Comic

Sieht so normal aus hier

Mit leicht ironischem Unterton: Szenen aus »Israel verstehen – in 60 Tagen oder weniger« Foto: Panini

So sieht es also aus? Das Land, das so viel Blutvergießen und Streit verursacht hat? Es wirkt so normal», sagt Sarah Glidden. Man sieht die junge Frau gezeichnet auf einem kleinen Bild, in dem grüne Aquarelltöne die blühende nordisraelische Landschaft im Februar zeigen. Die Vorstellung von rauer, unwirtlicher Landschaft stimmt also auch nicht, ist nur eines von vielen Vorurteilen. Das ist die Botschaft von Gliddens gerade auf Deutsch erschienener Graphic Novel Israel verstehen in 60 Tagen und weniger. Auf 206 Seiten erzählt die jüdische Amerikanerin von ihrem «Birthrighttrip» 2007.

wahrheitssuche «Birthright Israel» ist eine israelische Stiftung, die junge Juden aus der Diaspora, vor allem Amerikaner, einlädt, zehn Tage lang kostenlos das Land zu bereisen. Die Birthright-Touren gelten manchen als Propagandaveranstaltungen. Auch Sarah Glidden glaubte das 2007. Andererseits würde ein solcher Trip das ideale Sujet für ein Comic-Langzeitprojekt abgeben, dachte die damals 26-Jährige und meldete sich an. «Ich werde also hinfahren und die Wahrheit in diesem Durcheinander suchen.

Wenn ich zurück bin, ist alles klar!», sagt sie im Comic beim Abschied zu ihrem Freund Jamil. Wie schwer die Suche nach der Wahrheit wird, erzählt Glidden dann auf mehr als 200 Bilderseiten, in leichten Wasserfarben gehalten, die an das helle Beige des Jerusalemer Sandsteins erinnern.

Vom akribischen Sicherheitscheck am Flughafen über erste Eindrücke vom Kibbuzleben, die Golanhöhen, Tel Aviv und schließlich, als Höhepunkt, Jerusalem, zeigt sie in sieben bis neun Bildern pro Seite, wie jährlich tausende junge jüdische Amerikaner Israel erleben.

ironie Als Kind hatte Sarah Glidden davon geträumt, Zeichnerin bei Disney zu werden. Die Idee verwarf sie, als sie bei einem Studiobesuch herausfand, dass alle dort Beschäftigten im gleichen Stil zeichnen mussten. Stattdessen hat sie eine eigene Handschrift entwickelt, um mit Comics politische Themen für Menschen zu erklären, die normalerweise nicht mal die Zeitung lesen. Das tut Glidden radikal subjektiv.

«Es sind eher Memoiren als eine journalistische Arbeit», sagt sie. Wenn etwa an einer Stelle ihrer Graphic Novel der israelische Tourleiter über den Sicherheitszaun spricht, schweift Glidden gedanklich ab. In ihrem Kopf spielt sie eine kleine Gerichtsszene durch, bei der sie Richterin, Anklägerin und Verteidigerin in einer Person ist und die Frage stellt, ob sie sich gerade einer Gehirnwäsche unterziehen lässt.

Auch an anderer Stelle kommentiert sie immer wieder in Gedankenfetzen ihr eigenes Verhalten, beispielsweise wenn sie statt «Na, wie geht’s dir heut’ morgen?» versteht «Na was macht der Selbsthass, Jude?» Ironie zieht sich durch das ganze Buch, schon beim Titel angefangen: Israel verstehen in 60 Tagen und weniger klingt nach einem Diätratgeber.

Glidden setzt Humor ein, um Israels komplexe Realität zu entkrampfen, zu der auch das Pathos mancher Menschen gehört, die die Autorin bei ihrer Reise kennenlernt. Etwa ein amerikanischer Jude, der in den 70er-Jahren Alija gemacht hat und den Besuchern episch von den Anfängen des Zionismus erzählt.

fragen Noch etwas macht Gliddens Graphic Novel angenehm zu lesen. Sie hat keine fertigen Antworten. Sie stellt vor allem Fragen: «Sind das palästinensische Arbeiter?

