documenta

»Staatlich alimentierter Antisemitismus«

Besucher der documenta fifteen vor dem Museum Fridericianum in Kassel Foto: picture alliance/dpa

Der Präsident des Zentralrats der Juden hat gemäß der Empfehlung des documenta-Expertengremiums den sofortigen Stopp der Ausstrahlung propalästinensischer Propagandafilme im Rahmen des »Tokyo Reels Film Festivals« bei der Kunstschau in Kassel gefordert. »Die Filme befeuern Antisemitismus, Israelhass und Terror«, so Schuster in einer am Dienstag verbreiteten Erklärung.

Es sei unerträglich, dass die künstlerische Leitung diesen Stopp verweigert. Sie zeige sich beim Thema Antisemitismus komplett uneinsichtig, auch die Geschäftsführung der documenta entziehe sich ihrer Verantwortung. Schuster weiter: »Ich erwarte von den Verantwortlichen, dass sie Sorge dafür tragen, dass der hier zur Schau gestellte, staatlich alimentierte Antisemitismus unverzüglich, noch vor dem 25. September beendet wird.« Wenn die documenta-Leitung jetzt nicht handele, zeige sich, »dass die Einrichtung des Expertengremiums nur ein Feigenblatt war, das nicht einmal diesen Namen verdient«.

VOTUM Unterdessen sprechen sich auch die Gesellschafter der documenta dafür aus, die propalästinensischen Propagandafilme nicht mehr zu zeigen. »Die Gesellschafter schließen sich dem Votum der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an, wonach die «Tokyo Reels» des Kollektivs Subversive Film nicht mehr gezeigt werden sollen, mindestens bis eine angemessene Kontextualisierung vorgenommen wurde«, teilten die Stadt Kassel und das Land Hessen am Dienstag gemeinsam mit.

Die aktuelle Kommentierung der Filme sei dazu nicht geeignet, »da sie die teils antisemitischen und terroristische Gewalt verherrlichenden Propagandafilme gerade nicht historisch einordnet«.

Die Kuratoren der Gruppe ruangrupa werfen dem Expertengremium den Versuch der Zensur sowie »eine rassistische Tendenz« vor.

Zuvor hatte das von den Gesellschaftern eingesetzte Expertengremium zur Aufarbeitung der Antisemitismus-Vorwürfe gegen die documenta empfohlen, die Propagandafilme mit Material aus den 60er- bis 80er-Jahren vorübergehend nicht mehr zu zeigen. Eine eventuelle Wiederaufnahme der Vorführungen der Filme sei nur denkbar, »wenn diese in einer Form kontextualisiert würden, die ihren Propagandacharakter verdeutlicht, ihre antisemitischen Elemente klar benennt und historische Fehldarstellungen korrigiert«.

KURATOREN Die künstlerische Leitung, das indonesische Kuratorenkollektiv Ruangrupa, sowie die documenta-Spitze hatten am Montag entsprechende Forderungen zurückgewiesen. Die Geschäftsleitung der documenta und Ruangrupa hätten die Einschätzung des Gremiums zur Kenntnis genommen. Ruangrupa, denen als künstlerische Leitung der documenta fifteen die alleinige Entscheidung darüber zustehe, wolle der Empfehlung aber nicht nachkommen, hieß es in einer Stellungnahme der documenta für das Berliner Kunstmagazin »Monopol«.

Ruangrupa warf dem Gremium zudem in einem auch von anderen Künstler-Kollektiven unterzeichneten Brief an den Oberbürgermeister von Kassel und Aufsichtsratsvorsitzenden der documenta, Christian Geselle (SPD), die Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) und die hessische Kunstministerin Angela Dorn (Grüne) den Versuch der Zensur sowie »eine rassistische Tendenz« vor.

Der Beirat weist diese Vorwürfe entschieden zurück. Die Äußerungen Ruangrupas bezeichnete dessen Vorsitzende Nicole Deitelhoff gegenüber der Deutschen Presse-Agentur als verstörend. »Dass man unserem Gremium vorwirft, unsere Stellungnahme sei rassistisch oder deutsch-zentriert, ist lächerlich«, sagte die Leiterin des Leibniz-Instituts Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung. Fast die Hälfte der Mitglieder des achtköpfigen Gremiums seien nicht einmal deutsche Staatsangehörige.

