Echo

»Skrupellos und korrupt«

Foto: dpa

Der Vorstandsvorsitzende des Verbands der deutschen Musikindustrie, Florian Drücke, hat sich am Dienstag in einem Brief an die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, für die Verleihung des »Echo« an die Rapper Kollegah und Farid Bang entschuldigt.

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, hatte zuvor von einer Schande gesprochen. Der Bundesverband Musikindustrie und die Jury hätten bei ihrer Entscheidung das historische Erbe Deutschlands völlig ausgeblendet, hatte Schuster erklärt. Knobloch hatte auf Facebook Kritik am Echo-Preis für die Rapper geäußert, deren prämiertes Album antisemitische Textzeilen enthält. Die IKG-Präsidentin habe völlig recht, schrieb Drücke am Dienstag: »Wir als Vorstand haben das falsch bewertet und wollten uns an der falschen Stelle für die künstlerische Freiheit einsetzen.«

Weiter hieß es in dem Schreiben: »Wir können das um den Echo herum Geschehene an dieser Stelle nicht mehr rückgängig machen.« Der Vorstand sei sich aber seiner Verantwortung bewusst und werde entsprechende Maßnahmen erarbeiten, um dieser zukünftig ohne Einschränkungen gerecht zu werden.

Müller-Westernhagen Unterdessen haben sich mehrere Künstler, unter ihnen auch Marius Müller-Westernhagen, entschlossen, ihre Echo-Preise zurückzugeben. Der Sänger und Musiker schrieb am Dienstag auf seiner Facebook-Seite: »Eine Industrie, die ohne moralische und ethische Bedenken Menschen mit rassistischen, sexistischen und gewaltverherrlichenden Positionen nicht nur toleriert, sondern unter Vertrag nimmt und auch noch auszeichnet, ist skrupellos und korrupt.«

Auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) meldete sich zu Wort. »Dass Songs mit Texten, die menschenverachtende und herabwürdigende Passagen enthalten, von der Musikindustrie ausgezeichnet werden, offenbart die Fragwürdigkeit eines Preises, der nur auf Erfolg an der Kasse setzt«, sagte Grütters der »Berliner Morgenpost« am Dienstag. Das Versagen des Ethik-Beirats des Musikpreises sei in diesem Fall »besonders bitter«. Die Kunstfreiheit habe ihre Grenzen da überschritten, »wo Holocaust-Opfer verhöhnt werden«.

Klaus Voormann Zuvor hatte der Musiker und Grafiker Klaus Voormann, der am Donnerstag den Musikpreis »Echo« für sein Lebenswerk erhielt, die Auszeichnung zurückgegeben. Auch Voormann, der als Bassist mit John Lennon und Lou Reed zusammenarbeitete und das Cover des Beatles-Albums Revolver gezeichnet hat, protestierte damit gegen die Echo-Ehrung des Rapperduos Farid Bang und Kollegah, dem offener Antisemitismus vorgeworfen wird.

Die Rapper werden unter anderem wegen antisemitischer Liedzeilen scharf kritisiert. In ihrem mit dem Echo ausgezeichneten Album Jung, brutal, gut aussehend 3 finden sich unter anderem die Textzeilen »Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen« und »Mache wieder mal nen Holocaust, komm an mit dem Molotow«.

Igor Levit Auch der jüdische Pianist Igor Levit, »Echo«-Gewinner 2014, gab aus Protest seinen Preis zurück. Die Ehrung der Rapper sei »ein vollkommen verantwortungsloser, unfassbarer Fehltritt der Echo-Jury und gleichzeitig auch Ausdruck für den derzeitigen Zustand unserer Gesellschaft«, schrieb Levit auf Twitter.

