Heiligtümer

Ton, Steine, Erben

Rachels Grab in Betlehem steht jetzt auf Israels Liste der nationalen Denkmäler – sehr zum Ärger der Palästinenser. Foto: Flash 90

Im jüngsten Kampf des hundertjährigen jüdisch-arabischen Krieges wird wieder einmal um Heiliges gefochten. Die Auseinandersetzung betrifft die Patriarchengräber in Hebron und das Grab von Jaakovs Lieblingsfrau Rachel in Bethlehem. Da die Verstorbenen neben den Juden auch den Gläubigen von deren Tochterreligionen, Christen und Muslimen, am Herzen liegen, ist ein Ringen um Höheres angesagt. Und dies lässt sich nicht pragmatisch mit politischen und territorialen Kompromissen beilegen wie beispielsweise die Rückgabe des Sinai durch Israel an Ägypten zwischen 1979 und 1982.

RÜCKZUG Damals sagte Ägyptens Präsident Sadat Israel Frieden zu, wenn es seine Truppen von der Halbinsel vollständig zurückzöge. Die Regierung in Jerusalem, angeführt von Ministerpräsident Menachem Begin, ließ sich auf dieses Geschäft ein. Zion räumte den Sinai samt Militärstützpunkten. Die sind wichtig, doch nicht heilig. So ließ Begin es zumindest in der Öffentlichkeit verlauten. Tatsächlich war den Juden auf dem Berg des Moses in Sinai vom Ewigen ihr Heiligstes überhaupt gegeben worden: die Zehn Gebote. Der Ort konnte und kann also durchaus den Status einer heiligen Stätte beanspruchen. Aber daran mochte die israelische Regierung ihre Wähler in diesem Moment nicht erinnern. Es hätte Unruhe vonseiten der Religiösen geben können. Erklärte Zions Kabinett den Sinai aber zu einem beliebigen Stück Land, dann mochte man es um des politischen Vorteils willen hingeben. Jeder Leser der Tora wusste es besser. Doch alle taten so, als ob der Sinai keine religiöse Bedeutung besitzen würde.

Seit einem Jahr regiert in Jerusalem eine national-religiös-sozialdemokratische Koalition unter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Der Likudchef und beinahe seine ganze Partei sind davon überzeugt, dass Israel ein Anrecht hat, das gesamte Land Zion zu besiedeln und zu regieren. Aus pragmatischen Gründen hat sich Netanjahu zu Kompromissen entschlossen. So hält er an dem Sicherheitszaun mitten durch das Westjordanland fest, der das Eindringen palästinensischer Selbstmordkommandos und die Terroranschläge fast vollständig zum Erliegen brachte. De facto ist der Grenzzaun jedoch das Eingeständnis, dass Israel das biblische Samaria nicht beherrschen kann. Zudem sah der Premier sich aufgrund der nuklearen Bedrohung durch den Iran genötigt, dem politischen Druck aus Washington ein wenig nachzugeben und zumindest prinzipiell dem amerikanischen Wunsch nach der Errichtung eines unabhängigen palästinensischen Staates zu entsprechen. Netanjahu tat dies vor knapp einem Jahr in einer Grundsatzrede vor der Bar-Ilan-Universität. Seither zeigen die Vereinigten Staaten größeres Verständnis für Israels Ängste vor dem Möchtegern-Haman Ahmadinedschad. Gleichzeitig nötigt Washington Jerusalem, nicht im Alleingang Irans Atomanlagen anzugreifen.

GESCHICHTE Israels Regierungschef weiß um den Preis seines Nachgebens, der Aufgabe des Anspruchs Israels auf das gesamte Gebiet westlich des Jordans. In biblischen Zeiten waren Samaria und Judäa Heimat der Juden. Dort sind die entsprechenden biblischen Orte zu finden. Die alten Philister wiederum, als deren Nachkommen die Palästinenser sich verstehen, siedelten auf dem Küstenstreifen zwischen Aschkelon und Akko, wo heute die meisten Israelis zu Hause sind. Der Großraum Tel Aviv hat keine biblisch-jüdische Geschichte aufzuweisen.

Netanjahu macht sich schon lange Sorgen um die jüdische Identität Israels. Er weiß, dass Zion nur eine Zukunft hat, wenn sich seine Landsleute mit dem Land und der Geschichte identifizieren und bereit sind, ihr Altneuland auch gegen massive Angriffe zu verteidigen. Um die Verbundenheit der Regierung mit Israel zu unterstreichen, tagte das Kabinett unlängst in Tel Chai. Dort hatte Joseph Trumpeldor Anfang der 20er-Jahre die Verteidigung der jüdischen Siedlungen im Galil organisiert. Als er dabei von arabischen Räubern erschossen wurde, sprach er vor seinem Ableben den berühmten Satz: »Macht nichts. Wie gut ist es, in der Heimat zu sterben.«

Auf Initiative Netanjahus hat die Regierung vor Kurzem beschlossen, gut hundert religiöse und geschichtliche Stätten der Juden in Zion als Kulturdenkmäler zu registrieren und auszubauen. Es versteht sich, dass neben Tel Chai und dem alten Israel-Museum in Tel Aviv, wo David Ben Gurion am 14. Mai 1948 den Staat Israel ausrief, auch Glaubensorte wie das Patriarchengrab in Hebron und die letzte Ruhestätte Rahels zu dieser Liste gehören. Dies wiederum empfinden palästinensische Nationalisten, vor allem aber die Anhänger der fundamentalistischen Hamas und anderer Bewegungen, als eine jüdisch-zionistische Anmaßung. Die radikalen Palästinenser wollen die Emotionen für eine neue Intifada ausnutzen. Sie können dabei mit der gr0ßen Unterstützung durch die Araber rechnen.

Massaker Hier stehen religiöse Ansprüche gegeneinander, die nicht durch einen Gebietskompromiss beigelegt werden können. Dies wissen Hamas, Fatah, aber auch Anhänger der jüdischen Siedlungsbewegung. Einer von ihnen, der aus Amerika stammende Arzt Baruch Goldstein, ermordete 1994 29 Palästinenser am Patriarchengrab, ehe er selbst massakriert wurde.

Da kein religiöser Kompromiss möglich ist, wird man auf politische Vernunft und Pragmatismus setzen müssen. Und auf Toleranz. Israel hat zumindest demonstriert, dass unter seiner Herrschaft alle Glaubensgruppen Zugang zu ihren heiligen Stätten haben. Dies war und ist unter arabischer Herrschaft nicht gegeben. So war den Juden zwischen 1948 und 1967 der Zugang zu ihren heiligen Orten, selbst der Klagemauer, untersagt. Meine Familie durfte das Grab unseres Großvaters Isaak Raphael Seligmann auf dem Ölberg nicht besuchen. Es wurde zerstört. So wie wir warten fast alle Israelis auf eine Haltung der Toleranz, auf ein Abschwören vom gewaltsamen Widerstand, ehe man zu weiteren Kompromissen bereit ist. Setzt sich der gegenseitige Respekt durch, werden alle die Möglichkeit haben, ihre Heiligtümer zu besuchen. Dann gibt es auch eine Chance für den Frieden. Aber nur dann. Und nicht, wenn man dies im Weißen Haus beschließt.

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