Archäologie

Tora in Tamanart

Blick auf das Atlas-Gebirge Foto: imago images/imagebroker

Keine eineinhalb Jahre ist es her, dass Rabat erklärt hatte, Israel offiziell anzuerkennen. Einer der Gründe für diese Entwicklung dürfte die jahrhundertelange Präsenz einer großen jüdischen Gemeinschaft in Marokko sein, deren Angehörige und Nachfahren heute zumeist in Israel leben. Im Unterschied zu anderen arabischen Staaten existieren noch heute in Marrakesch oder Casablanca jüdische Gemeinden.

Aber auch abseits der Metropolen gab es ein vielfältiges jüdisches Leben. So wie in Tamanart, einer im Süden in einer kargen Gebirgslandschaft gelegenen Oasensiedlung. Mit ihren rund 6000 Einwohnern war die Ortschaft vom 16. bis Anfang des 19. Jahrhunderts Heimat einer kleinen, aber blühenden jüdischen Gemeinde. Davon jedenfalls zeugen die zahlreichen Artefakte, die ein israelisch-marokkanisch-französisches Forscherteam zutage förderte.

GENISA So legte man erst die Außenmauern einer Synagoge frei. Dann kamen Schriftstücke sowie Seiten aus der Genisa, einem Aufbewahrungsort für unbrauchbar gewordene Schriften, zum Vorschein. Darunter befanden sich mehrere Papieramulette. Eines davon sollte eine Frau, die sich wahrscheinlich in den Wehen befand, sowie ihr Neugeborenes schützen, ein weiteres seinen Besitzer vor Ungemach und Krankheiten bewahren.

»Die Texte dieser Amulette basieren auf Formeln aus dem Sefer Raziel, einem alten kabbalistischen Buch«, berichtet Orit Ouaknine-Yekutieli, Dozentin an der Ben-Gurion-Universität des Negev. Das Werk, das ebenfalls einige Beschwörungsformeln enthält, erfreute sich unter Marokkos Juden großer Popularität.

Das Herrscherhaus legt großen Wert darauf, Marokkos jüdische Vergangenheit zu bewahren.

Dass derart viele Fundstücke ans Tageslicht gebracht werden konnten, sei schon ein wenig erstaunlich, betont Ouaknine-Yekutieli. Denn die Witterung hatte dem Gebäude in der Vergangenheit ebenso zugesetzt wie Plünderer. Sie selbst war gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Archäologen Yuval Yekutieli, sowie den marokkanischen und französischen Forschern Salima Naji, Mabrouk Saghir, David Goeury und Aomar Boum im vergangenen November in Tamanart eingetroffen.

Vor Ort hatten sie begonnen, mit den Bewohnern zu sprechen und nachgefragt, wer sich noch an seine jüdischen Nachbarn erinnere, von denen die letzten vor etwa 70 Jahren abgewandert waren. Und so stießen sie im Dezember auf die alten Gemäuer und schließlich auch auf die Schriftstücke.

ERBE Dass sich Forscher nun in die entlegensten Winkel Marokkos aufmachen, um nach Spuren jüdischen Lebens zu suchen, hat gleich mehrere Ursachen. Eine liegt darin, dass das Herrscherhaus des Landes großen Wert darauf legt, Marokkos jüdische Vergangenheit zu bewahren, weshalb schon viel unternommen wurde, etwa die aufwendige Sanierung der Slat al-Azama-Synagoge in Marrakesch oder die Instandsetzung von 170 Friedhöfen.

Weitere Orte, die auf der Liste des Forscherteams stehen, sind Tiznit sowie Taroudant.

Das ging sogar so weit, dass man 2011 das jüdische Erbe als Teil der kulturellen Identität Marokkos explizit in die Verfassung aufnahm. Unlängst verkündete König Mohammed VI. zudem den Plan, Hunderte Synagogen zu restaurieren. Dazu sollen auch die in Tamanart oder das Bethaus im westlicher gelegenen Ifrane, eine der frühesten jüdischen Ansiedlungen in der Region, gehören.

silberschmiede Weitere Orte, die auf der Liste des Forscherteams stehen, sind Tiznit, das für seine jüdischen Silberschmiede bekannt war, Tahala mit seiner Synagoge aus dem 18. Jahrhundert sowie Taroudant, die wichtigste Stadt in der Region Sous, weil sie als »Großmutter von Marrakesch« gilt.

»Wir wollen auch Interviews führen und so die Erinnerungen von Menschen aus dieser Region zusammentragen, die heute fast alle in der weltweiten marokkanischen Diaspora leben«, sagt Ouak­nine-Yekutieli. Auf diese Weise käme auch die Lücke zum Vorschein, die durch die Emigration entstanden ist. Oder wie es der Historiker Jamaâ Baïda, Direktor des marokkanischen Staatsarchivs, formuliert: »Die Entwurzelung der Juden ist wie eine schmerzhafte Wunde unserer Geschichte.«

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