Archäologie

Titusbogen am Main

Liegt der Untermainkai am Tiber? Ist das Rothschild-Palais jetzt ein Palazzo? Kaum betritt man das Jüdische Museum Frankfurt, fühlt man sich versetzt nach Rom. Gleich vor dem Eingang zur neuen Ausstellung Im Licht der Menora. Jüdisches Leben in der römischen Provinz steht ein übermannsgroßer Gipsabguss des Titusbogens.

Er zeigt eine große Menora, die als Beute nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 im Triumph durch die Hauptstadt des Römischen Reiches getragen wurde. Eben jenes Detail, die Menora als visuelles Leitsymbol, auf diesem mehr als hundert Jahre alten und extra für die Frankfurter Ausstellung restaurierten Exponat aus dem Antikenmuseum der Universität Leipzig gibt der Ausstellung, der ersten archäologischen Schau überhaupt im Palais Rothschild, den Titel.

nordprovinz
Jüdisches Leben im Reich der Römer ist ein Thema, das nicht unbekannt ist. Die Aufmerksamkeit hat sich dabei traditionell auf das östliche Mittelmeer, die heutige Levante, zwischen Palästina, den Städten Kleinasiens, dem Peloponnes und Nordostafrika gerichtet. Aber jüdisches Leben in den nordrömischen Provinzen, also dort, wo heute Bayern, Württemberg und Südhessen sind, die pannonische Tiefebene zwischen Eisenstadt im Burgenland und dem östlichen Ungarn, Dalmatien und Großbritannien, das ist tatsächlich ein Novum. Erstaunlicherweise, und das wurde bei der Eröffnung immer wieder betont, ist dies die erste archäologische Exposition überhaupt, die sich diesem Thema widmet.

Ein blinder Fleck der archäologischen Wissenschaft also? Zweifelsohne. Das geben auch Raphael Gross, Direktor des Hauses, und Professor Svend Hansen, Erster Direktor der Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts in Berlin und von 2011 bis 2013 Direktor der Römisch-Germanischen Kommission, unumwunden zu, die die Idee zu dieser Ausstellung hatten. Es ist eine Schau, die sämtliche Kräfte des Museums vor der Sanierung des Gebäudes und dem An- und Umbau bis an die Grenzen geführt hat. Allein 38 Leihgeber mussten ausfindig gemacht, kontaktiert und mit ihnen verhandelt werden.

funde In zehn Kapiteln wird das Thema vor lichtgrauen Wänden aufgeblättert. Begonnen wird mit dem Schmelztiegel Rom. Als im Jahr 71 die große Goldmenora aus Jerusalem nach Rom verbracht wurde, lebten in der römischen Kapitale mehrere Zehntausende Juden. Das Judentum war im Imperium eine anerkannte, geduldete und geschützte Religion.

Die materiellen Zeugnisse dessen sind allerdings spärlich. Was sich aus dieser Zeit aufgefunden hat und deutlich als jüdisch identifiziert werden konnte, findet sich nahezu vollständig in dieser Ausstellung. Darunter Grabsteine und Grabsteininschriften, die, obschon die eingemeißelten Namen gängig waren, nur durch die beigefügten oder eingekratzten Menorot jüdisch zugeordnet werden konnten. Es geht dann im Fortlauf des einerseits luftig aufgebauten, andererseits dicht arrangierten Rundgangs weiter mit Grabbeigaben und Funeralfunden wie Amuletten, mit dem Bekenntnis zum Glauben, mit religiösen Symbolen im Alltag und Orten des Glaubens.

Klugerweise wird in einem dicht gestaffelten Nebenraum die Vielreligiosität des multikulturellen Römischen Reiches gewürdigt, wozu auch der Vergleich mit der anderen Ein-Gott-Religion, dem Christentum, gehört. Am Ende gerät dann die georeligiöse Kontinuität, sprich: eine durchgehende jüdische Besiedlung Nordeuropas, die fast nur durch Schriftzeugnisse untermauert werden kann, nicht durch materielle Überreste, ebenso in den Blick. Ein Datum, das hinlänglich bekannt ist, ist das Dekret des Kaisers Konstantin aus dem Jahr 321, in dem dieser Juden in Köln das Recht einräumte, in den Stadtrat gewählt zu werden, ein deutlicher Hinweis, dass es dort eine größere Gemeinde gegeben haben muss.

lampen Der Ausklang setzt dann einen außereuropäischen Akzent. Das Judentum in der Diaspora wird vorgeführt anhand von Fotografien der im heutigen östlichen Syrien gelegenen 1922/23 und 1928 bis 1937 ausgegrabenen, im Inneren bunt bemalten Synagoge in Dura Europos, das als »Pompeji der syrischen Wüste« bezeichnet worden ist.

