Comics

Superman und andere Jidelach

Sie gilt als Geburtsstadt des Rock ’n’ Roll, spätestens seit der Radio-DJ Alan Freed, Sohn eines russischen Juden, den Begriff in den 50ern in seiner Sendung weltweit populär machte. Die Rock and Roll Hall of Fame ist mittlerweile Clevelands wichtigste Touristenattraktion, mehr als eine Million Musikfans besuchen jährlich auf über 4500 Quadratmetern Fläche die Ausstellungen über Chuck Berry, Mick Jagger und Co.

Doch nun soll vor dem Museum eine Statue errichtet werden, um darauf aufmerksam zu machen, dass Cleveland auch die Geburtsstadt eines anderen Helden der Popkultur ist: Superman. Die legendäre Comicfigur wurde in den 30ern von Jerry Siegel und Joe Shuster kreiert, die sich auf der Glenville High School kennenlernten. Der Stadtteil Glenville war damals überwiegend von osteuropäischen Juden bewohnt, heute sind es fast ausschließlich Afroamerikaner. Siegels Haus steht noch und wurde jüngst von der »Siegel and Shuster Society« mit einem neuen Zaun versehen, auf dem das Superman-Logo prangt.

business »Superhelden sind nicht nur ein amerikanisches Phänomen, sondern auch vor allem ein jüdisches«, erklärt der Comic-Historiker Arlen Schumer. Das noch heute benutzte Magazinformat von Comic-Heften wurde 1933 von M.C. Gaines kreiert, der als Maxwell Charles Ginzberg in New York aufwuchs. Gaines nahm die in den Zeitungen populären Comicstrips und setzte sie im Heftformat neu zusammen.

Siegel und Shuster hofften ebenfalls, einen lukrativen Zeitungsstrip zu kreieren, handelten sich aber nur Absage um Absage ein. Doch dann planten die Verleger Harry Donenfeld und Jack Liebowitz, ihr Comicbusiness auszuweiten. Donenfeld und Liebowitz hatten zuvor hauptsächlich pornografische Hefte publiziert, bis New Yorks Bürgermeister Fiorello LaGuardia, Sohn eines katholischen Vaters und einer jüdischen Mutter, den Schundblättern kurzerhand den Kampf angesagt hatte. Um ihr Portfolio zu erweitern, beschlossen die beiden Verleger, Comics zu publizieren.

Auf der Suche nach neuen lizenzfreien Strips ließen sie in den Stapeln zuvor abgelehnter Comics suchen – und fanden dort den Superman-Strip. Für Donenfeld und Liebowitz war das Konzept zwar zunächst seltsam, aber da sie unter Zeitdruck standen, veröffentlichen sie Superman. Siegel und Shuster arbeiteten den Strip ins Heftformat um. Zugegeben, für das Duo aus Cleveland war es nicht die erwünschte Publikation in einer Zeitung, aber nach vielen Absagen war es besser als gar nichts. Siegel und Shuster unterzeichneten einen Standardvertrag, der erklärte, dass ihr Werk eine Auftragsarbeit sei und alle Rechte an die Verleger gingen.

Verkaufsschlager 1938 erblickte Superman schließlich das Licht der Welt – und wurde unerwartet auf Anhieb zum Verkaufsschlager schlechthin. Jerry Siegel und Joe Shuster hatten über Nacht ein neues amerikanisches Genre kreiert: Superhelden. Der Erfolg von Superman inspirierte viele Nachahmer. Schon bald wimmelte es am Zeitungsstand von Superhelden, die fast immer von jüdischen Einwandererkindern geschaffen wurden, die oftmals auf dem Arbeitsmarkt in anderen Bereichen wie etwa der Werbebranche diskriminiert wurden.

»Die amerikanische Comicindustrie ist in ihren Wurzeln jüdisch«, meint Comic-Historiker Schumer. »Superman ist eine Neuerfindung des modernen Golem-Mythos. In Zeiten der Bedrohung schaffte Rabbi Löw damals einen Beschützer, ebenso wie zwei US-Juden einen Beschützer der Menschheit erfanden.«

Wie viele andere jüdische Migrantenkinder verfolgten auch Siegel und Shuster die Nachrichten aus Europa, wo viele Verwandte lebten. Die Novemberpogrome 1938 folgten nur wenige Monate auf das Superman-Debüt. »Andererseits ist Superman auch eine Neubearbeitung der Mosesgeschichte. Supermans Vater, Kal El, was auf Hebräisch die Stimme Gottes heißt, schickt seinen Sohn nach Amerika, da seine Welt vernichtet wird«, erklärt Schumer.

hitler Im Unterschied zu Siegel und Shuster änderten viele jüdische Comicpioniere – ebenso wie ihre Pendants in Hollywood – ihre Namen, um amerikanischer, sprich: nichtjüdisch, zu klingen. Robert Kahn, Erfinder von Batman, beispielsweise wurde Bob Kane, Stanley Lieber änderte seinen Namen zu Stan Lee und erfand mit Jack Kirby die Fantastischen Vier, Spider-Man und einer Reihe anderer Superhelden mehrere Klassiker des Genres.

Trotz der Erfolge in Film und Comics fühlten sich US-Juden unsicher. Etliche Amerikaner waren Nazisympathisanten, und 1939 kam es im Madison Square Garden sogar zu einer Solidaritätsveranstaltung für Nazi-Deutschland. Jack Kirby und sein Kollege Joe Simon erklärten den Nazis auf ihre Weise den Kampf: 1940 hatte Captain America sein Debüt. Auf dem Titelblatt schlug der patriotische Superheld den schlimmsten aller Bösewichte, Adolf Hitler, nieder.

Ein Jahr später zogen die Vereinigten Staaten, und darunter viele der Comicbuchpioniere wie Jerry Siegel und Jack Kirby, in den Krieg – und bekämpften die Nazis nicht mehr nur mit ihren Superheldengeschichten, sondern auch ganz real.

Giora Feidman

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