Konzert

Streicher, Pauken und Turbinen

Stargeigerin Anne-Sophie Mutter beim Konzert in Peenemünde Foto: picture alliance/dpa

Mit einem Paukenschlag beginnt das zweite Peenemünder Konzert 2022, und mit einem furiosen Schlussakkord aller fast 70 Musiker endet der Auftritt des New York Philharmonic am Samstag auf Usedom. Die Turbinenhalle ist ausverkauft, die Zuschauer reisen früh und zum Teil von weit her an. Das weltberühmte Orchester aus Big Apple »kommt schließlich nicht aller Tage nach Usedom«, sagt eine Besucherin aus dem Kaiserbad Bansin, die mit ihrer Mutter zum Konzert kommt.

Natürlich sei sie auch wegen Anne-Sophie Mutter gekommen, wegen des Orchesters, seines Leiters Jaap van Zweden, aber auch aus Tradition. Mutter und Tochter besuchen die Peenemünder Konzerte, die in diesem Jahr ihr 20-jähriges Jubiläum feiern, regelmäßig. Den Ort, die ehemalige NS-»Versuchsstelle des Heeres« – ab 1943 befand sich dort auch ein KZ-Außenlager –, findet die Tochter angemessen. »Es ist gut, wie hier die Geschichte dieser Hallen aufgearbeitet und zu einem Positiven gewandelt wurde. Und die Musik ist etwas Verbindendes«, sagt sie. Außerdem sei die Akustik hervorragend, »nur leider manchmal zu laut«.

STAHLGERÜSTE An drei Abenden spielte das Orchester in der Turbinenhalle von Peenemünde, einer unwirtlichen Stätte. Stahltreppen sind hinaufzusteigen, Turbinen stehen rechts und links. Eine weitere steile Eisentreppe führt die Zuschauer hinauf in die eigentliche Werkshalle mit Backsteinmauern, Betonboden und Stahlgerüsten. Der Raum wirkt, als sei er nur kurz von den Arbeitern verlassen worden.

Ein hochpolitisches Konzert, sagt Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) zur Begrüßung. Politisch sei der Spielort: »Wo Hitler seine Wunderwaffe konstruieren ließ, findet heute ein Friedenskonzert statt.« Politisch sei aber auch die Zeit, wobei die Sozialdemokratin den Krieg in der Ukraine anspricht. Wegen ihrer Haltung zur umstrittenen deutsch-russischen Gaspipeline »Nord Stream 2« steht Schwesig derzeit politisch in der Kritik – was am Konzertabend allerdings keine Rolle spielt.

André Previn habe nie Groll gegen die deutsche Kultur gehegt, sagt Anne-Sophie Mutter.

Schwesig geht auch auf die Inhalte der dargebotenen Stücke ein: Joan Towers Auftragswerk des New York Philharmonic Project 19 mit dem Titel »1920/2019«, das sich mit dem Frauenwahlrecht beschäftigt. Mit André Previns 2002 uraufgeführtem Violinkonzert »Anne-Sophie«, eigentlich eine Liebeserklärung des jüdischen Pianisten und Komponisten an seine damalige Frau, wird die Schoa und seine erzwungene Flucht nach Amerika thematisiert. Und auch Béla Bartók musste 1943 vor Krieg und Naziterror fliehen. Der jüdische Komponist Sergei Kussewizki beauftragte Bartók, ein Stück für seine verstorbene Frau zu verfassen. Es wurde ein gewaltiges Requiem.

VIOLINKONZERT Starviolinistin Anne- Sophie Mutter übernahm den zweiten Part mit der Aufführung des Violinkonzerts ihres vor mehr als drei Jahren verstorbenen Ex-Mannes André Previn (1929–2019). Das mehr als 40 Minuten lange Stück mit warmen zarten Tönen im Wechsel mit kräftigen krachenden dramatischen Teilen beantwortete das Publikum mit stehenden Ovationen. Fünfmal musste Mutter anschließend die Eisentreppe hinaufsteigen, um den Dank des Publikums entgegenzunehmen.

