Porträt

Singen als Statement

Ruth Frenk möchte Vokalmusik aus dem Konzentrationslager Theresienstadt vor dem Vergessen retten

von Ralf Balke  04.04.2016 17:17 Uhr

Sängerin, Gesangspädagogin und Bewahrerin von Musik aus dem KZ Theresienstadt: Ruth Frenk Foto: PR

Ruth Frenk möchte Vokalmusik aus dem Konzentrationslager Theresienstadt vor dem Vergessen retten

von Ralf Balke  04.04.2016 17:17 Uhr

Heute Nacht war es wieder so weit», sagt Ruth Frenk und lacht. «Der Albtraum vor dem Auftritt war wieder da.» Auch nach Jahrzehnten Erfahrung als Sängerin und Gesangspädagogin lassen sich die Ängste, die selbst gestandene Sängerinnen kennen, immer noch nicht einfach ausblenden. «Alles ging schief in dem Traum. Ich kam zu spät zur Vorstellung und hatte natürlich auch noch die falschen Noten im Gepäck.»

Dabei muss sich die 1946 in den Niederlanden geborene Konzert- und Liedsängerin eigentlich keine Sorgen machen. Die von ihr ins Leben gerufenen und geleiteten Gesangsklassen in Konstanz haben bereits mehrfach mit Bravour Die Zauberflöte von Mozart aufgeführt und werden mit Strauss’ Fledermaus diese Erfolgsserie auch weiterhin fortsetzen. «Es ist eine kleine One-Woman-Show. Die Gesamtleitung liegt in meiner Hand», berichtet sie stolz. Keine leichte Aufgabe, immerhin müssen 35 Personen auf der Bühne koordiniert werden.

Leidenschaft Längst sind ihre Aufführungen auch außerhalb der Bodenseeregion bekannt. Aber Oper und Operette sind nur zwei Facetten ihrer musikalischen Leidenschaft. «Ich bin in vielen Genres zu Hause», erklärt Frenk, die zuerst in Amsterdam und Genf studiert hatte, um anschließend in New York an der renommierten Manhattan School of Music ihren Abschluss zu machen. «Aber meine ganz besondere Leidenschaft gilt den Liedern des jüdischen Volkes sowie der Vokalmusik aus dem KZ Theresienstadt», so die Tochter zweier Überlebender des Konzentrationslagers Bergen-Belsen.

1974 folgte Ruth Frenk ihrer Lehrerin Else Seyfert nach Konstanz, wo sie auch heute noch lebt. «Der Bodensee ist mir einfach ans Herz gewachsen», bekennt die Sängerin. «Aber damals als Jüdin nach Deutschland zu gehen, das war schon etwas Besonderes.» Zum einen nervte sie die Attitüde mancher Deutscher, sie als ein exotisches Wesen zu betrachten. «Zum anderen war es mir ein tiefes Bedürfnis, mithilfe von Musik eine Art politisches Statement zu setzen.»

Und das geschah so: 1986 stieß Frenk zufällig auf die Lieder von Srul Irving Glick, einem kanadischen Komponisten, der zahlreiche Gedichte von Kindern vertont hatte, die nach Theresienstadt deportiert worden waren. «Das war die Initialzündung. Daraus entstand eine musikalische Collage», erinnert sie sich.

Erfolg 1988 traf Ruth Frenk auf den österreichischen Musiker Dieter Gogg, der die Chansons des Kabaretts aus Theresienstadt für sie nachkomponierte. «Daraus wurde ein unerwarteter Erfolg», freut sich Frenk noch heute. «Über 40-Mal bin ich damit in ganz Deutschland aufgetreten.» Eine Doppel-CD mit dem Titel Der letzte Schmetterling, die nun ihre dritte Auflage erreicht, war das Ergebnis dieser Arbeit. «Mich faszinierte der unbeugsame Wille zum Überleben, der in diesen Liedern zum Ausdruck kommt.»

