzschnittartigen Charakter auf

von Enno Stahl  08.10.2026

Prag

Spätes Debüt

Der Schriftsteller Eli Beneš gilt als bekannteste literarische Stimme der Juden in Tschechien. Sein Roman über einen Schoa-Überlebenden machte ihn zum preisgekrönten Autor. Eine Begegnung

von Kilian Kirchgeßner  08.10.2026

Literatur

»Es gibt zwei Seiten«

Zur Frankfurter Buchmesse ruft die israelische Autorin Orna Landau gegen den Boykott von Büchern auf: »Entscheidet euch für Wissen«

von Ayala Goldmann  08.10.2026

Literatur

Geistige Freiheit

Tschechien ist Ehrengast der Buchmesse. Unser Autor erinnert an die Zeit nach dem Prager Frühling, als Bücher in seiner Heimat als »Samisdat« im Untergrund erschienen

von Jan Faktor  08.10.2026

Nahost

Die Geschichte eines Krieges

Shahrzad Eden Osterer und Richard C. Schneider analysieren den Konflikt zwischen Israel und Iran – und die Rolle der involvierten Proxy-Armeen

von Eva M. Grünewald  08.10.2026

7. Oktober

Maxim Biller und die Barbaren

In »Schwarze Samstage« kämpft der Schriftsteller mit den Folgen des Massakers in Israel – und zieht eine harte Linie zwischen Juden und »Gojim«

von Tobias Kühn  07.10.2026

TV-Tipp

»Phoenix« - herausragender Film über eine Holocaust-Überlebende

Christian Petzolds grandiose Parabel auf Deutschland im »Jahre Null«

von Felicitas Kleiner  07.10.2026