Mutter, die zwischen 2002 und 2006 mit Previn verheiratet war, gilt als die Förderin seines kunstmusikalischen Werkes. In ihren Spielpausen geht sie den Rhythmus des gewaltigen Werkes mit, wendet sich immer wieder zu den melodietragenden Kollegen hin und wiegt sich sanft in der Musik. In einem Interview macht sie deutlich, welche Bedeutung auch der Aufführungsort für sie hat. »Es ist ein Kontext der Versöhnung, obwohl es nicht versöhnt werden musste. Aber ich glaube, die Kontinuität von Musik, von Kunst, vom gemeinsamen Musizieren und dem Austausch von Emotionen unterschiedlichster kultureller Herkünfte ist der Kit, der die Gesellschaft zusammenhält«, sagt sie.

Ihr Mann André Previn habe ihr erzählt, dass er die Flucht als großes Abenteuer erlebt habe. »Er war ja erst neun. Er hat aber miterleben müssen, wie sein Vater ein klägliches Leben führen musste. Er gab Klavierunterricht, weil er als deutscher Anwalt nicht mehr Fuß fassen konnte. André musste daraufhin für seinen Vater wie ein Berserker arbeiten.«

Er habe jedoch »nie einen Groll gegen Deutschland, schon gar nicht gegen die deutsche Kultur gehegt«, sagt Mutter: »Ich kenne niemanden, der nicht ein Leben in Deutschland verbracht hat, der so viel Liebe und Kenntnis gegenüber deutscher Literatur hatte.« Zu dem eigens für sie komponierten Stück ergänzt sie: »Ich finde, dass in dem Violinkonzert beides beheimatet ist, sowohl die Freude auf ein Leben in Amerika als auch eine frühe und beständige Liebe zu Deutschland, die vielleicht ihre Krönung in unserer – wenn auch kurzen – Ehe gefunden hat.«

In den Hallen in Peenemünde wurde Hitlers »Wunderwaffe« V2 entwickelt.

Zehn Jahre hatte sich Festivalintendant Thomas Hummel um den Auftritt des New York Philharmonic bemüht, 2022 hat es geklappt. Dem Publikum gefällt es von Anfang an. Nach der Pause und Béla Bartóks »Konzert für Orchester« sind die Zuhörer nicht mehr zu halten. Nach dem furiosen Schlussakkord, an dem alle Musiker des rund 70 Mann umfassenden Orchesters beteiligt scheinen, halten sie beeindruckt 30 Sekunden still, bis Applaus aufbrandet. Stehend applaudiert das Publikum dem Orchester, Konzertmeister und Dirigenten, der immer wieder die einzelnen Teile des Orchesters bittet, sich zu erheben.

PUBLIKUM Politisch interpretierten nicht nur Schwesig, Intendant Thomas Hummel und Solistin Mutter den Auftritt. In diesem Kontext sah es auch das Ehepaar aus Magdeburg, das sich bei einem Urlaub auf Usedom 2005 das Museum Peenemünde angesehen hatte und jetzt erstmals hier ein Konzert hört. »Die positive Nutzung dieser Gebäude finden wir sehr gut«, urteilen sie. Ein Ehepaar aus Potsdam war eigens für das Konzert angereist. »Wir sind wegen des New York Philharmonic gekommen und freuen uns, dass wir Karten bekommen haben«, sagen sie. In Peenemünde sind sie zum ersten Mal.

Festivalleitung und Zuschauer wünschten sich, dass es für die New Yorker nicht das letzte Mal sein werde, auf der Insel Station zu machen. Eine besondere Ehre sei es, betont Schwesig, die sich in der englischen Begrüßung charmant verhaspelte und entschuldigte: »Ich wusste, dass das schiefgeht.« Das Publikum dankte auch dafür mit herzlichem Applaus. Trotz Turbinen, Pauken und Versprecher – die Zuhörer in der ausverkauften Halle haben ein historisches Konzert miterlebt.

»Anne-Sophie Mutter und New York Philharmonic in der Turbinenhalle Peenemünde«: Eine Aufzeichnung des Konzerts vom 21. Mai wird am Samstag, 28. Mai, um 20.15 Uhr auf 3sat gezeigt.

Miriam Cahn

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