Für sie ist es zudem ein Akt des Widerstands, wenn sich jüdische Künstler explizit zu ihrer kulturellen Identität bekannt hatten und sich diese nicht von den Nazis wegnehmen ließen. «Die Vertonung des Cornets von Rainer Maria Rilke durch den 1898 geborenen Komponisten Viktor Ullmann unmittelbar vor seiner Deportation ins Konzentrationslager Auschwitz ist dafür ein herausragendes Beispiel», so die Expertin. «Das war ein urdeutsches Stück, das fast jeder Soldat im Ersten Weltkrieg im Tornister dabei hatte.»

Durch ihre Beschäftigung mit der Musik aus Theresienstadt wurde Mira Zakai auf die Künstlerin vom Bodensee aufmerksam. Die Professorin für Gesang an der Buchmann-Mehta School of Music, Israels Inkubator für musikalische Talente, lud Ruth Frenk kurzerhand nach Beit Terezin ein. Das Gedenkzentrum im Emek Hefer widmet sich der Geschichte Theresienstadts. An der Sommerschule des israelischen Instituts unterrichteten beide gemeinsam junge Sängerinnen und Sänger, woraufhin eine Einladung zu Vorträgen und Seminaren über Vokalmusik aus Theresienstadt an die Academy of Music and Dance in Jerusalem folgten. Diese Kontakte bestehen bis heute.

politik «Theresienstadt zieht sich wie ein roter Faden durch meine gesamte Karriere als Künstlerin», sagt Frenk. Auch heute noch organisiert sie zu diesem Thema Workshops für Musikstudenten wie zuletzt in Hamburg. Bis 2013 war sie ebenfalls im Vorstand des Bundesverbandes Deutscher Gesangspädagogen. «Als ich dort 2006 anfing, hatten die noch keine Erfahrungen mit Juden gemacht», erzählt sie selbstbewusst. «Sie lernten aber rasch, dass man mit mir besser keine Vorstandsversammlungen an Rosch Haschana oder Jom Kippur abhält.»

Doch nicht nur Musik bestimmt Ruth Frenks Leben. Als Jüdin in Deutschland werde man bei Diskussionen früher oder später immer mit der Politik Israels konfrontiert, ist ihre Erfahrung. Auch deshalb engagiert sie sich politisch. Seit 1992 ist sie Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in der Bodensee-Region und Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.»

In diesen Funktionen reist sie zu Diskussionen und Vorträgen rund um das Thema Israel durch ganz Baden-Württemberg. Ruth Frenk scheut dabei auch keinesfalls die Auseinandersetzung, wenn es darum geht, dem jüdischen Staat gegenüber Solidarität zu zeigen und aufzuklären. «Albträume», sagt die Sängerin, «habe ich vor solchen Veranstaltungen nie.»

Sprachgebrauch

Der schwierige Umgang mit dem Erbe

Die nationalsozialistische Vergangenheit und ihre Giftpfeile in der heutigen Alltagssprache

von Julia Bernstein  27.01.2020

Los Angeles

US-Regisseure zeichnen Sam Mendes für »1917« aus

Der Award für das beste Regiedebüt ging an die Israelin Alma Har’el

 26.01.2020

»Messiah«

Der Erlöser spricht Iwrit

Die Serie verlegt die Ankunft des Gesalbten in die Gegenwart

von Sophie Albers Ben Chamo  25.01.2020

Dresden

Verhandlungen über Jüdisches Museum

Pläne für Museumsgebäude werden konkreter – möglicher Standort ist der Alte Leipziger Bahnhof

 24.01.2020

Berlin

Beuth-Hochschule wird umbenannt

Namensgeber Christian Peter Beuth war Antisemit – eine Ausstellung soll seine judenfeindliche Haltung thematisieren

 24.01.2020

Hören!

Zeugen sterben, Dinge erinnern

Der Deutschlandfunk widmet eine »Lange Nacht« den letzten Habseligkeiten der Ermordeten in Auschwitz

 24.01.2020

Wuligers Woche

Rat und Schläge

Wenn Medien nichts mehr einfällt, gibt es immer noch das Jüdische Museum Berlin

von Michael Wuliger  23.01.2020

Literatur

Auf eine Suppe in Stuttgart

Eine Erinnerung an den israelischen Schriftsteller Aharon Appelfeld sel. A.

von Anat Feinberg  23.01.2020

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter  23.01.2020