Gespräch

»Tel Aviv ist wie einst Berlin«

Die israelische Schauspielerin Chanah Maron über ihre zwei Heimatstädte

von Christian Buckard  04.03.2010 00:00 Uhr

Die Mutter wollte 1933 nicht »in die Wüste zu den Kamelen«: Chanah Maron Foto: Boris Carmi

Die israelische Schauspielerin Chanah Maron über ihre zwei Heimatstädte

von Christian Buckard  04.03.2010 00:00 Uhr

Chanah Maron, Sie stehen seit mehr als 75 Jahren auf der Bühne. Begonnen haben Sie Ende der 20er-Jahre als Kinderstar in Berlin.
Ich habe dort als kleines Mädchen für das Radio gearbeitet, Theater gespielt – »Pünktchen und Anton« von Erich Kästner, bin neben Emil Jannings aufgetreten, alles Mögliche. Ich hatte auch eine Rolle in Fritz Langs »M – Eine Stadt sucht einen Mörder«, das war meine Karriere.

Das war 1931. Die Nazis wurden immer stärker. Wie haben Sie das als Kind damals wahrgenommen?
Nicht weit von wo wir wohnten, stand im Hauseingang immer ein Mann, der verkaufte Schnürsenkel, Abzeichen und solche Sachen. Eines Tages kam ich dort vorbei, da hatte er so schöne Abzeichen, schwarz und rot. Die haben mir schrecklich gut gefallen! Ich habe eines gekauft. Zu Hause habe ich es meinem Vater gezeigt. Er hat mir das Abzeichen aus der Hand gerissen und mir eine Ohrfeige gegeben, eine kleine Watsche. Warum, habe ich nicht verstanden. Erklärt hat man ja Kindern nichts. Nie. Dann, einige Tage später, kam ich wieder vorbei, und da hörte ich den Mann sagen: »Kaufen Sie Schnürsenkel, kaufen Sie Abzeichen, raus mit den Juden nach Palästina.« Das habe ich auch nicht verstanden. Was sind Juden? Und wo ist Palästina? Ich habe das meiner Mutter erzählt. Und die hat gesagt: »Vergiss das, es ist nicht wichtig.«

Zwei Jahre später kam Hitler an die Macht, und Ihre Familie ging tatsächlich nach Palästina. Wer hat das beschlossen?
Mein Vater. Er war kein Zionist, und im religiösen Sinne empfanden wir uns ja gar nicht als Juden. Aber er hat sehr schnell begriffen, dass die Entwicklung in Deutschland nicht gut ausgehen würde. Also hat er eines Tages gesagt: »Wir fahren nach Palästina.« Meine Mutter hat einen Anfall bekommen und geschrien: »Ich fahre nicht in die Wüste, wo es Kamele gibt, da fahre ich nicht hin! Hannele muss ihre Karriere weitermachen! Wir fahren nach Paris!« Also sind meine Mutter und ich nach Paris, und mein Vater, er war Elektriker, fuhr nach Palästina. Aber Paris war kein Erfolg. Bald hatten wir kein Geld mehr, litten Hunger. Und dann hat mein Vater aus Palästina das Geld für die Überfahrt geschickt.

Können Sie sich noch an den Tag erinnern, als Sie in Palästina ankamen?
Natürlich! Unser Schiff, die »Mariette Pasha« erreichte Yaffo. Wir standen an Bord, warteten mit dem Gepäck, und es kam ein kleines Boot. Und darin stand, so empfand ich das, Aladin! Aus dem Märchen! Mit einem roten Turban auf dem Kopf und mit diesen arabischen Hosen. Er hat mich genommen, hochgehoben, in das kleine Boot gesetzt und dann sind wir ans Ufer gefahren. Das war der Orient, wie ich ihn aus den Bilderbüchern kannte! Ich sehe das bis heute vor mir. Ich war so glücklich! Ich sehe dieses Kind noch heute vor mir, auch wenn das alles lange her ist, und es rührt mich, wie sich dieses Kind hier eingelebt hat. Das war überhaupt kein Problem.

Wie haben Sie Anschluss an Gleichaltrige gefunden?
Wir wohnten in der Rashi-Straße, in einer Dreizimmerwohnung. Zwei Zimmer hatten wir untervermietet. Damals waren die Balkone noch offen. Ich gucke also hinunter auf die Straße und sehe Kinder! Kinder spielen mitten auf der Straße? Das kannte ich so nicht aus Berlin! Ich rief: »Ich will auch raus, ich will auch raus!« Damals trug ich kleine Plisseeröckchen, weiße Socken und Lackschuhe. Und meine Mutter machte mir jeden Morgen diese Schillerlocken. So bin ich in die Rashi-Straße hinuntergelaufen! Die anderen Kinder haben sich totgelacht über mein Aussehen! Ich habe ganz schnell andere Kleidung bekommen.
Und die neue Sprache, Hebräisch: War das kein Problem?
Die habe ich, wie mein Vater auch, sehr schnell gelernt. Heute amüsiert mich das, weil ich doch so eine richtige Berlinerin gewesen war und so patriotisch deutsch. Jetzt wurde ich plötzlich ganz schnell Tel Aviverin und Patriotin dieses Landes. Mit all den Slogans wie »Jude, sprich Hebräisch«. Ich war sehr rechts damals. Aber als Kind ist man das ja.

In Tel Aviv haben Sie dann Karriere gemacht, waren der Star des Cameri-Theaters. Sind Sie immer noch so begeistert von der Stadt wie in den ersten Jahren?
Ich liebe Tel Aviv. In Tel Aviv gibt es alles! Es ist eine wunderbare Stadt, Tel Aviv! Erinnert mich ein bisschen, ich weiß nicht, ob ich das sagen darf, an das Berlin von damals. Apropos (singt): »Berlin und die Spree und die Siegesallee und der Kurfürstendamm und die Linden, Berlin ... das gibt’s ja nur einmal zu finden« (lacht) Ich hatte Berlin sehr gerne. Als Stadt.

Tel Aviv und das Berlin der Weimarer Zeit – was haben die gemein?
Tel Aviv ist eine Weltstadt, wo man alles Schlimme und alles Gute finden kann! Was die Kunst anbelangt, gibt es hier ein sehr hohes Niveau. Zum Beispiel literarische Klubs findet man jetzt in Tel Aviv wie Pilze im Wald! Es gibt immer neue Leute, die Gedichte schreiben – und sogar Verleger, die diese Gedichte herausbringen. Diese Klubs sind sehr populär jetzt. Erst vorigen Sonnabend war ich in einen von ihnen eingeladen, um aus dem Werk eines jungen Poeten vorzulesen. Die Veranstaltung fand auf einem Dach statt, in der Ha-Yarkon-Straße, am Meer. Ich hatte mich erst gefragt, ob denn überhaupt jemand kommen würde. Aber es war voll, obwohl es noch nicht einmal Stühle gab! Alle saßen auf einer Art falschem Rasen, um anderthalb Stunden Poesie und Jazz zu lauschen. Das ist unglaublich.

Das Gespräch führte Christian Buckard

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