Ausstellung

Strandurlaub in Gaza

Am Anfang hört man dem jungen Mann einfach zu. Versucht zu verstehen, was er erzählt – und ist zunehmend irritiert. Das, was da in wechselnden Einstellungen in die Kamera gesprochen wird, passt doch alles nicht zusammen! Das ist doch eine seltsame, ja wirre Geschichte, die da berichtet wird!

Der Ort: ein Ausstellungsraum unter dem Dach des Museums Weserburg in Bremen. Überall Monitore, auf denen Videoloops zu sehen sind. Darunter auch My Ghetto von Itay Ziv, Sohn polnischer Juden, der in Israel aufwuchs. Er hat eine Art Videotagebuch fabriziert, das ihn in verschiedenen Hotelzimmern zeigt, in denen er in die Kamera spricht und von einer Reise erzählt, während derer er in ein Ghetto geraten sei.

Redeweise Plötzlich sei da Stacheldraht gewesen! Und eine Mauer! Und die Mauer habe gar kein Ende genommen! Und überall hätten Leichen gelegen, während er doch versucht habe, zurück ins Hotel zu gelangen. Immer abstruser vom Inhalt und immer manischer von der Redeweise her steigert sich sein Erzählen, bis schließlich der Song My Ghetto des Theatermachers Hanoch Levin erklingt, mit den Zeilen »bitter ghetto/sweet ghetto/hated ghetto/beloved ghetto« und Itay Ziv kurz so etwas wie Erleichterung zu spüren scheint.

Panorama – Junge Videokunst aus Israel ist der Titel der Schau. »Panorama« sei dabei umfassend zu verstehen, sagt die Kuratorin Susanne Hinrichs: »Es meint sowohl das klassische Landschaftspanorama, aber auch das häusliche Panorama und nicht zuletzt das innere Panorama, auf das ein jeder in sich schaut. Hinrichs ist in den vergangenen Jahren zur Expertin für junge israelische Kunst geworden. «Kunst aus Israel kann von den formalen Kriterien her locker mit Kunst aus Westeuropa oder den USA mithalten», sagt sie.

Was die israelische Kunst aber so spannend mache, sei, dass sie die Frage nach der Identität des Einzelnen wie der Gemeinschaft immer wieder neu stelle und dabei eng an den Menschen bleibe, statt sich in akademisch-abstrakten Debatten über Formen und Farben zu verlieren. «Wie definiere ich mich in einem Land wie Israel, das zunehmend auch von sozialen Konflikten geprägt ist: als Frau, als Homosexueller, als Jude, als Araber – das kann kein Schauspieler darstellen», beschreibt Hinrichs die Ausgangsbasis der Künstler.

krieg Der Videokünstler Shahar Marcus hat ein bekanntes Kinderspiel aufgegriffen, das so geht: Die Spieler müssen von der einen Seite des Raumes auf die andere gelangen. Ihnen gegenüber steht der Fänger, der das verhindern will. Er steht mit dem Gesicht zur Wand, zählt, ruft ein Wort, dreht sich um – und in diesem Moment müssen die auf ihn Zulaufenden wie eine Statue erstarren. Wer sich bewegt, muss zurück und von vorne anfangen.

«1, 2, 3, Herring» heißt der Ruf bei Marcus – und dann wird einiges anders: Denn die Spieler, die auf die sichere Seite gelangen wollen, sind lebensgroße Pappfiguren von Soldaten. Und ihre Gesichter zeigen alle das Gesicht von Shahar Marcus, der auch der Fänger ist; der Künstler als Jäger und Gejagter in nur einer Person. Die Uniformen wirken übrigens seltsam altmodisch. Auch der Panzer, den die Pappkameraden erreichen müssen, ist deutlich älteren Datums – ein Modell aus dem Jahr 1948, als mit dem Krieg Ägyptens gegen Israel der erste einer Vielzahl von Kriegen begann.

Werkstatt So spannt diese Ausstellung einen weiten Bogen von den entscheidenden Daten der israelischen Geschichte hinüber in die Gegenwart: Amir Yatziv dokumentiert in «ARBEIT MACHT FREI» angenehm unpathetisch, wie der berüchtigte Schriftzug des KZ Auschwitz in einer Werkstatt in Polen restauriert und in einem Museum in Israel dupliziert wird – und wie unterschiedlich die Arbeiter damit umgehen.

Die 23-jährige Nitzan Shahar greift die Demonstrationen der jungen israelischen Mittelschicht vom Sommer 2011 auf und lässt sie in «Marching» in ihrer eigenen Küche noch einmal für soziale Reformen und besonders für bezahlbaren Wohnraum antreten. Doch auch die Zukunft wird nicht vergessen, wenn Tamir Zadok in seiner Arbeit «The Gaza Canal» im Stile eines Firmenwerbevideos davon berichtet, dass heutzutage der Gazastreifen durch einen Kanal vergleichbar dem Ärmelkanal vom nun israelischen Festland getrennt sei und sich seitdem in ein touristisches Paradies verwandelt habe – mit Kreuzfahrtschiffterminal und ausgedehnten Stränden.

«Panorama – Junge Videokunst aus Israel».
Weserburg Bremen, bis 2. Juni

www.weserburg.de

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