Der Beirat zensiere auch nicht, betonte Deitelhoff. »Das ist nicht unser Mandat. Wir sind weit davon entfernt, etwas zu zensieren.« Die Experten seien lediglich für einen Stopp der Filmvorführung, solange es keine neue Kontextualisierung gebe, unterstrich sie. »Das Zeigen der Filmsequenzen an sich ist nicht problematisch.« Problematisch sei die Art der Präsentation ohne Erläuterung des historisch-politischen Zusammenhangs. »Die bisherige Rahmung, die Ruangrupa selbst in Auftrag gegeben hat, ist völlig unzureichend«, so Deitelhoff.

Das Expertengremium werde der Vorwürfe ungeachtet seiner Arbeit weiter nachgehen. »Wir sind nicht von der künstlerischen Leitung oder der Geschäftsführung der documenta berufen worden. Wir beraten die Gesellschafter«, sagte Deitelhoff. Dieser Auftrag bleibe unberührt. »Wir geben aufgrund unserer wissenschaftlichen Einschätzung Empfehlungen. Dazu müssen sich die Gesellschafter verhalten.«

Der hessische Antisemitismusbeauftragte Uwe Becker kritisierte die Künstlerische Leitung der documenta ebenfalls scharf. »Wer die klare Feststellung des Expertengremiums der documenta einfach abtut und antisemitische und antizionistische Filme weiter zeigt, die noch dazu Israelhass und die Glorifizierung von Terrorismus legitimieren, der handelt selbst antisemitisch«, sagte er laut Mitteilung. »Die Weigerung der documenta-Leitung, die Vorführung der antiisraelischen Propaganda-Filme zu stoppen, ist unerträglich und eine Schande.« Nach Vorlage des Expertenurteils gebe es keine anderen Worte für dieses Vorgehen als vorsätzlich antisemitisches Handeln. dpa

Medien

Protokollant des täglichen Irrsinns

Der Publizist Henryk M. Broder wird 80. Eine persönliche Würdigung von Reinhard Mohr

von Reinhard Mohr  19.08.2026

Heidelberg

Hüter des Gedächtnisses

Im Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden liegt alles, was jüdische Gemeinden seit 1945 in Deutschland an Dokumenten produziert haben. Jens Hoppe, der Leiter der Einrichtung, sichert die Zukunft der Bestände

von Eugen El  19.08.2026

Programm

Ein Moped-Gottesdienst, Kaffee, Kuchen und ein Zirkus-Koffer in Frankfurt: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 20. August bis zum 27. August

 19.08.2026

Orlando (Florida)

Harrison Ford wird erneut zu Indiana Jones

Diesmal wird der jüdische Darsteller kein Abenteuer auf der Leinwand erleben. Aber worum geht es dann?

 19.08.2026

Film

25 Jahre »A.I.«: Odyssee eines Roboter-Jungen

Ein Vierteljahrhundert ist Spielbergs Film »A.I. – Künstliche Intelligenz« jetzt alt. Das Werk ist extrem rührselig, aber dennoch sehenswert. Und es wirft Fragen auf, die auch 2026 sehr relevant sind

von Gregor Tholl  19.08.2026

Film

Überraschend witzige Geschichte über Begehren und Scham

In der Slasher-Satire »Teenage Sex and Death at Camp Miasma« von Jane Schoenbrun spritzt Blut, Gillian Anderson flirtet und eine junge Regisseurin versucht, ihre eigene Lust zu verstehen

von Shireen Broszies  19.08.2026

Frankfurt am Main

Friedenspreis: Mirjam Zadoff hält Laudatio auf Philipp Sands

Der Menschenrechtsanwalt Philippe Sands erhält eine der angesehensten Auszeichnungen Deutschlands. Nun wurde die Laudatorin bekanntgegeben

 19.08.2026

Rezension

Antidot gegen Lüge und Vernebelung

Richard Herzinger war ein lebenslanger Streiter gegen Antisemitismus jeglicher Couleur. Ein Auswahlband seiner Texte zeigt ihn nun einmal mehr als einen wortmächtig-analytischen Solitär

von Marko Martin  19.08.2026

Kino

»Hiddensee« - Ein Inselparadies, nicht frei von Widersprüchen

Punk am Strand, Kunst und Politik im Laufe der Zeit - eine Doku über die Ostseeinsel Hiddensee und ihre wechselvolle Geschichte

von Kira Taszman  18.08.2026