Oder arabische Israelis? Vielleicht sind es arabische Juden. Ist es rassistisch, wenn ich sie für Araber halte?», heißt es etwa in einer Szene. Überhaupt hat die Autorin erstaunlich viele Facetten des Landes untergebracht, seien es die optischen Unterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen, das Fernweh junger Israelis, das fettige Essen, die Raubeinigkeit im Umgang miteinander («Vorurteil Nr. 142: ›Israelis rempeln.‹ Überprüft und bestätigt.»), die modischen Ausrutscher junger Frauen.

Die vielfältigen Sichtweisen innerhalb der israelischen Gesellschaft werden von jungen Linken, Soldaten, die gerade aus der Armee kommen und Kibbuzbewohnern erklärt. Wer noch nie in dem Land war, kann hier etwas über Israel, seine Kultur und Geschichte lernen, ohne dicke Wälzer lesen zu müssen. Für Israelkenner gibt es oft amüsierte Wiedererkennungseffekte, wenn etwa das bekannte Pub «Mike’s Place» in Tel Aviv zu sehen ist oder Preisverhandlungen mit Schmuckhändlern in den Altstadtgassen von Jerusalem gezeigt werden.

Offen bleibt Sarah Glidden bis zum Schluss. Ihre Graphic Novel endet mit einem Kapitel «Nach Birthright» und der Erkenntnis der Autorin, dass sie nach ihrer Reise noch weniger als vorher erklären kann, was und wie Israel wirklich ist.

Sarah Glidden: «Israel verstehen – in 60 Tagen oder weniger». Übersetzt von Gerline Althoff. Panini, Stuttgart 2011, 208 S., 24, 95 €

TV-Tipp

»Robert Lembke - Wer bin ich?« -Doku-Drama über die TV-Legende

»Robert Lembke - Wer bin ich« ist ein kluger Film über Verdrängung, Volksbildung und das Schweigen einer TV-Legende über die eigene Vergangenheit

von Jan Lehr  02.06.2026

Programm

Klang, Gang und Streisand: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 3. Juni bis zum 10. Juni

 02.06.2026

Film

Die Entwirrung der UNRWA

Eine neue Dokumentation beleuchtet Geschichte, Auftrag und politische Rolle des Palästinenserhilfswerks

von Maria Ossowksi  02.06.2026

Punta Cana

Gal Gadot und Mila Kunis zeigen sich entspannt im Karibikurlaub

Die jüdischen Schauspielerinnen gehen in Puerto Rico ganz besonderen Freizeitaktivitäten nach

 02.06.2026

Leipzig

Jennifer Rush lernte mit dem Sandmännchen Deutsch

Die Sängerin mit jüdischem Familienhintergrund kam als Kind nach Deutschland. Warum das für sie ein Schock war und wie ihr das Fernsehen beim Ankommen geholfen hat

 01.06.2026

Jubiläum

Dichter und Bürgerschreck: Allen Ginsberg vor 100 Jahren geboren

Er lehnte sich gegen eine spießige und militarisierte Gesellschaft auf und propagierte ein ökologisches Bewusstsein: Der US-Dichter Allen Ginsberg war ein Pionier der »Beat-Generation«. Seine Visionen sind heute wieder aktuell

von Holger Spierig  01.06.2026

Reggio Emilia

Konzert von Kanye West in Italien abgesagt

Hintergrund sind Kanye Wests antisemitische Aussagen und die damit verbundene Sorge, große Proteste könnten die Sicherheit gefährden

 01.06.2026

TV-Tipp

Kultfilm »Harry und Sally« - immer wieder was fürs Herz

Die Komödie des vor Kurzem ermordeten Regisseurs Rob Reiner avancierte zum Kultfilm

von Jan Lehr  01.06.2026

München/Jerusalem

Rabbinerkonferenz weist Kritik an deutschen Yad-Vashem-Standorten zurück

Die geplanten Außenstellen von Yad Vashem in Deutschland stoßen auch auf Skepsis. Doch die Orthodoxe Rabbinerkonferenz warnt davor, die Arbeit der Gedenkstätte zum Gegenstand politischer Abrechnungen zu machen

 31.05.2026