Julia Franck

»Sie liebt, aber sie wird nicht geliebt«

Im 100. Todesjahr von Rainer Maria Rilke zeichnet das neue Buch von Julia Franck ein lebendiges Porträt der jüdischen Malerin Baladine Klossowska, geboren 1881 in Breslau als Else Spiro. Auf der Grundlage des umfangreichen Briefwechsels entsteht das Bild einer hingebungsvollen Beziehung zu Rilke, die in ihrer Absolutheit an Obsession grenzt, während er sich ihre Liebe gefallen lässt, aber immer wieder Distanz sucht. Mit der Autorin sprach Knut Elstermann.

Frau Franck, mir war Baladine Klossowska bisher völlig unbekannt, dabei gibt es viele interessante Bezüge etwa zur Kunstgeschichte. Ihr Bruder Eugene Spiro war ein bekannter Maler, einer ihrer beiden Söhne wurde unter dem Namen Balthus ein weltberühmter Künstler. Wie sind Sie auf diese Vergessene gestoßen?
Ich habe sie durch Zufall entdeckt. Wir alle kennen Rilkes Frauen wie Lou Andreas-Salomé und Clara Westhoff. Aber dass es eine Baladine Klossowska in Rilkes Leben gab, war mir völlig unbekannt. Ich stieß im Marbacher Archiv auf sie, als ich für die »Andere Bibliothek« einen Band über Rilkes Nähe zur Kunst herausgab. Die Rilke-Biografin Sandra Richter, die auch einen Beitrag für das Buch geschrieben hatte, machte mich auf Rilkes Geliebte der letzten sechs Lebensjahre, Baladine, aufmerksam. Als Baladine 1954 den Briefwechsel mit Rilke herausgab, nannte sie sich Merline. Sie wollte unerkannt bleiben. Baladine war ihr Künstlername, er steht sogar auf ihrem Grabstein. Sie ist 1969 gestorben. Diese Namen hat sie selbst erfunden, so wie sie auch ihre Person immer wieder neu erschuf. Von ihren Geschwistern und Freunden wurde sie Muki, von Rilke Mouky genannt. Die beiden sprachen und schrieben sich französisch. Ich habe mich in diesen sehr umfangreichen Briefwechsel eingelesen. Auch die Briefe mit ihren Geschwistern und mit ihrer Freundin, der Sexualwissenschaftlerin Charlotte Wolff, gaben mir ein ungeheuer plastisches Bild von dieser Malerin, deren Gemälde zum größten Teil verschollen sind. Ich hoffe sehr, dass sie eines Tages in Sammlungen wieder auftauchen werden.

Sie ist also in der Geschichte fast ausgelöscht und bleibt schemenhaft. In Ihrem Buch füllen Sie diese Leerstelle sehr einfühlsam aus und schaffen ein lebendiges Bild dieser Frau. Hat sie sich auch selbst verleugnet?
Natürlich habe ich mich auch gefragt, warum sie im Schatten steht. Ich möchte keine psychologischen oder akademischen Ausdeutungen, aber so wie ich es sehe, könnte es mit dem Antisemitismus ihrer Zeit und auch mit Rilkes eigenem zu tun haben. Er hat sich sehr hässlich über Juden geäußert, gleichzeitig das Jüdische folkloristisch fetischisiert. Für ihn war das kein Widerspruch. Aber es war vielleicht der trennende Aspekt zwischen ihnen, der dazu führte, dass sie sich so sehr zurückgenommen und ihre jüdische Herkunft ihm gegenüber nicht erwähnt hat. Sie hat es nicht verleugnet in dem Sinne, dass sie darüber gelogen hätte. Sie schweigt darüber laut in dem Briefwechsel.

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Sie war aber auch eine moderne, selbstständige Frau, alleinerziehend mit zwei Kindern, früh geschieden. Ihre erotischen Wünsche, ihr Begehren spricht sie gegenüber Rilke in ihren Briefen sehr deutlich aus, ihn scheint das eher befremdet zu haben?
Das stimmt, und es gibt sicher viele Ursachen für diese Ängste bei ihm. Das Verhältnis zur Mutter, die schlimmen Erfahrungen in der Militärakademie, in die er als zehnjähriger Junge gesteckt wurde und wo er schwere Gewalt an Körper und Seele erleiden musste. Das sollte man wissen, um diesen fragilen, ätherischen Mann zu verstehen. Von Baladine ist er wie vom Donner gerührt, er fühlt sich stark angezogen und hat gleichzeitig Angst vor dieser Frau, die so selbstbewusst ist, die sexuell frei und libertär lebt. Das erinnerte mich an meine jüdische Großmutter Ingeborg Hunzinger, die auch Künstlerin war, da gibt es viele Parallelen.

Kann man denn überhaupt von seiner Geliebten sprechen, wie es im Buchtitel heißt? Es war doch offenbar ihre sehr einseitige Hingabe.
Sie liebt, aber sie wird nicht geliebt, und das weiß sie sehr genau. In einem Brief an ihre Freundin Charlotte Wolff in London benennt sie das sehr klar. In diesem Brief aus den 50er-Jahren wird auch deutlich, dass es ihrer Liebe keinen Abbruch tat. Im Gegenteil. Im Lesen seiner Gedichte und Briefe kann sie noch den Toten ihr Leben lang lieben, ewig. Es war eine Liebe, die auf Gegenliebe angelegt war, die auf diesem Kosten-Nutzen-Prinzip beruhte, das sich in der Gegenwart so stark auf alle Verhältnisse legt. Für Rilke war sie eine Muse, die gerade sein Spätwerk beeinflusste. Sie war bettelarm, er schickte ihr und ihren Söhnen immer wieder Farben und Papier.

Wie müssen wir uns Baladine vorstellen, als eine leidende, sich opfernde Frau? Sie schreiben von Phasen der Depression.
Diese Phasen gab es, besonders in den 1920er-Jahren, da schreibt sie, dass die fünfte Morphiumspritze nicht mehr hilft, sie war vermutlich in dieser Zeit mor­phiumabhängig. Das Morphium hat sicherlich ihre Depressionen noch befördert. Nach Rilkes Tod ging es ihr besser, sie hatte in Paris einen jüngeren Liebhaber. Sie war eine vitale, lebensfrohe Frau, eine großartige Köchin und intellektuelle Anregerin im Kreis der versteckt überlebenden Juden in der freien Zone Frankreichs. Dort hat Baladine Klossowska in größerer Runde jeden Abend Rilke vorgelesen, sie lebte mit seiner Dichtung bis ins hohe Alter. Ihre bedingungslose Liebesfähigkeit ist ungewöhnlich und trotzdem gar nicht altmodisch. Es ist ein universelles und auch gegenwärtiges Phänomen: Es gibt Menschen, öfter sind es Frauen als Männer, die auf ihre Weise lieben müssen. Ich sage müssen, weil man sich nicht aussuchen kann, wen man und wie man lieben will.

Julia Franck: »Ich ertrinke in den Wassern meiner eigenen Liebe. Rilkes letzte Geliebte«. Pfaueninsel, Köln 2026, 176 S., 22 €

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