Anne Frank

»Sie wollte berühmt werden«

Jacqueline van Maarsen (r.) und ihr Enkel bei der Vorstellung der App »WDR AR 1933–1945« Foto: dpa

Es braucht nur noch ein paar Klicks auf dem Smartphone, schon sitzt dem Anwender ein Zeitzeuge aus der NS-Zeit gegenüber und spricht freimütig über seine Erinnerungen. Das funktioniert aber nur so lange, wie der Anwender den Blick nicht von seinem Smartphone oder Tablet hebt. Denn durch die AR-Technologie (Augmented Reality, deutsch: erweiterte Realität) gewinnt der Nutzer den Eindruck, als sitze der Zeitzeuge gleich neben ihm – freilich nur auf dem Bildschirm.

Um so in die Geschichte einzutauchen, können Nutzer die App »WDR AR 1933-1945« kostenfrei installieren. Geschichten von Kriegskindern gibt es in der Anwendung bereits. Nun kommen Geschichten über das jüdische Mädchen Anne Frank hinzu. Sie führte über ihre Zeit im Versteck vor den Nationalsozialisten Tagebuch, wurde am Ende aber verraten und deportiert. Im KZ Bergen-Belsen starb sie an Typhus.

ns-zeit Ab dem 12. Juni – dem Tag, an dem sie 90 Jahre alt geworden wäre – ist das Projekt »Meine Freundin Anne Frank« in der App verfügbar. Ihre Schulfreundinnen Jacqueline van Maarsen und Hannah Goslar berichten darin, wie sie Anne Frank und die NS-Zeit erlebt haben.

»Ich fand Anne sehr lebendig und mochte das sehr gerne«, erinnert sich etwa van Maarsen. Ein Team des WDR hatte sie in ihrer niederländischen Heimat besucht und sie aus zwei Perspektiven gefilmt, während sie von ihrer Vergangenheit berichtete. In dem daraus entstandenen Video vermittelt sich dem App-Nutzer ein dreidimensionaler Eindruck.

Die etwa vierminütigen Filmbeiträge machen Geschichte erlebbar. So sitzt nicht nur ein Zeitzeuge mitten im Zimmer, auch der Hintergrund wird zeitweise angepasst.

Die etwa vierminütigen Filmbeiträge machen Geschichte erlebbar. So sitzt nicht nur ein Zeitzeuge mitten im Zimmer, auch der Hintergrund wird zeitweise angepasst. Zu sehen sind Schriftzüge aus Annes Tagebuch oder die Schienen, die in das KZ Auschwitz führen.

»Der Name Anne Frank steht sinnbildlich dafür, wie wichtig die Erinnerung an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte ist«, sagt WDR-Intendant Tom Buhrow. »Unsere Aufgabe ist es deshalb, diese Erinnerung auch in Zukunft wachzuhalten.« Das war auch das Ziel von App-Autorin Stefanie Vollmann. Durch die App werde ein »emotionales Verständnis für Geschichte« geschaffen, erklärt sie. Das wirke noch einmal anders als das Lesen des Tagebuchs.

mythos »Ich habe Anne Frank vorher immer als Mythos wahrgenommen, durch die Begegnung mit den beiden Freundinnen wurde sie für mich zum Mädchen«, berichtet sie von ihrer Arbeit. Dieses Gefühl wolle sie durch »Augmented Reality« nun für alle Menschen erfahrbar machen.

Auch wenn die App im heimischen Wohnzimmer angewendet werden kann, ist sie für den Schulunterricht konzipiert worden.

Die App bietet auch viele Zusatzmaterialien, die eine Auseinandersetzung mit der Historie ermöglichen. Denn auch, wenn die App im heimischen Wohnzimmer angewendet werden kann, ist sie für den Schulunterricht konzipiert worden. Bereits mehrfach sei sie mit der App und ihrem bisherigen Kriegskinder-Projekt an Schulen gewesen, berichtet Vollmann. Die Lehrer hätten die Anwendung positiv aufgenommen. Viele Kinder hätten besonders konzentriert an den beigefügten Unterrichtsmaterialien gearbeitet. Das – so die Vermutung der Lehrer – habe auch an den unmittelbaren Eindrücken durch die Zeitzeugen gelegen.

Auch Jacqueline van Maarsen gefällt ihr virtuelles Abbild. »Das war für mich etwas Neues«, erzählt sie. Mittlerweile verstehe sie aber, dass diese Darstellungsweise gut bei Jugendlichen ankomme. »Natürlich ist es immer wichtig, davon zu erzählen, was passiert ist«, sagte sie. Auch ihr Mann Ruud Sanders ist »beeindruckt über die Art, wie man in Deutschland über diese Dinge denkt und spricht«.

Über das Tagebuch und darüber, was es im Laufe der Jahrzehnte bewirkt hat, würde van Maarsen ihrer Freundin Anne gerne erzählen. Denn: »Sie wollte berühmt werden und keine Hausfrau wie ihre Mutter.«

Meinung

Schlechte Wahl

Warum es keine gute Idee ist, den Berliner U-Bahnhof »Mohrenstraße« nach Michail Iwanowitsch Glinka zu benennen

von Judith Kessler  06.07.2020

Thüringen

900 Jahre jüdisches Leben

Das Vorbereitungsgremium zum Themenjahr 2020/21 traf sich zu seiner ersten Sitzung

 06.07.2020

Porträt

Ein »Loser« ohne Scheuklappen

Beck hat die Pop-Welt nach seinen eigenen Regeln aus den Angeln gehoben. Nun wird der Musiker 50

 05.07.2020

Brian Epstein

Leben von Beatles-Manager wird verfilmt

»Midas Man« soll vom schwedischen Regisseur Jonas Akerlund inszeniert werden

 03.07.2020

Nachruf

Britisch-polnische Geigerin Ida Haendel gestorben

Sie zählte zu den bedeutendsten Violinistinnen des 20. Jahrhunderts und unterrichtete David Garrett

 02.07.2020

Weimar

Mirjam Wenzel wird Bauhaus-Gastprofessorin

Die Direktorin von Jüdischem Museum Frankfurt/Main will über aktuelle jüdische Lebensrealität in Europa sprechen

 02.07.2020

»Unsere Werte«

Familie, Gemeinschaft, Gerechtigkeit

Das Jüdische Museum Augsburg Schwaben stellt in seiner Dauerausstellung Fragen zur Gültigkeit von Begriffen

 02.07.2020

Gespräch

Bedrohung und Staatsversagen

Der zweite »Jüdische Salon« des Zentralrats der Juden widmet sich Ronen Steinke und seinem neuen Buch

 02.07.2020

Wuligers Woche

Euer Trauma und unseres

Wenn deutsche Nichtjuden sich die Schoa aneignen

von Michael Wuliger  02.07.2020