Eurovision Song Contest

Stark und schrill

Macht Elektropop mit orientalischen Einsprengseln: die israelische Sängerin Netta Barzilai (25) aus Hod HaSharon Foto: PR

Als der Eurovision Song Contest (ESC) 1998 in Birmingham in eine neue Zeit startete, war Netta Barzilai gerade einmal fünf Jahre alt. Auf ein Orchester konnten die Künstler damals zwar noch zurückgreifen, sie mussten es aber nicht mehr. Und über den Sieger des Abends entschieden in allen Ländern nicht mehr elitäre Expertenjurys, sondern die Fernsehzuschauer per Televoting. Es gewann damals äußerst knapp die transsexuelle israelische Künstlerin Dana International mit ihrem Song »Diva« – übrigens unter anderem gegen den deutschen Vertreter Guildo Horn.

Jetzt schickt sich mit Netta Barzilai wieder eine kontroverse Frau an, den ESC für Israel zu gewinnen. Und so wie Teile der israelischen Gesellschaft vor 20 Jahren wenig Begeisterung für eine Transsexuelle verspürten, ist bei aller Begeisterung im Land auch jetzt der Rückhalt für Barzilai nicht grenzenlos. Die Sängerin ist eine Frau, die schon äußerlich so überhaupt nicht für das steht, was ESC-Teilnehmerinnen aus dem Heiligen Land bisher geradezu notwendigerweise ausstrahlen mussten: klassische Bilderbuchschönheit, nicht selten gepaart mit zur Schau getragener Gottesfürchtigkeit. Aber in diesem Jahr will Israel nicht blond, nicht devot sein. Israel hat sich für einen Typ Frau entschieden, der zu seiner eigenen Weiblichkeit steht.

Stimme Wie kam es dazu? Barzilai selbst sagt, sie wolle niemanden kopieren, sondern »einfach nur Netta sein«. Das tut sie mit Erfolg. Bisher hat sie ihren Lebensunterhalt vor allem als DJane verdient und bei Hochzeitsfeiern als Eine-Frau-Unterhalterin Platten aufgelegt. Dabei sang sie auch selbst, und zwar mithilfe eines Aufnahmegeräts, das ihre Stimme wahlweise exakt oder verzerrt wiedergibt. So kann sie also in ein und demselben Lied ihre eigene stimmliche Begleitung sein, was an sich bereits eine Kuriosität ist.

Mindestens ebenso eindrucksvoll ist ihr Stil: Zu bunt gibt es für die 25-Jährige nicht. Mal tritt sie im japanischen Geisha-Kostüm auf, mal als Bronx-Rapperin, mal als Prinzessin. Alles, was gefällt, ist in Ordnung. So viel zur Toleranzbreite Barzilais, die aus Hod HaSharon stammt, ein paar Kilometer nördlich von Tel Aviv gelegen.

Anfang des Jahres begann das israelische Fernsehen seine Suche nach dem Vertreter des Landes für den diesjährigen Wettbewerb in Lissabon. Barzilai schaffte es durchs Casting in die Endrunde von HaKochav Haba L’Eurovision (Der nächste Stern der Eurovision) mit insgesamt 20 Kandidaten. Nun lernte das ganze Land sie kennen – und staunte erst einmal. Denn auch, wenn es im israelischen ESC-Vorentscheid gerne mal schrill zugehen darf, eine Kandidatin wie Barzilai hatte man selbst dort noch nicht erlebt.

Elektropop Bei ihrem Auftritt sagte einer der Juroren ungläubig: »Wow, wo sind wir hier?« So, als ob da gerade ein Raumschiff auf der Bühne gelandet wäre. Tatsächlich wirkt Barzilai wie ein Wesen vom anderen Stern. Unerschrocken und selbstbewusst macht die junge, stämmige Frau einfach das, was ihr Spaß macht: Elektropop mit orientalischen Einsprengseln.