Wegen des Skandals hat der Präsident des Deutschen Kulturrates, Christian Höppner, seinen Rücktritt aus dem Ethik-Beirat des Musikpreises angekündigt. Unter den bestehenden Rahmenbedingungen werde er nicht weiter in dem Gremium mitarbeiten, erklärte Höppner am Dienstag. Zugleich kündigte er an, dass sich der Kulturrat künftig schwerpunktmäßig mit den Grenzen der Kunstfreiheit befassen werde. Die Intendanten von WDR, BR und SR stellten unterdessen einhellig klar, in ihren Sendern würden die entsprechenden Titel nicht gespielt.

Notos Quartett Zudem gaben der Dirigent Enoch zu Guttenberg und Andreas Reiner vom Orchester Klangverwaltung ihren »Echo 2008« zurück. Als erste Musiker hatten die Gewinner des »Echo Klassik 2017«, das Notos Quartett aus Berlin, ihren Preis zurückgegeben. Bei der Verleihung selbst hatte Campino von den »Toten Hosen« gegen die Ehrung der zwei Rapper protestiert. Scharfe Kritik übte auch Peter Maffay, der die »Echo«-Verantwortlichen zum Rücktritt aufforderte.

Die »Bild«-Zeitung befragte etliche »Echo«-Gewinner und -Teilnehmer; nicht geäußert haben sich die Musiker: Helene Fischer, Andrea Berg, Michelle, Mark Forster, Sarah Lombardi, Rea Garvey, Yvonne Catterfeld, Sarah Connor, »Die Fantastischen Vier«, Vanessa Mai, Götz Alsmann und Udo Lindenberg. ag/ppe/epd

TV-Kritik

»Phoenix« - herausragender Film über eine Schoa-Überlebende

Christian Petzolds grandiose Parabel auf Deutschland im »Jahre Null«

von Felicitas Kleiner  27.08.2026

Bremer Kunsthalle

Bremen

Auszeichnung für künstlerische Auseinandersetzung mit NS-Verbrechen

Die Künstlerin Annette Kelm wird mit dem 50. Pauli-Preis geehrt. Ihre Fotoserie »Die Bücher« zeigt Cover von Werken, die von den Nazis verboten und verbrannt wurden

 27.08.2026

MARKK Museum am Rothenbaum

Hamburg

Ausstellung zum Bild vom Judentum

Welches Bild hat das Hamburger Museum MARKK vom Judentum vermittelt? Welche Rolle spielte es in der NS-Zeit? Eine Ausstellung will diese Fragen beantworten

 27.08.2026

Interview

»Werdet ihr uns helfen, Israel zu ›reparieren‹?«

Die Regisseurin Yael Reuveny über das komplexe Verhältnis zwischen deutschen Juden und Israelis, ihr neues Filmprojekt und einen Aufruf an unsere Leser, nach Home-Videos von Israel-Reisen zu suchen

von Ayala Goldmann  27.08.2026

Kolumne

Fastenkurse im Bordbistro

Wieder mal Spaß gehabt mit der Deutschen Bahn: Über die Katastrophe eines Weltkonzerns

von Maria Ossowski  27.08.2026

Schweiz

Das sind die beliebtesten Vornamen für neugeborene Jungen und Mädchen

Eine neue Rangliste des Bundesamts für Statistik gibt Aufschluss

von Nicole Dreyfus  27.08.2026 Aktualisiert

Kinder

Noah, Ben oder Lea?

Warum sich biblische Namen im deutschsprachigen Raum großer Popularität erfreuen

von Nicole Dreyfus  26.08.2026

Ludwigshafen

Neue Ausstellung zu Ernst und Karola Bloch: Fotografische Reise

Eine neue Schau in Ludwigshafen zeigt das ereignisreiche Leben der Familie Bloch zwischen Exil und Heimatsuche anhand des fotografischen Nachlasses – in privaten und öffentlichen Momenten

von Norbert Demuth  26.08.2026

Nachruf

Großmeister der ausgreifenden Erzählung

Mit seinen Epochenromanen prägte er das literarische Bild Europas. Nun ist der vielfach ausgezeichnete Autor Peter Nadas gestorben

von Gregor Mayer  26.08.2026