Auch wenn viele Exponate lediglich gering bis sehr überschaubar auratisch und manche gar einst antike Dutzendwaren gewesen sind, etwa die Lampen und Lämpchen, auf die Menorot geprägt wurden, nicht aus religiöser Überzeugung oder Zugehörigkeit, sondern weil die Händler auf diese Weise potenzielle jüdische Käufer zielgenau anpeilten, so ist verdienstvoll, was das Jüdische Museum Frankfurt versammelt und mit dieser Ausstellung gestemmt hat.

Letzteres ist auch ganz wörtlich zu verstehen. So löste beispielsweise ein 600 Kilogramm schwerer Grabstein aus dem vierten Jahrhundert v.d.Z., der heute im ungarischen Esztergom-Solva verwahrt wird, nicht nur komplizierte und recht fordernde statische Berechnungen aus. Das Kuratorenteam wurde auch mit der verzwickten Frage konfrontiert: wie ihn überhaupt ins Gebäude und im Haus zu seinem Standort im ersten großen Saal schaffen? Das Problem wurde, wie man jetzt sehen kann, letztlich gelöst.

»Im Licht der Menora. Jüdisches Leben in der römischen Provinz«. Jüdisches Museum Frankfurt/Main, bis 10. Mai 2015
www.juedischesmuseum.de

Berlin

Auschwitz-Überlebende fordern Konzertverbote für Kanye West

Kanye Wests geplante Shows in Polen und Italien sorgen für Empörung. Holocaust-Überlebende fordern von Regierungen und Veranstaltern ein klares Signal - wie zuletzt aus Großbritannien

 11.04.2026

Essay

Zwischen Räumen

Wenn der Maler Navot Miller im Flugzeug sitzt, ist er in einer Welt, die ihn für eine kurze Zeit vor der Schwere der Realität schützt. Gedanken von unterwegs

von Navot Miller  10.04.2026

Iran-Krieg

Europa darf Israel nicht im Stich lassen

Während die USA und Israel der Bedrohung durch das Mullah-Regime militärisch begegneten, standen die Europäer an der Seitenlinie und übten Kritik. Die nun herrschende Feuerpause gibt ihnen Gelegenheit, ihre Haltung zu überdenken

von Rafael Seligmann  10.04.2026

Netflix-Dokumentation

Der Mann, der die Chili Peppers Red Hot machte

Man kann ohne weiteres behaupten, dass die Rockwelt ohne Hillel Slovak weniger bunt wäre. Eine Streaming-Doku hat dem in Israel geborenen ersten Gitarristen der Chili Peppers ein Denkmal gesetzt

von Richard Blättel  07.04.2026

Antisemitismus

London verweigert US-Skandalrapper Kanye West die Einreise

US-Skandalrapper Kanye West darf nach seinen antisemitischen und rassistischen Aussagen nicht nach Großbritannien reisen. Das hat auch gravierende Auswirkungen auf das mit ihm geplante Festival

 07.04.2026

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Fünf Gründe, den jüdischen Staat zu lieben – mit all seinen Stärken und Schwächen

von Daniel Neumann  07.04.2026

Weltglücksbericht

Israelis und die Freude am Leben

Trotz Kriegen und Terror landet der jüdische Staat weit vorn auf Platz 8. Die Forscherin Anat Fanti erklärt, warum

von Sabine Brandes  06.04.2026

Jazz

Omer Klein: »The Poetics«

Der israelische Pianist hat ein neues Album veröffentlicht. Es ist ein analoges Klangerlebnis, das innere und äußere Räume weit öffnet

von Ayala Goldmann  06.04.2026

Iryna Fingerova

»Man darf Kulturen nicht vergleichen«

Die Schriftstellerin und Ärztin über die Folgen einer Emigration, ihr Verhältnis zur Ukraine und das Leben als Jüdin in Deutschland – allesamt auch Themen ihres Romans »Zugwind«

von Maria Ossowski  05.04.2026