Nach ihrem Sieg beim Vorentscheid musste noch ein Song gefunden werden, mit dem Barzilai Israel im ersten ESC-Halbfinale am 8. Mai in der portugiesischen Hauptstadt vertritt. Dafür griff Barzilai auf erfahrene Songschreiber zurück, die schon für Israels respektable Platzierungen 2015 und 2016 verantwortlich zeichneten. Es sollte aber ein Song werden, der der Künstlerin entspricht. Ein Künstler kann noch so gut sein – wenn das Lied, das er vorträgt, nicht authentisch wirkt, ist er beim ESC chancenlos. Diese schmerzhafte Erfahrung haben viele machen müssen.

Barzilai wird den vorrangig in englischer Sprache gesungenen Song »Toy« (Spielzeug) präsentieren. Darin besingt sie die göttliche Schönheit einer jeden Frau, die einfältige Männer nicht zu erkennen in der Lage sind. »Ich bin nicht dein Spielzeug, du dummer Junge«, hallt es trotzig im Refrain mehrfach durchs Lied. Die Künstlerin selbst will ihren Song als von der seit Monaten anhaltenden MeToo-Debatte inspiriert wissen. Israel, ein Land, in dem in vielen Bereichen des alltäglichen Lebens Macho-Gehabe vorherrscht, lässt sich also dieses Jahr in Lissabon von einer selbstbewussten Frau vertreten, die genau diese dominierende Männlichkeitskultur anprangert. So etwas hat sich zuletzt andeutungsweise Frankreich 1991 getraut, als es mit der Sängerin Amina eine Nordafrikanerin zum ESC entsandte.

Wettbüros Mindestens ebenso gut wird es für Barzilai in Lissabon laufen – wenn es nach den Buchmachern geht. In den Wettbüros liegt »Toy« bereits seit dem Moment, als nur ein fünf Sekunden langer Ausschnitt des Lieds im Internet geleakt wurde, unangefochten auf Platz eins.

In den einschlägigen Fan-Foren wird allein darüber diskutiert, was Barzilai den Sieg noch verhageln könnte – zu strenge Jurys in den 42 anderen Teilnehmerländern oder die antiisraelische Haltung unter den Fernsehzuschauern. Barzilai muss beide überzeugen, sowohl die Musikexperten als auch die Masse des Publikums. Dieses unmögliche Kunststück vollbrachte der Portugiese Salvador Sobral vergangenes Jahr mit einer Ballade, die ganz Europa verzauberte. Es war das Jahr nach der Brexit-Entscheidung und dem Wahlsieg Donald Trumps. Europas ESC-Zuschauer schienen sich nach aufrichtigen, zarten Gefühlen zu sehnen. Nach jemandem, der die Hand vorsichtig ausstreckt.

Ein Jahr später, wo Misogynie à la Trump und Harvey Weinstein erst weltweites Entsetzen und dann Gegenreaktionen hervorgerufen hat, könnte die Zeit für eine Frau wie Barzilai gekommen sein. Ihr Lied ist wie ein grelles Stoppschild für ignorante Männer.

araber Mit dieser Botschaft und der Performance der Sängerin können sich offenbar auch Fans in der muslimischen Welt identifizieren. Nachdem das israelische Außenministerium das Video auf seiner arabischsprachigen Website geteilt hatte, schnellten die Likes sprunghaft in die Höhe. »Der Song hat das Zeug zu einem internationalen Hit«, schrieb etwa ein User aus Saudi-Arabien. Eine Marokkanerin lud Barzilai sogar ein, mit zwei Sängerinnen vor Ort einen Clip zu drehen.

Israels Kandidatin selbst sagt, sie würde ihrem Land den ESC-Sieg und damit die Ausrichtung des Wettbewerbs gerne zum 70. Geburtstag schenken. Vielleicht heißt es dank Netta Barzilai bald wirklich: Nächstes Jahr in Jerusalem!

Der Eurovision Song Contest findet vom 8. bis zum 12. Mai in Lissabon statt.

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